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EZB: Spekulationen über den Zeitpunkt der ersten Zinserhöhung im Fokus


16.05.22 09:15
Raiffeisen Bank International AG

Wien (www.anleihencheck.de) - In der Öffentlichkeit stehen derzeit Wortmeldungen und Spekulationen über den Zeitpunkt der ersten Zinserhöhung der EZB im Fokus, so die Analysten der Raiffeisen Bank International AG (RBI).

Beinahe alle EZB-Ratsmitglieder hätten sich zuletzt zu Wort gemeldet und so möchten die Analysten der RBI diese neuen Informationen zum Anlass nehmen, um ihre Zinsprognosen anzupassen.

Eine erste Zinsanhebung im Juli um 25 Basispunkte gelte allgemein als gesetzt. Um die nun nicht mehr erwünschte Negativzinspolitik zu beenden, dürfte bereits am folgenden Meeting im September ein weiterer Schritt um 25 Basispunkte folgen. Es sei ausgewiesener Wunsch der Notenbanker das Zinsniveau zu normalisieren. Gemeint sei damit, die Leitzinsen auf ein "neutrales Niveau" zu heben, bei der Konjunktur und Inflation weder angeschoben noch gebremst werde. Wo genau dieses Niveau liege und das Tempo dorthin, stehe jedoch zur Diskussion.

Zuletzt habe es den Anschein gemacht, dass viele EZB-Ratsmitglieder eher rasch die Leitzinsen nach oben führen möchten. Gleichzeitig wolle man laut offizieller Guidance graduell vorgehen und flexibel auf die Datenlage reagieren. Große Schritte von 50 BP und mehr seien also unwahrscheinlich. Zudem sei eine Vorfestlegung auf eine ganze Serie von Anhebungen eher nicht zu erwarten, um die bestehenden konjunkturellen Abwärtsrisiken zu berücksichtigen.

Tatsächlich sähen die Analysten der RBI ihr Konjunkturbild eines merklichen Dämpfers in der Eurozone im Jahresverlauf (Industrie-Rezession) derzeit nicht am Markt reflektiert. Zudem werde die Inflationsrate alsbald nach unten tendieren, was den Handlungsdruck der EZB ein wenig reduzieren sollte. Die Analysten der RBI würden daher denken, dass nach einer weiteren Zinsanhebung im Herbst um 25 BP die EZB eine wait-and-see-Phase einlegen werde. Allerdings erscheine den Analysten logisch, dass die Zinsnormalisierung nur aufgeschoben, nicht aber aufgehoben werde.

Immerhin sei davon auszugehen, dass der Inflationsabbau nicht vollständig und ab einem gewissen Niveau eher zäh erfolge sowie die Teuerungsrate noch viele Quartale über dem Zielwert der EZB verharren werde. Sobald sich die Konjunkturrisiken legen würden, sollte also der Zinsnormalisierungsprozess fortgesetzt werden. Die Analysten der RBI würden daher nach dem Winterhalbjahr 2022/23 weitere Leitzinsanhebungen ansetzen, die bis Ende 2023 den Einlagesatz bis an die 1%-Marke und die Geldmarktsätze knapp darüber führen sollten.

Für mittel- bis längerfristige Zinsen sei es weniger der exakte Beginn des Zinsanhebungszyklus sondern vielmehr dessen weiterer Verlauf und das finale Leitzinsniveau tonangebend. Der ausgeprägte Renditeanstieg der letzten Wochen sei mit der Erwartungsbildung einhergegangen, dass die Zinsnormalisierung vergleichsweise rasch bis auf ein Niveau von 1,5% (Einlagezinssatz) erfolge. Dabei seien Renditen über das von den Analysten der RBI prognostizierte Niveau gestiegen, was sie zu einer Erhöhung ihrer Prognosen veranlasse.

Trotz der nun höheren Prognosewerte entlang der Bund-Kurve würden die Analysten der RBI weiterhin mit einem Renditerückgang bis Jahresende rechnen. Realisieren sich diese von uns erwarteten Konjunkturrisiken, erscheinen aktuelle Markterwartungen hinsichtlich der EZB-Zinsnormalisierung als zu aggressiv und demnach auch das Renditeniveau als zu hoch, so die Analysten der RBI. Allerdings würden die Unsicherheiten zum Inflationsverlauf und vor allem zur finalen Höhe des EZB-Zinszyklus hoch bleiben. Jedenfalls würden die Analysten der RBI im Jahresverlauf 2023 erneut von steigenden Renditen ausgehen. Immerhin seien neben der Leitzinssetzung auch andere geldpolitische Instrumente Stück für Stück weniger renditedämpfend als in der Vergangenheit.

Zusammengefasst: Konjunktursorgen würden mittel- bis längerfristige Benchmark-Renditen der Eurozone im zweiten Halbjahr 2022 dämpfen. Die nur vorübergehende Pause bei der EZB-Zinsnormalisierung angesichts der in Zukunft nachhaltig höheren Inflation sollte das Renditeniveau 2023 aber wieder über die 1%-Marke (Bund 10J) hieven.

In den USA seien die Renditeanstiege nach der höher als erwarteten US-Verbraucherpreisinflation im April nur von kurzer Dauer gewesen. Renditen seien im Wochenvergleich zurückgegangen. Bei der Inflation sei die Gesamtrate von 8,5% p.a. auf 8,3% zurückgegangen und die Kernrate sei von 6,5% p.a. auf 6,2% gesunken. Die Tatsache, dass die Inflation im März ihren Höhepunkt erreicht habe, bedeute jedoch nicht, dass die Inflationssorgen der Vergangenheit angehören würden.

Was die Kerninflation betreffe, so seien die Preise im Monatsvergleich schneller gestiegen als im März. Die Abschwächung der monatlichen Kerninflationsdynamik, die im Februar und März zu beobachten gewesen sei, habe sich also nicht fortgesetzt. Der Druck auf die Kerninflation sei vor allem durch die Dienstleistungen, insbesondere die Transport-Dienstleistungen, verstärkt worden. Abgesehen von der Kerninflation seien die Energiepreise im Vergleich zum März, als diese um 11% p.m. zugelegt hätten, zurückgegangen und von den Lebensmittelpreisen sei weiterhin Inflationsdruck ausgegangen. Aus geldpolitischer Sicht bedeute die April-Inflation keine Kursänderung.

Trotz der positiven Überraschung scheine die Hürde für die FED, das Tempo der geldpolitischen Straffung zu beschleunigen (Zinsschritte im Ausmaß von 75 BP), recht hoch zu sein, und gleichzeitig scheine eine Umkehr zu einem langsameren Tempo (Zinsanhebung um 25 BP) angesichts dieser Informationen ebenfalls unwahrscheinlich. Dies stehe im Einklang mit vergleichsweise unveränderten Leitzinserwartungen. Es seien vor allem Inflationserwartungen gewesen, die sich von einem recht hohen Niveau zurückgebildet hätten. Die Mitglieder des Offenmarktausschusses könnte dies beruhigen, hätten die Anstrengungen der letzten Wochen doch möglicherweise bereits Früchte getragen. (Ausgabe vom 13.05.2022) (16.05.2022/alc/a/a)