Geldpolitik: Eine Handbreit Wasser unterm Kiel


05.02.16 09:32
Baader Bank

Unterschleissheim (www.anleihencheck.de) - Nach mehreren erfolglosen Versuchen ist es inzwischen den Bergungskräften gelungen, das vor der Küste Frankreichs havarierte Frachtschiff "Modern Express" an den Haken zu nehmen und langsam von der Küste weg in den Hafen von Bilbao zu schleppen, do Klaus Stopp, Leiter der Skontroführung Renten bei der Baader Bank.

Das Schiff habe wegen verrutschter Ladungen Schlagseite gehabt und aufgrund zu laufen gedroht. Nicht zuletzt die unruhige See, der verschobene Schwerpunkt des Schiffes und die dadurch entstandene Schieflage würden an die aktuellen Probleme der Notenbanken erinnern. Denn die Unternehmensnachrichten und die damit veröffentlichten Wirtschaftsdaten würden die Kapitalmärkte nicht zur Ruhe kommen lassen.

Somit bleibe den Kapitänen der Geldpolitik nichts anderes übrig als dafür zu sorgen, dass das Schiff "Wirtschaftswachstum" zumindest - im übertragenen Sinne - immer eine Handbreit Wasser unterm Kiel habe bzw. einen sicheren Hafen erreiche. Wie das zu bewerkstelligen sei, darüber hätten die Notenbanken allerdings sehr unterschiedliche Vorstellungen. So habe in der vergangenen Woche die Bank of Japan (BoJ) einen Dreisatz aufgestellt, der das Motto: "Ich will ja, aber ich kann nicht wie ich eigentlich will" widerspiegelt. Die Tatsache, dass der Weg zum negativen Zins nur mit einem Stimmenverhältnis von 5:4 beschlossen worden sei, verdeutliche dies sehr eindrucksvoll.

Einmal über den Pazifik nach Amerika geschaut, müsse man feststellen, dass sich die Einschätzung vieler Analysten inzwischen gewandelt habe. Noch vor wenigen Wochen habe man sich lediglich Gedanken dazu gemacht, ob die nächste von vier Zinserhöhungen bereits im März erfolgen werde. Inzwischen würden sich die Stimmen häufen, ob es in diesem Jahr vielleicht nur noch eine oder sogar keine Anhebung mehr geben werde.

Das sei auch der Grund, weshalb sich in diesem Frühjahr die Blicke weniger auf die amerikanische Notenbank (FED), sondern eher auf die Vorgehensweise der Europäischen Zentralbank (EZB) richten würden. Ihr Präsident Mario Draghi müsse dann nämlich liefern. Die auf der Pressekonferenz im Januar gemachten Andeutungen würden ihn nun in Zugzwang bringen. Zumal ihm nicht nur die Kapriolen an den Kapitalmärkten das Leben schwer machen würden, sondern sich auch das anvisierte Kreditwachstum inzwischen als Rohrkrepierer herausstelle. Doch Letzteres werde dringend benötigt und zwar anscheinend ohne Rücksicht auf Verluste.

Aber die Banken könnten sich in der aktuellen Ertragssituation keine Not leidenden Kredite leisten, da sie mächtig unter der Niedrigzinspolitik der EZB leiden würden und unter Druck stünden. Viele Unternehmer würden sich aufgrund der unsicheren Konjunkturperspektiven nicht zu investieren trauen und somit würden die Kreditkunden fehlen. Auch dass viele Banken aus Wettbewerbsgründen langjährige Kunden vor der Last negativer Zinsen verschonen würden, zehre manchen Euro in der GuV auf. Noch funktioniere das System, da die durch die Vermögensverwaltung eingespielten Erträge zur Quersubventionierung genutzt werden könnten. Es sei aber nur eine Frage der Zeit, bis die Provisionen schwinden würden und den Banken dadurch die zum Atmen notwendige Luft abgeschnürt werde.

Dennoch es sei kein Ende dieser Zinspolitik in Sicht und so Würden die Kapitalmärkte weiterhin mit Liquidität geflutet. Grundsätzlich brauche jedes Schiff, um manövrierfähig zu bleiben, mindestens eine Handbreit Wasser unterm Kiel. Doch wie viel das sein müsse, hänge in erster Linie von dem Tiefgang des Schiffes infolge der Beladung ab. Und genau das sei das Problem in der Eurozone. Die Schiffe seien nicht gleich, alle Gewässer unterschiedlich tief und die EZB habe nur eine Messlatte.

