EZB: Leitzinssenkung in den kommenden Monaten so gut wie ausgemacht


08.07.19 09:15
Raiffeisen Bank International AG

Wien (www.anleihencheck.de) - In der kommenden Woche werden Zahlen zur Industrieproduktion im Monat Mai veröffentlicht, so die Analysten der Raiffeisen Bank International AG.

Mit diesen Daten in der Hand könne eine erste gute Einschätzung der BIP-Entwicklung für das 2. Quartal erfolgen. Die Analysten würden zwar in einigen Ländern sowie der Eurozone mit einem Rebound des Outputs rechnen. Allerdings werde dies den Kalkulationen der Analysten zufolge nicht reichen, um eine schwache Produktionstätigkeit der Industrie von April bis Juni zu verhindern. Somit würden sie auch mit einem schwächeren BIP-Wachstum in Q2 als in Q1 rechnen. Weiters stehe mit der Sentix-Umfrage der erste Stimmungsindikator für den Monat Juli am Kalender. Dieser Indikator sei hochkorreliert mit der jüngsten Bewegung auf den Aktienmärkten und so würden die Analysten mit einer deutlichen Verbesserung des Umfragewertes rechnen.

In den letzten Tagen hätten sich vermehrt EZB-Ratsmitglieder zu Wort gemeldet. Daraus sei abzulesen, dass erstens eine Leitzinssenkung in den kommenden Monaten so gut wie ausgemacht sei. Zweitens dürfte die EZB nur den Einlagesatz reduzieren und den Hauptrefinanzierungssatz unverändert belassen. Drittens dürfte dieser Beschluss eher am Meeting im September als bereits Ende Juli erfolgen. Viertens stehe auch eine Wiederaufnahme der Anleihekäufe zur Debatte. Die Überlegungen hierzu scheinen aber noch in einem frühen Stadium zu sein, so die Analysten der Raiffeisen Bank International AG. Sie würden nicht damit rechnen, dass bereits im Juli oder September eine Neuauflage von Anleihekäufen beschlossen werde (eher im Dezember mit Start Jänner 2020). Am Staatsanleihemarkt halte die atemberaubende Rallye an. Gestern sei die Rendite der zehnjährigen deutschen Staatsanleihe temporär unter -0,4% gefallen. Die Zins- und Renditekurve sei zudem auf diesem historisch niedrigen Niveau ausgesprochen flach.

Darüber hinaus hätten sich in den letzten Wochen die Länder Spreads stark reduziert. Besonders deutlich hätten sich in den vergangenen Tagen die Risikoaufschläge Italiens verringert. Zu Deutschland (10J) betrage der Spread nur noch 200 BP, ein Rückgang um 40 BP in vier Tagen. Neben dem allgemeinen risk-on Sentiment würden auch länderspezifische Gründe eine Rolle spielen. Darauf verweise unter anderem die merkliche Outperformance von Italien gegenüber Spanien. So habe die italienische Regierung abermals ein Defizitverfahren abwenden können. Denn wie die EU-Kommission am Mittwoch mitgeteilt habe, empfiehle sie angesichts der am Montag für 2019 beschlossenen Haushaltskorrektur in Höhe von EUR 7,6 Mrd. (neues Defizitziel damit wieder bei 2,04% des BIP) nun nicht mehr die Einleitung eines Defizitverfahrens.

Allerdings dürfte sich der Konflikt im Herbst mit Vorlage des Budgetentwurfs für 2020 (dieser müsse bis 15.10. an die EU-Kommission übermittelt werden) wieder aufflammen. So halte Vizepremier Salvini daran fest, die geplante Mehrwertsteuererhöhung abermals aufzuschieben (EUR 23 Mrd.) und Steuersenkungen (EUR 15 Mrd.) umzusetzen. Im Herbst dürfte die
italienische Risikoprämie daher wieder temporär ansteigen. In weiterer Folge erwarten die Analysten der Raiffeisen Bank International AG aber keine anhaltende Eskalation der Meinungsverschiedenheiten zum Budgetentwurf. Somit dürfte sich die Risikoprämie Italiens auf Jahressicht zumindest stabilisieren. Angesichts der starken Bewegung der letzten Tage würden die Analysten ihre Prognose vorerst unter Revision stellen. (Ausgabe vom 05.07.2019) (08.07.2019/alc/a/a)