Euroraum: Schnellschätzung der Inflation überrascht erneut nach oben


04.04.22 11:19
Raiffeisen Bank International AG

Wien (www.anleihencheck.de) - Wie schon seit Monaten hat die Schnellschätzung der Inflation im Euroraum erneut nach oben überrascht, so die Analysten der Raiffeisen Bank International AG (RBI).

Die Teuerung habe bei 7,5% im Jahresvergleich gelegen und damit deutlich über den Prognosen der Analysten der RBI und dem Konsens. Der Grund dafür seien einmal mehr die Energiepreise gewesen, die um 12,5% gegenüber dem Vormonat gestiegen seien und damit mehr als doppelt so hoch wie die bisher höchste Veränderung gegenüber dem Vormonat Januar 2022 (6,2%). Die Dynamik habe die Analysten der RBI zuletzt überrascht, das Ausmaß der Preissteigerung nicht unbedingt. In ihrer Prognose seien die Analysten der RBI davon ausgegangen, dass der Energiepreisindex im Mai 2022 annähernd das aktuelle Niveau erreichen würde. Immerhin stelle sich die Frage, ob der Anstieg der Inflation auf eine schnellere Anpassung der Verbraucherpreise zurückzuführen sei oder ob es einen zusätzlichen Antrieb gebe, den die Analysten der RBI nicht erwartet hätten. Anhand der noch unvollständigen Daten lasse sich dies nicht abschließend beurteilen. Wir neigen aber zu der Annahme, dass es sich um eine schnellere Preisanpassung handelt: Die Kraftstoffpreise scheinen Mitte März 2022 ihren Höchststand erreicht zu haben und sind seither in einigen Ländern der Europäischen Union stabil oder rückläufig, so die Analysten der RBI. Zuvor hätten diese viel schneller als gewöhnlich auf die Ölpreisentwicklung reagiert.

All dies hänge natürlich von der Lage in der Ukraine ab und die Energiepreise würden durch jede neue diesbezügliche Wendung erheblich beeinflusst. Die Kerninflation habe 3,0% gegenüber dem Vorjahr erreicht und damit unter der Schätzung der Analysten der RBI von 3,3% gelegen. Dies sei auf eine langsamer als erwartet verlaufende Wareninflation zurückzuführen. Die Lebensmittelpreise seien um 5,0% gegenüber dem Vorjahr gestiegen. Unverarbeitete Nahrungsmittel, die enger mit landwirtschaftlichen Grunderzeugnissen verbunden seien, seien um 7,8% gegenüber dem Vorjahr gestiegen, hätten jedoch nur ein Gewicht von ca. 25% im Nahrungsmittelkorb.

Die in den letzten Tagen veröffentlichten Sentimentumfragen für den Monat März würden den ersten Stimmungstest seit Beginn des Ukraine-Kriegs darstellen. Während sich in den USA keine Spur einer Wirtschaftseintrübung habe erkennen lassen, sei das Bild in der Eurozone differenziert ausgefallen. Anders als bei vorangegangenen Ereignissen mit großer Tragweite seien nicht alle Sektoren in den Abwärtssog geraten, die (erste) Stimmungseintrübung sei also sektoral sehr unterschiedlich gewesen. Der Industriesektor müsse sicherlich die konjunkturelle Hauptlast der hohen Energiepreise und einer etwaigen Gas-Rationierung schultern, die Stimmungslage spiegele dies jedoch bisher kaum wider. Lediglich die vorausschauenden Teilumfragen wie die Produktionserwartungen würden die Herausforderungen erahnen lassen, denen sich der Industriesektor gegenübersehe. Dem stehe den "unauffälligen" Rückgängen der Industriestimmung (PMI, Industrievertrauen) der historische Einbruch des Konsumentenvertrauens gegenüber. Die kriegsbedingte Unsicherheit, die Angst vor den konjunkturellen Auswirkungen und nicht zuletzt die energiepreisbedingt markanten Reallohnverluste hätten im März für einen Absturz der Konsumentenstimmung gesorgt.

Die Stimmung in den Dienstleistungssektoren sei erwartungsgemäß vom lockerungsbedingten Rebound gestützt worden. Während sich die Resilienz der Dienstleistungsumfragen mit unserer Annahme deckt, dass sich in der ersten Jahreshälfte der von den Öffnungsschritten profitierende Dienstleistungssektor als maßgebliche Konjunkturstütze in der Eurozone erweisen sollte, rechnen wir in den kommenden Monaten mit einer deutlicheren Eintrübung der Industriestimmung, dem die tatsächliche Industrieproduktion folgen sollte, so die Analysten der RBI. Der private Konsum werde in realer Rechnung sicherlich von den hohen (Energie-)Preisen gedämpft werden, allerdings dürfte dieser Effekt von der weiterhin erhöhten Sparquote abgemildert werden. Die März-Umfragen hätten aber auch gezeigt: Die Lieferkettenthematik in der Industrie habe sich nach einer leichten Entspannung durch den Krieg abermals zugespitzt. Und noch bedeutender: Sowohl in der Industrie als auch in den anderen Branchen stünden die Zeichen auf weiter steigenden Preisdruck, was vielleicht die wichtigste Botschaft der März-Umfrageergebnisse darstelle.

