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EZB: Retter in der Not?


14.03.19 13:30
Hamburg Commercial Bank

Hamburg (www.anleihencheck.de) - Das war es dann also mit höheren Zinsen in der Eurozone - auf unbestimmte Zeit, so Sintje Boie, Analystin der Hamburg Commercial Bank.

Denn die EZB habe auf ihrer Zinssitzung am vergangenen Donnerstag (07.03.) nicht nur neue gezielte Langfristtender (TLTRO III) beschlossen, sondern auch ihre so genannte forward guidance für den Zinsausblick geändert. Danach sei die Möglichkeit einer ersten Zinsanhebung vom Ende des Sommers auf das Jahresende verlegt worden. Damit präsentiere sich die Notenbank angesichts eines sich eintrübenden Konjunkturausblicks für die Eurozone auf einmal überraschend vorsichtig. Lange habe sie die zunehmenden Konjunkturrisiken nicht einmal wahrhaben wollen. Doch jetzt habe sie die kaum angefangene geldpolitische Normalisierung schon wieder beendet bzw. setze weiterhin auf eine expansive Geldpolitik.

Es seien insgesamt sieben quartalsweise Langfristtender angekündigt worden, davon solle der erste im September 2019 und der letzte im März 2021 begeben werden, jeder mit einer Laufzeit von zwei Jahren. Das Volumen, das jede Bank über die Tender aufnehmen könne, dürfe 30% des Kreditvolumens zum Stichtag 28. Februar 2019 nicht übersteigen. Der entsprechende Zinssatz richte sich nach dem Hauptrefinanzierungssatz. Wie genau, sei aber noch nicht festgelegt worden. Die technischen Einzelheiten der Refinanzierungsgeschäfte sollten erst zu einem späteren Zeitpunkt bekannt gegeben werden. Nach Aussage der EZB sollten die Tender die Kreditvergabebedingungen in der Eurozone weiterhin günstig gestalten.

Doch noch etwas Anderes stecke dahinter. Die zweite Runde gezielter Langfristtender aus 2016 (TLTRO II) laufe von Juni 2020 bis März 2021 aus. Die Banken dürften diese Tender regulatorisch als langfristiges, stabiles Refinanzierungsmittel berücksichtigen, solange diese noch mindestens ein Jahr lang laufen würden. Das bedeute, ab Juni 2019 würden die Tender als langfristiges Refinanzierungsmittel ausfallen. Angesichts der Probleme, mit denen europäische Banken - insbesondere italienische und spanische Institute - immer noch zu kämpfen hätten, habe die Notenbank an dieser Stelle kein Risiko eingehen und die Banken nicht von einer einfachen und günstigen Refinanzierungsform abschneiden wollen. Dass aber die EZB sich zum Handlanger des italienischen Staates mache und eine notwendige Konsolidierung im europäischen Bankensektor verzögere, sei keine wirklich gute Botschaft.

Die geänderte forward guidance lasse eine Zinswende in der Eurozone in den kommenden Jahren wenig wahrscheinlich werden. Die Analysten würden damit rechnen, dass es 2020 zu einer kleinen Rezession in den USA kommen werde. Dem könne sich die Eurozone nicht komplett entziehen, sodass die EZB in dieser Phase wohl kaum an der Zinsschraube drehen dürfte. Und auch danach würden zumindest die aktuellen Inflations- und Wachstumsprognosen für sich genommen kaum für Leitzinsanhebungen sprechen. Damit dürfte uns das Niedrigzinsumfeld in der Eurozone noch für längere Zeit erhalten bleiben. Mit allen seinen Problemen, wie zum Beispiel geringer Zinsmargen der Banken oder der Jagd nach Rendite bei Investoren, unabhängig von Risiken.

Einzige Chance doch noch zu einer Normalisierung der Geldpolitik zu kommen, sei eine deutlich andere Kommunikation. Bei dieser müssten die Währungshüter das Verlassen des Krisenmodus nach Finanz- und Schuldenkrise viel deutlicher in den Vordergrund rücken. Das würde es ihnen ermöglichen, die Zinsen anzuheben, ohne dass man sich in einer konjunkturellen Boomphase und bei Inflationsraten über 2% befinde. Voraussetzung sei aber natürlich auch, dass die Eurozone nicht in eine Rezession abrutsche. Die Leitzinsen würden in diesem Szenario sehr moderat, also beispielsweise zwei Zinsanhebungen pro Jahr, und über einen längeren Zeitraum steigen.

Die Analysten würden allerdings nicht davon ausgehen, dass die EZB in ihrer derzeitigen personellen Besetzung eine solche kommunikative Kehrtwende vollziehe. Dafür müssten schon mehr geldpolitische Falken Schlüsselpositionen bei der Notenbank besetzen. Daher ist es zum aktuellen Zeitpunkt sehr viel wahrscheinlicher, dass uns die aktuelle Zinswelt auch noch in den kommenden Jahren begleiten wird, so Sintje Boie. Das würden Anleger und Sparer nicht gerne hören. Doch dies sei der Preis dafür, dass Notenbanken immer stärker versuchen würden, den Retter in jeder Lebenslage zu spielen, obwohl das eigentlich nicht ihre Aufgabe sei. (14.03.2019/alc/a/a)