Die Lage in Griechenland sei verzwickter denn je. Ohne Reform drohe das Rentensystem von Hellas zusammenzubrechen, warne Ministerpräsident Alexis Tsipras. Und ohne die geplanten Reformen gebe es auch keine Hilfen von den internationalen Geldgebern. Doch der Widerstand in der Bevölkerung sei groß und Tsipras sei ein gutes Jahr nach seiner Amtseinsetzung massiv unter Druck geraten.

So werde es am Donnerstag in ganz Griechenland einen der größten Streiktage der vergangenen Jahre geben. Staatsbedienstete, Seeleute, Tankwarte, Apotheker, Lastwagenfahrer und Taxifahrer würden in den Ausstand treten wollen. Damit würden sie sich den Landwirten anschließen, die bereits seit Tagen zahlreiche Verkehrsknotenpunkte lahm legen würden. Ebenso würden Rechtsanwälte und Notare den Dienst verweigern. Der Unmut richte sich gegen die geplante Renten- und Steuerreform. So sollten die Renten um durchschnittlich 15% gekappt werden. Freiberufler und Bauern müssten dadurch nach Gewerkschaftsangaben rund zwei Drittel ihres Einkommens als Renten- und Krankenkassenbeiträge sowie Steuern zahlen. Die Regierung befürchte aber, dass das Rentensystem ohne diese Reform kollabieren könnte.

Seit Montag seien die Kontrolleure der Kreditgeber der EU und des Internationalen Währungsfonds (IWF) für etwa zehn Tage in Athen. Danach müsse Tsipras die Rentenreform durchs Parlament bringen. Erst anschließend würden sich die Kontrolleure die Bücher erneut anschauen und gegebenenfalls ihr Plazet für die Auszahlung weiterer Kredite geben. Problematisch sei hierbei, dass die Tsipras Koalition nur eine hauchdünne Mehrheit bei 153 von 300 Abgeordneten habe. Würden ihm nur drei die Gefolgschaft verweigern, könnten die politischen Turbulenzen in dem Land weiter zunehmen. Dabei habe Hellas eine Schlüsselstellung in der europäischen Flüchtlingsproblematik, weshalb eigentlich politische Stabilität dringend notwendig wäre.

Wie es nun weitergehe, sei zumindest gestern aus griechischen Medien nur eingeschränkt zu erfahren gewesen. Denn auch die Journalisten hätten sich dem Streik angeschlossen.

Die Verlustmeldungen der Deutschen Bank würden den Haltern von deren CoCo-Bonds die Sorgenfalten auf die Stirn treiben. Denn mit den Verlusten des Instituts würden auch Schwellenwerte, die eine Aussetzung von Zahlungen auf die riskanten Anleihen herbeiführen könnten, in greifbare Nähe geraten.

Contingent Convertible Bonds (CoCos) seien Refinanzierungsinstrumente, welche den Emittenten helfen sollten, ihre Eigenkapitalausstattung in wirtschaftlich ungünstigen Zeiten zu verbessern. Dies werde dadurch erreicht, dass beispielsweise bei Unterschreiten einer vorher definierten Eigenkapitalschwelle eine Wandlung dieser Anleihe in Eigenkapital (Aktien) erfolge oder ein automatischer Haircut bei dieser Anleihe ausgelöst werde, um die Eigenkapitalquote zu steigern.

CoCos mit einem Volumen von 4,6 Mrd. Euro habe die Deutsche Bank emittiert, die mit mindestens 6% verzinst würden. Im Fall des größten deutschen Kreditinstituts würden die Zinszahlungen von der Eigenkapitaldecke der Bank abhängen. Hierzu habe das Geldhaus vergangene Woche erklärt, dass es in der Lage sei, die Kupons für 2015 zu bedienen - zumindest "nach vorläufigen Zahlen". Allerdings komme die Deutsche Bank unter den großen europäischen Instituten der Nichterfüllung dieser Anforderungen am nächsten.

Viel dürfe daher nicht mehr passieren. Sollte die Bank aus irgendeinem Grund - etwa wegen neuer Rechtsstreitigkeiten - die Risikogewichtung bestimmter Aktiva erhöhen müssen, könnte sich die Eigenkapitalquote schnell soweit verringern, dass die Kupons nicht mehr bedient würden.

Der Internationale Währungsfonds (IWF) ändere seine Kreditregeln, so die Intention, um eine Verschärfung von Schuldenkrisen künftig zu vermeiden. Demnach wolle der IWF nicht mehr wie bisher eine Restrukturierung der Schulden als Voraussetzung für die Gewährung von Hilfsgeldern erzwingen. Vielmehr könnten in Zukunft die Laufzeiten kurzfristiger Schulden verlängert werden, sofern das betroffene Land während des Programms auch Gelder von anderen Gläubigern erhalte.

