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EZB: Falkenhafter Zug entpuppt sich als taubenhafte Strategie


15.06.18 10:50
Deutsche Bank

Frankfurt (www.anleihencheck.de) - Nun hat sich die EZB gestern bei ihrem Treffen in Riga tatsächlich zu einer Entscheidung durchgerungen, was per se für einige Marktteilnehmer doch eine Überraschung gewesen sein muss, berichtet die Deutsche Bank AG in einer aktuellen Ausgabe "MÄRKTE am Morgen".

Denn im Vorfeld hätten laut einer Umfrage von Bloomberg zwei Drittel der Ökonomen gestern noch nicht damit gerechnet, dass die EZB tatsächlich einen Plan zur Beendigung ihrer Anleihekäufe verkünden würde. So werde die EZB noch bis Ende September Anleihen im Gegenwert von 30 Milliarden, danach in der Größenordnung von 15 Mrd. Euro pro Monat ankaufen, bis am Jahresende die Anleihekäufe ganz eingestellt würden. Außerdem beabsichtige der EZB-Rat, im Rahmen des Kaufprogramms fällig werdende Anleihen auch noch für eine längere Dauer nach dessen Beendigung zu reinvestieren. Wer die Presseerklärung der EZB gestern bis zu diesem Punkt durchgelesen habe, müsse das Statement als halbwegs falkenhaft empfunden haben. Obwohl viele Akteure insgeheim für den Fall einer EZB-Entscheidung am gestrigen Tag, ohnehin mit einem solchen Schritt gerechnet haben dürften.

Die eigentliche Überraschung habe für viele Marktteilnehmer jedoch der Passus dargestellt, dass die EZB die Leitzinsen bis mindestens über den Sommer 2019, wenn nötig auch länger, auf dem gegenwärtigen Niveau belassen werde. Deswegen dürfte die Aufregung unter den Händlern, von denen nicht wenige sogar bereits für März oder wenigstens für Juni 2019 erste vorsichtige Zinsschritte erwartet hätten, entsprechend groß gewesen sein. Was also zunächst wie ein falkenhafter Zug ausgesehen habe, habe sich als taubenhafte Strategie entpuppt.

Auch habe es Kommentatoren gegeben, die das Commitment der EZB, die Zinsen mindestens über den Sommer des nächsten Jahres hinweg auf dem heutigen Niveau zu belassen, als asymmetrisch empfunden hätten. Denn man könnte daraus schließen, dass die Leitzinsen selbst bei einer erfreulichen Entwicklung von Konjunktur und Inflation nicht früher angehoben würden, während bei ungünstiger Entwicklung des ökonomischen Umfelds an den niedrigen Zinsen festgehalten werden solle. Und dass diese Entwicklung zumindest in den kommenden Monaten von der EZB nicht durchweg günstig eingeschätzt werde, zeige deren immer noch "solide" Wachstumseinschätzung, die für dieses Jahr von 2,4 Prozent im März auf nunmehr 2,1 Prozent gesenkt worden sei. Immerhin sei der Inflationsausblick erhöht und liege sowohl für 2018 und 2019 gegenüber der März-Prognose nun um jeweils 0,3 Prozent höher bei 1,7 Prozent.

Unterdessen habe der Euro seinen korrektiven Aufwärtspfad verlassen und den ehemaligen kurzfristigen Abwärtstrend wieder aufgenommen, der zwischen 1,1850 und 1,1425/30 verlaufe. (15.06.2018/alc/a/a)