Erweiterte Funktionen

Eurozone: Negativzinspolitik bleibt noch lange erhalten


16.01.20 09:15
Raiffeisen Bank International AG

Wien (www.anleihencheck.de) - Die Europäische Zentralbank (EZB) lenkt seit geraumer Zeit die Erwartungshaltung über den Fortgang der Geldpolitik, so die Analysten der Raiffeisen Bank International AG (RBI).

Dabei würden ein paar zentrale Formulierungen im Begleittext der geldpolitischen Sitzungen hervorstechen. Erstens sollten die Leitzinsen auf aktuellem oder noch niedrigerem Niveau belassen werden, bis sich die Inflationsrate nachhaltig in Richtung Zielbereich bewege. Zweitens sollten die Netto-Anleihekäufe fortgesetzt werden, bis sich diese Bedingung für die Inflationsentwicklung einstelle. Mit diesen klaren Ansagen reduziere sich die Unsicherheit über die nächsten Schritte in den kommenden Monaten maßgeblich. Die Analysten würden so wie die Allgemeinheit und die Notenbank selbst rechnen, dass im Jahr 2020 der Teuerungsdruck noch keinen Anlass gebe, um die aktuell ausgesprochen expansive Ausrichtung der Geldpolitik zurückzufahren.

Gleichzeitig sollten sich aber auch die Wirtschaftsaussichten robust genug darstellen, um eine weitere geldpolitische Lockerung hintanzuhalten. Bei wohl unveränderten Leitzinsen bis zumindest weit ins Jahr 2021 sei der Spielraum für eine Bewegung der Geldmarktsätze sehr begrenzt. Dies werde zusätzlich durch das neu eingeführte aktive Management der Negativzinsbelastung eingeengt. Durch den geteilten Einlagesatz werde sichergestellt, dass nur ein Teil der überschüssigen Notenbankliquidität mit dem Einlagesatz von -0,5% belastet werde (aktuell sei das sechsfache der Mindestreserveerfordernis von der negativen Verzinsung ausgenommen).

Da mit den fortwährenden Anleihekäufen die Überschussliquidität, auf die der negative Einlagesatz schlagend werde, wohl zunehme, würde sich im Jahresverlauf der Abwärtsdruck auf die Euribor Sätze Richtung Einlagesatz erhöhen. Die EZB könnte also - wie bereits bei der Einführung dieses Instruments ausgeschildert - im Laufe des Jahr 2020 den Freibetrag ein wenig anheben. Die Analysten würden damit rechnen, dass auch die Wirkung der begleitenden geldpolitischen Maßnahmen auf die Geldmarktsätze nahezu unverändert bleibe. Die Analysten würden die Euribor Sätze auf dem aktuellen Niveau weitgehend festgezurrt erachten.

Für die Renditen deutscher Staatsanleihen bzw. EUR Swapsätze würden zum einen Leitzinserwartungen und zum anderen die Anleihekäufe der EZB eine bedeutende Rolle spielen. Am Zinsmarkt werde auf Jahressicht ein geringfügig niedriger Tagesgeldsatz (EONIA) als aktuell gepreist. Dies entspreche einer Erwartungshaltung von sehr wahrscheinlich unverändertem Einlagesatz, wobei eine gewisse Möglichkeit bestehe, dass die Notenbank diesen Leitzins nochmals ein wenig absenke. Dies entspreche der aktuellen Kommunikation der Notenbank. Da aus Sicht der Analysten die Wortwahl der EZB noch für längere Zeit unverändert bleibe, würden die Analysten in den kommenden Monaten auch wenig Spielraum für ein verändertes Pricing sehen.

Die Staatsanleihekäufe würden nach Einschätzung der Analysten zumindest bis weit ins Jahr 2021 hinein fortgesetzt. Zudem werde der öffentliche Sektor in Deutschland nach Meinung der Analysten seinen Schuldenstand nur unwesentlich steigern. Somit dürfte sich das Angebot an deutschen Staatsanleihen für private Investoren im Jahr 2020 weiter verknappen. Dies dämpfe das Renditeniveau von deutschen Staatsanleihen sowie die Zinssätze der mit deutschen Staatsanleihen eng verbundenen risikoarmen Zinsprodukte, wie Swapsätze. Zusätzlich würden die EZB Anleihekäufe zu einer vergleichsweise flacheren Rendite- und Zinskurve (Verringerung der Laufzeitenprämie) führen.

Neben der Einflussnahme durch die Geldpolitik würden risikoarme Zinsprodukte sensibel auf das politische Umfeld reagieren. Die jüngsten Entwicklungen würden darauf hinweisen, dass ein worst case bei Brexit, beim Handelsstreit oder geopolitischen Konflikten unwahrscheinlich sei, womit der Rückenwind für sichere Häfen etwas abgeflaut sei. Allgemein bleibe aber das politische Umfeld mit Unsicherheiten behaftet und die Analysten würden nicht davon ausgehen, dass sich alle potenziellen Bedrohungsfelder im Jahresverlauf verflüchtigen würden.

Das Gros der angeführten Faktoren wirke vor allem auf die reale Verzinsung von risikoarmen Assets (Nominalverzinsung minus erwarteter Inflation). Ein guter Teil des Zinsanstiegs seit Oktober 2019 beruhe in der Tat auf einen Anstieg der Inflationserwartungen. Inflationserwartungen seien hoch korreliert mit der zuletzt realisierten Inflationsentwicklung. Die Teuerung habe seit Oktober angezogen, dürfte im Januar 2020 ein Hoch erreichen und dann wieder zurückfallen. Gegeben unserer Prognose zum Inflationsverlauf sollten die Inflationserwartungen in den nächsten Wochen noch etwas anziehen, bis Jahresmitte aber wieder merklich nach unten driften, so die Analysten der Raiffeisen Bank International AG (RBI).

Die aus Sicht der Analysten maßgeblichen Einflussfaktoren würden für keinen anhaltenden Aufwärtstrend bei deutschen Staatsanleiherenditen und EUR Swapsätzen im Jahr 2020 sprechen. Vielmehr würden die Analysten auf Sicht der nächsten Monate noch einmal ein gewisses Potenzial für einen neuerlichen Rückgang des Rendite- und Zinsniveaus sehen. (Ausgabe vom 15.01.2020) (16.01.2020/alc/a/a)