Mit dieser Regeländerung verspreche sich der IWF eine größere Flexibilität in der Bewältigung von Schuldenkrisen, wie sie bei den Rettungsversuchen für Griechenland 2010 nicht gegeben gewesen sei. Bevor Schulden eine Wirtschaft erdrücken würden und die Restrukturierung von Staatsanleihen das Risiko einer finanziellen Ansteckung berge, könne der IWF nun dennoch versuchen, ein Land zu retten. Voraussetzung dafür wäre dann, dass die Anleihebesitzer einer Laufzeitverlängerung zustimmen würden, welche nur die Zeit abdecke, während der sich das Land in einem Rettungsprogramm befinde.

Die USA würden als das neue Steuerparadies gelten. Hohe Summen an Offshore-Geldern würden dort hinfließen, weil sie auf diese Weise dem Steuergesetz Fatca und dem Automatischen Informationsaustausch (AIA) entkommen könnten. Nachdem bisherige Steueroasen wie die Schweiz, die Bermudas, die Cayman Islands und die British Virgin Islands dem AIA-Abkommen beigetreten seien und sich der Steuertransparenz verpflichtet hätten, würden die Superreichen ihr Geld einfach in die USA umschichten, die sich dem OECD-Abkommen nicht angeschlossen hätten. Die USA seien die neue Schweiz, wie Bloomberg schreibe.

Mit Blick auf Fatca (Foreign Account Tax Compliance Act), ein US-Gesetz, mit dem das US-Steuer-Reporting von ausländischen Finanzinstitutionen 2010 deutlich verschärft worden sei, liefere die US-Steuerbehörde keine Informationen über Anlagen, die außerhalb der USA verdient worden seien. Und weil die USA dem AIA fern geblieben seien, müsse keine US-Bank Informationen über Kunden ohne US-Bezug herausrücken.

Ergo: Die USA hätten die Welt zur Steuertransparenz verpflichtet, um selbst zum Steuerparadies zu werden.

Der stark vom Ölpreis getriebene Wertverfall des Russischen Rubels bereite in Russland zunehmend Kopfzerbrechen. So könnte sich die Rückzahlung von Fremdwährungskrediten zum Problemfall entpuppen. In Moskau sei es aus diesem Grund vor kurzem sogar zu Demonstrationen in Bankfilialen gekommen, würden die Deutschen Mittelstandsnachrichten berichten.

Offenbar würden immer mehr Kreditnehmer in die Bredouille geraten, wenn es gelte, Kredite in Fremdwährung zurückzuzahlen. Mit der Sowkombank habe sich das erste Institut bereits flexibel gezeigt und habe den Kreditnehmern bei der Rückzahlung einen unter Marktniveau liegenden Wechselkurs eingeräumt. Die Frage sei nun, ob sich das Thema so aufschaukle, dass der russische Staat womöglich einschreiten müsse, um Unruhen zu vermeiden.

Dabei könnte sich Moskau an Ungarn und Polen orientieren. So habe die Regierung Orban kürzlich Banken gezwungen, rückwirkend Zinsen und Gebühren für Kredite in Schweizer Franken zu senken. Auch Polen habe von den Banken gefordert, auf CHF lautende Hypothekenkredite in Polnische Zloty umzuwandeln, um heimische Kreditnehmer zu entlasten. Mit diesem Schritt würden defacto die heimischen Banken enteignet. Je länger der Ölpreis niedrig bleibe und den Russischen Rubel schwäche, desto größer werde die Versuchung für Moskau werden, gegebenenfalls derartig auf solche Entwicklungen zu reagieren.

Ungeachtet der aktuellen Marktturbulenzen an den internationalen Finanzmärkten habe easyJet, ein Anbieter von Billigflügen, sein bereits seit längerem angekündigtes Debüt am Primärmarkt für Corporate Bonds gewagt. Der Start sei ohne Probleme gelungen und so sei frisches Kapital in Form einer siebenjährigen Anleihe (ISIN XS1361115402 / WKN A18XR3) im Volumen von 500 Mio. Euro mit einer Fälligkeit am 09.02.2023 aufgenommen worden. Das Unternehmen zahle jährlich Zinsen in Höhe von 1,75%. Der Bond sei mit +147 bps über Mid Swap gepreist worden, was einem Ausgabepreis von 99,85% entsprochen habe. Die Anleihe verfüge über ein optionales Kündigungsrecht zugunsten des Emittenten (Make-Whole-Option). Durch die gewählte Mindeststückelung von 100.000 Euro richte sich diese Anleihe insbesondere an institutionelle Investoren.

