Indien: Notenbank senkt erneut den Leitzins


12.04.19 11:05
DekaBank

Frankfurt (www.anleihencheck.de) - Die indische Notenbank hat den Leitzins auf ihrer April-Sitzung erwartungsgemäß um 25 Bp auf 6% gesenkt, so die Analysten der DekaBank.

Es sei die zweite Zinssenkung in Folge gewesen. Die Währungshüter hätten diesen Schritt mit nachlassenden Inflationsgefahren und erhöhten Wachstumsrisiken begründet. Die Inflationsrate sei zwar im Februar von 2,0% von 2,6% gestiegen, doch sie liege damit immer noch deutlich unter dem Inflationsziel von 4%. Vor allem aber habe sich der Ausblick verbessert: Im Zeitraum von April bis September erwarte die Zentralbank nun eine durchschnittliche Inflationsrate von 2,9% bis 3,0%, während die Prognose bislang bei 3,2% bis 3,4% gelegen habe. Die BIP-Prognose für das laufende Fiskaljahr, das am 31. März 2020 ende, sei von 7,2% auf 7,0% gesenkt worden.

Explizit sei auf konjunkturelle Risiken wegen einer Wachstumsabschwächung in Europa und den Schwellenländern hingewiesen worden. Die Einkaufsmanagerindices seien im März gesunken und hätten damit den eher verhaltenen Ausblick bestätigt: Der PMI für das Verarbeitende Gewerbe sei von 54,3 auf 52,6 Punkte gesunken, der Dienstleister-PMI sei von 52,5 auf 52,0 Punkte zurückgegangen. Die Kommunikation der Notenbank mache einen weiteren Zinsschritt im Juni wahrscheinlich, wenn sich bis dahin nicht der Wachstumsausblick aufgehellt habe.

Die Indische Rupie habe zwar seit der jüngsten Zinssenkung rund 2% gegenüber dem US-Dollar eingebüßt, doch damit habe sie lediglich die Gewinne wieder abgegeben, die sie im bisherigen Jahresverlauf aufgebaut habe. Von einer Währungsschwäche könne bislang nicht die Rede sein. Sollte sich der jüngste Abwärtstrend jedoch fortsetzen, werde eine Zinssenkung unwahrscheinlicher. Aus Währungssicht problematisch bleibe die Entwicklung der Leistungsbilanz: Das Defizit habe sich im vierten Quartal nur leicht verringert und im Gesamtjahr 2018 bei 2,4% des BIP gelegen, was deutlich über dem Vorjahreswert von 1,5% gelegen habe.

Die wirtschaftliche Entwicklung dürfte bei den anstehenden Parlamentswahlen, die aufgrund der großen organisatorischen Herausforderungen vom 11. April bis 17. Mai abgehalten würden, eine zentrale Rolle spielen. Die Lage am Arbeitsmarkt habe sich nicht durchgreifend verbessert, womit die Regierung eines ihrer wichtigsten Reformziele nicht erreicht habe. Die jüngste Auseinandersetzung mit dem Nachbarn Pakistan, bei der die indische Luftwaffe nach eigenen Angaben ein Terroristenlager auf pakistanischer Seite bombardiert habe, dürfte der Regierung jedoch in der Wählerstimmung geholfen habe. So würden die Analysten der DekaBank erwarten, dass Modi nach der Wahl erneut eine Regierung bilden werde, auch wenn Stimmenverluste wahrscheinlich seien.

Indien dürfte auf absehbare Zeit die wachstumsstärkste aller großen Volkswirtschaften sein. Dies ändere jedoch nichts an den grundlegenden Problemen des Landes. So gebe es große Mängel in der Infrastruktur, im Bildungswesen und in der öffentlichen Verwaltung. Das hohe Leistungsbilanzdefizit setze zudem inlandsgetriebenem Wachstum gewisse Grenzen. Ein wichtiger Pluspunkt sei die Glaubwürdigkeit, die die Zentralbank in den vergangenen Jahren gewonnen habe, da hierdurch die Inflationsbekämpfung erleichtert werde. Nach dem Rücktritt von Zentralbankgouverneur Patel müsse die Notenbank jedoch erst unter Beweis stellen, dass sie bei einem Aufkommen von Inflationsgefahren bereit sei, frühzeitig gegenzusteuern.

S&P und Fitch würden indische Fremdwährungsverbindlichkeiten mit Baa3/BBB- im untersten Bereich des Investment Grade einstufen. Moody's habe das Rating 2017 um eine Stufe auf Baa2 heraufgestuft und damit den stabilitätsorientierten geld- und fiskalpolitischen Kurs sowie die strukturellen Reformen der vergangenen Jahre gewürdigt. Der Rücktritt von Zentralbankgouverneur Patel sorge allerdings für Zweifel an der Unabhängigkeit der Notenbank und sei als Rückschritt zu werten. (Ausgabe vom 10.04.2019) (12.04.2019/alc/a/a)