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Drei Juristen an der Spitze der großen Zentralbanken - gut oder schlecht?


04.07.19 12:15
Legg Mason

Baltimore (www.anleihencheck.de) - Wie ist die Nominierung von Christine Lagarde als Nachfolgerin von Mario Draghi bei der EZB zu werten?

Michael Browne, Co-Manager des Legg Mason Martin Currie European Absolute Alpha Fund, sage:

Die Nominierung von Christine Lagarde - und die von Ursula von der Leyen als neue Kommissionspräsidentin der EU - hätten das Risiko eines harten Brexit deutlich verschärft. Bei beiden Nominierungen schwinge ein Beigeschmack mit, nämlich dass Europa nicht integriert genug sei und man deshalb mehr tun müsse. Und meiner Meinung nach werde Großbritannien das erste Land sein, dass diese These zu spüren bekomme, wenn es die Brexit-Bedingungen erneut verhandeln wolle. Es sehe nach einem Schulterschluss aus.

Ein ähnliches Konfliktpotenzial gebe es mit Blick auf die populistischen Politiker in Europa. Sie hätten sich bei der letzten Europawahl gut geschlagen und würden nun eindeutig gemieden. Sowohl Italien als auch die osteuropäischen Länder hätten im Poker um die Top-Jobs und damit an Einfluss verloren. Hier würden Konflikte schwelen und aus Sicht von Legg Mason sei das Risiko einer erneuten italienischen Schuldenkrise in den kommenden fünf Jahren groß.

Natürlich müssten beide Nominierungen noch durch das EU-Parlament. Und auch hier könnte es zu deutlichem Unmut der führenden politischen Parteien kommen, die mit dem Ende des Spitzenkandidaten-System unzufrieden seien, bei dem die größten Parteien im Parlament ihre Kandidaten für die Positionen ernennen könnten. Auch von den Populisten sei ein gewisses Ressentiment zu erwarten. Sie würden dafür über die Position des Parlamentschefs entscheiden - die eine Position, die noch in ihrem Einflussbereich sei.

Andreas Billmeier, Sovereign Research Analyst bei der Legg Mason-Tochter Western Asset Management, sage:

Mit Christine Lagarde würde ein weiterer fähiger Kommunikator und Krisenmanager an der Spitze der EZB sitzen. Ihr bisheriger Werdegang als französische Finanzministerin könnte ihr dabei helfen, wo es sinnvoll sei, ihre ehemaligen Amtskollegen geschickt zu einem expansiveren finanzpolitischen Kurs zu bewegen. Das würde die finanzpolitische Bürde der EZB reduzieren - ein Punkt, den auch Draghi in jüngster Vergangenheit immer wieder gemacht habe. Aus finanzpolitischer Sicht gehe Legg Mason davon aus, dass Lagarde den gemäßigten Kurs beibehalte. Und mit Sicherheit würde sie sich einer Wiederaufnahme des Wertpapieraufkaufprogramms nicht verweigert, sollte die Not hierfür (noch) deutlicher werden. Legg Mason hoffe, dass ihr Defizit mit Blick auf institutionelle Kenntnisse - Duisenberg, Trichet und Draghi hätten zuvor alle nationale Zentralbanken geleitet, bevor sie EZB-Präsident geworden seien und hätten die europäischen Prozesse und das Prozedere daher gekannt - nicht zu einer stärker ausgeprägten Volatilität in der Kommunikation führen werde. Dieses Risiko könnten wir gerade in der frühen Amtsperiode von Jerome Powell bei der amerikanischen Notenbank beobachten.

Francis Scotland, Portfoliomanager und Co-Director of Global Macro Research bei der Legg Mason-Tochter Brandywine Global, sage:

Sehr bald schon könnten Juristen die drei großen Zentralbanken der Welt leiten: die Bank of Japan, die Federal Reserve und nun mit der Nominierung von Christine Lagarde auch die EZB. Sei das etwas Gute oder Schlechtes? Sei einen Juristen zu fragen, die Geldpolitik zu verantworten, vergleichbar damit, einen Volkswirt zu fragen, Richter am Obersten Gericht zu werden? Es bleibe abzuwarten, welche Neigung die europäische Geldpolitik künftig bekommen werde. Kuroda laufe im Windschatten von Premier Abe und habe die Hälfte der japanischen Schulden aufgekauft. Draghi habe Trichets straffe Geldpolitik umgekehrt und mit dem Aufkauf von Staatsanleihen die Verfechter des harten Geldes durch den Kakao gezogen. Powell habe den Weg einer Normalisierung bereits abgeschrieben, bevor er von den Märkten Ende 2018 gedemütigt unterworfen worden sei. Lagarde habe bisher an der Spitze einer Organisation gesessen, die im Gegenzug für finanzielle Rettung eine finanzpolitische Nüchternheit von den Ländern habe verlangen können. Sie könnte also zum Florett für die modernen geldpolitischen Theoretiker werden, die unermüdliche Staatsausgabe fordern würden, die dann mittels Gelddruckmaschine finanziert werden müssten. (04.07.2019/alc/a/a)