Mit Ausnahme der beschriebenen Anleihe habe es in der vergangenen Woche keine nennenswerten Neuemissionen bei den Corporate Bonds und Financials gegeben. Neben den globalen konjunkturellen Unsicherheiten und den hohen Volatilitäten in den unterschiedlichen Assetklassen, die für eine abwartende Haltung der Unternehmen sorgen würden, seien aber auch andere Ursachen für diese Ruhe am Primärmarkt verantwortlich.

So würden sich auch immer mehr größere Gesellschaften über Schuldscheine refinanzieren. Das Segment der Unternehmens-Schuldscheindarlehen habe nach Recherchen der Bayerischen Landesbank im Jahr 2015 mit einem Volumen von 19,3 Mrd. Euro einen neuen Rekord erreicht. Insgesamt seien 104 Transaktionen gezählt worden, wobei mit ZF Friedrichshafen der bisher größte Schuldschein aller Zeiten platziert worden sei (2,2 Mrd. Euro). Aber auch andere Emittenten wie Daimler seien diesem Beispiel gefolgt. Mit der Begebung von Schuldscheinen, die nicht zuletzt einer gesteigerten M&A-Aktivität geschuldet sei, könne seitens der Emittenten flexibler und schneller auf die eigenen und die Bedürfnisse der institutionellen Anleger reagiert werden.

Auch in dieser Woche habe der Euro-Bund-Future seinen Turbo gezündet und sei auf ein neues Allzeithoch bei 164,22% gestiegen. Da sich die Rendite der zehnjährigen Bundesanleihe momentan auf ca. 0,28% belaufe, bestehe also noch Handlungsspielraum, wenn das bisherige Allzeittief bei 0,07% nochmals erreicht werden sollte. Aufgrund der diversen Hiobsbotschaften bezüglich der konjunkturellen Entwicklung in verschiedenen Volkswirtschaften sei diese Reaktion des Sorgenbarometers teilweise nachvollziehbar. Allerdings sei die Frage erlaubt, ob es wirklich zum jetzigen Zeitpunkt noch sinnvoll sei, zum Schutze vor einem Kursrutsch an den Aktienmärkten, in die größte aller Blasen zu investieren. Doch das müsse jeder Investor selbst für sich entscheiden.

Als Entscheidungshilfe könne hierbei die Chartanalyse herangezogen werden. Nach oben bilde das gestrige Hoch bei 164,22% einen ersten Widerstand. Da seit Jahresanfang fast täglich neue Höchstkurse erzielt worden seien, könne ein erstes und etwas stabileres Fangnetz erst bei ca. 162,70% ausgemacht werden. Allerdings sei nochmals darauf hingewiesen, dass im Falle von erhöhten Handelsaktivitäten ausländischer Investoren diese Linien sicherlich kein Hindernis darstellen würden.

In den USA seien in dieser Handelswoche lediglich Geldmarkttitel den interessierten Investoren zum Kauf angeboten worden. So seien T-Bills mit einer Laufzeit von 4 Wochen für 55 Mrd. USD, 37 Mrd. USD für 3 Monate, 30 Mrd. USD für 6 Monate und 18 Mrd. USD für 52 Wochen refinanziert worden.

In Euroland hätten in der ersten Woche des Februars die Euroländer Frankreich (ISIN FR0012938116 / WKN A1Z56L, 2025; ISIN FR0010916924 / WKN A1AYTR, 2026; ISIN FR0010371401 / WKN A0GX3N, 2038) und Spanien (ISIN ES00000126W8 / WKN A1ZQ4J, 2019; ISIN ES00000127Z9 / WKN A18W1C, 2026; ISIN ES0000012932 / WKN A0DW8E, 2037) diverse Altemissionen aufgestockt. In Deutschland sei entsprechend dem Emissionskalender eine neue fünfjährige Bundesobligation (ISIN DE0001141737 / WKN 114173) im Tenderverfahren offeriert worden. Die Zuteilung sei bei einer Durchschnittsrendite von -0,24% erfolgt.

Trotz der grundsätzlich hohen Nachfrage nach Staatsanleihen der Bundesrepublik Deutschland hätten sich in diesem Fall die Investoren etwas zurückgehalten. Für nominal 4,745 Mrd. Euro seien Gebote abgegeben und lediglich 3,97125 Mrd. Euro zugeteilt worden. Da aber ein Emissionsvolumen von 5 Mrd. Euro angestrebt gewesen sei, habe ein Betrag in Höhe von 1,02875 Mrd. Euro in die Marktpflegequote eingebucht werden können. Somit sei auch diese Emission als technisch unterzeichnet zu werten.

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Der Vorsitzende des Aufsichtsrats ist Dr. Horst Schiessl. Die Mitglieder des Vorstands sind Uto Baader (Vorsitzender), Nico Baader und Dieter Brichmann. (05.02.2016/alc/a/a)





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