EZB wird voraussichtlich im Juli den Leitzins anheben


24.05.22 13:15
Hamburg Commercial Bank

Hamburg (www.anleihencheck.de) - Das BIP in der Eurozone wird 2022 voraussichtlich nur um 2,4% steigen, so die Analysten der Hamburg Commercial Bank.

Die Analysten würden erwarten, dass die EU in Kürze ein Erdölembargo gegenüber Russland beschließen werde. Ein Erdgasembargo würde insbesondere 2023 schwerwiegende Auswirkungen auf das Wirtschaftswachstum haben, sei bislang aber noch nicht ihr Basisszenario. Insgesamt sorge die Verunsicherung in Bezug auf die Verfügbarkeit von Energielieferungen aus Russland, sowie ganz generell die Lieferkettenproblematik, für eine Belastung der Wachstumsdynamik.

Angesichts des statistischen Überhangs von 1,9 Prozentpunkten (Erklärung: Würde das BIP in jedem Quartal des Jahres 2022 auf dem Niveau von Q4-2021 bleiben, ergäbe sich eine Jahreswachstumsrate für 2022 von 1,9%) müsse man hier fast von einer Stagnation sprechen. Angesichts einer aktuellen Inflationsrate von 7,5% (erwarteter Jahresdurchschnitt 2022: 7,3%) erscheine der Begriff "Stagflation" angebracht.

Für die EZB sei diese Konstellation eine große Herausforderung: Die Analysten würden erwarten, dass sie mit vier Zinsschritten 2022 und vier weiteren 2023 reagieren werde. Notenbankchefin Christine Lagarde habe Ende Mai in einem Blogeintrag eine Beschleunigung der geldpolitischen Straffung angekündigt. Im Juli werde man den Leitzins anheben und zum Ende des dritten Quartals werde es keine negativen Einlagenzinsen mehr geben. Das lasse sich so interpretieren, dass man bis dahin zwei Zinsanhebungen à 25 Basispunkte durchführen werde.

Hinsichtlich des weiteren Vorgehens habe Lagarde gesagt, dass die EZB grundsätzlich so lange den Leitzins anheben werde, bis das "neutrale Zinsniveau" erreicht sei. Das gelte allerdings nur unter der Bedingung, dass sich bis dahin ein Rückgang der Inflation in Richtung der Zielgröße von 2% abzeichne. Wenn das nicht der Fall sei - Lagarde spreche in diesem Zusammenhang von einer Überhitzung - werde man über das neutrale Zinsniveau hinaus den Leitzins erhöhen. Die Analysten würden davon ausgehen, dass die EZB das neutrale Zinsniveau im Bereich von 2 bis 2,5% verorte.

Die zehnjährigen Bundrenditen würden nach Erachten der Analysten per Dezember 2022 auf 1,45% steigen und auch 2023 nochmals zulegen. Der Anstieg bleibe insgesamt moderat wegen der fragilen Wirtschaftslage sowie der Tatsache, dass die EZB auf dem Bondmarkt aktiv bleiben werde. (Ausgabe Mai 2022) (24.05.2022/alc/a/a)