Der Newsflow zur Teuerung habe in der Eurozone deutliche Spuren am Zinsmarkt hinterlassen. Erstens hätten die Inflationserwartungen deutlich angezogen und somit deutsche Anleiherenditen nach oben gehievt. Nach einem starken Überschießen der Inflationsrate werde aber mittel- bis langfristig der Preisauftrieb im Sinne des EZB Ziels gepreist. Zweitens seien die Zinserwartungen gestiegen und hätten in den letzten Monaten zu einer steileren Zinskurve geführt. Die EZB habe eine Trendwende bei den Leitzinsen in die Auslage gestellt. In den letzten Tagen sei durch Aussagen von Direktoriumsmitgliedern, dass sich die Inflation mittelfristig wohl nachhaltig an der 2%-Marke einpendle, der Weg für ein Ende der Anleihekäufe und einen ersten Schritt darauf nochmals klar unterstrichen worden.

Die Frage sei nur mehr ab wann und in welchem Ausmaß Zinsanhebungen erfolgen würden. Der Markt preise aktuell einen ersten Zinsschritt um 25 Basispunkte in etwa im September und weitere knapp 50 Basispunkte bis Jahresende. Auf Jahressicht würden 100 Basispunkte angesetzt. Während wir in unseren Prognosen den Startpunkt gleich ansetzen, erscheinen uns die Markterwartungen zum anschließenden Tempo etwas zu hastig und entsprechen nicht der EZB-Guidance, so die Analysten der RBI. Immerhin seien mit den oben beschriebenen inflationstreibenden Einflüssen auch erhebliche konjunkturelle Abwärtsrisiken verbunden. Die EZB wolle in diesem Spannungsfeld graduell vorgehen und sich zwischen den einzelnen Schritten Zeit nehmen, um die Auswirkungen der Zinssteigerungen zu evaluieren.

Diese Woche werde das FED-Protokoll zur Zinssitzung im März veröffentlicht, das laut Powell einen detaillierten Einblick in die Diskussion zum Bilanzabbau (QT) enthalte. In den letzten Wochen habe der Leitzinsausblick der FED verstärkt im Fokus der Märkte gestanden, doch sollte der bevorstehende Bilanzabbau nicht beiseitegeschoben werden. Das Protokoll könnte daher eine Erinnerung sein, dass die geldpolitische Normalisierung nicht nur Zinsanhebungen umfasse, sondern auch mit einer Reduzierung der Bilanz einhergehe. Bisher seien die Kommentare der FOMC-Mitglieder zu diesem Thema eher spärlich gewesen. Was wir bereits wissen ist, dass QT früher beginnen wird als nach der Finanzkrise und auch in einem rascheren Tempo erfolgen wird, so die Analysten der RBI. Damals habe QT im Oktober 2017 begonnen - also etwa zwei Jahre nach Beginn des Zinszyklus. Das Konzept zu QT, welches wohl als Anhaltspunkt dienlich sei, habe damals über Caps funktioniert. Das Volumen auslaufender Anleihen über einer monatlichen Obergrenze (Cap) sei reinvestiert worden. Der Cap sei im Laufe der Zeit schrittweise angepasst worden, um das Tempo des Bilanzabbaus zu erhöhen. Im Oktober 2017 sei ein monatlicher Cap von USD 6 Mrd. für Treasuries eingeführt worden, der im Februar 2018 auf USD 12 Mrd. angehoben worden sei und im November 2018 einen Höchststand von USD 30 Mrd. erreicht habe. Insgesamt sei QT über 22 Monate durchgeführt worden: Vvon Oktober 2017 bis Juli 2019. Die Auswirkungen auf die Renditen seien nicht so ganz klar. Grundsätzlich sollte QT einen Aufwärtsdruck auf die realen Renditen und die Laufzeitenprämie ausüben.

Von der Ankündigung von QT bis zum Jahresende 2018 seien reale Renditen gestiegen, während die Laufzeitprämie stagniert habe. Im Jahr 2019 seien beide Indikatoren rückläufig gewesen. Die Unsicherheit in Bezug auf QT sollte nach Meinung der Analysten der RBI als erhöht betrachtet werden. Am Markt sähen die Analysten der RBI Risiken steigender Renditen aufgrund von QT nicht in erhöhtem Ausmaß reflektiert. (Ausgabe vom 01.04.2022) (04.04.2022/alc/a/a)