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Deutsche-Bank-Prognose: So wird das Jahr 2022


30.11.21 12:30
FONDS professionell

Wien (www.anleihencheck.de) - Das Jahr 2022 dürfte das Jahr der Zinswende werden, erwarten die Kapitalmarktexperten der Deutschen Bank, so die Experten von "FONDS professionell".

Die hohe Inflation und die weitere Wirtschaftserholung würden vor allem die US-Notenbank FED zum Handeln zwingen, würden die Analysten in ihrem Kapitalmarktausblick betonen.

An den Rentenmärkten könnte das zu einigen Turbulenzen führen. Für Aktien hingegen sei das ein gutes Umfeld: "Trotz einer Zinserhöhung der FED und einer möglichen Straffung der Geldpolitik in anderen Teilen der Welt dürfte die anhaltende finanzielle Repression die Märkte weiter unterstützen und dazu führen, dass der Investitionsschwerpunkt derzeit auf realen Anlageklassen wie Aktien und Immobilien liegt", sage Ulrich Stephan, Chefanlagestratege für das Privatkundengeschäft der Deutschen Bank.

Was würden Anlagestratege Ulrich Stephan und seine Kollegen von der Deutschen Bank für das kommende Jahr erwarten?

Wirtschaftswachstum und Inflation
Nach einem rekordverdächtigen Wirtschaftswachstum im ablaufenden Jahr erwarte die Deutsche Bank für 2022 ein robustes weltweites Wachstum von 4,5 Prozent. Das alles bestimmende Thema dürfte die Inflation sein. Chefvolkswirt Stefan Schneider rechne damit, dass der Preisdruck nachlassen werde, aber noch über dem selbst gesteckten Ziel der FED von zwei Prozent verharre: "Die Inflation in den USA wird im Durchschnitt des Jahres 2022 bei 4,4 Prozent liegen, sich aber im Jahresverlauf abschwächen."

In der Eurozone sollte die Inflation 2022 auf 2,8 Prozent anziehen, nach 2,5 Prozent in diesem Jahr. Die Zeit anhaltend niedriger Verbraucherpreise sei erst einmal vorbei: "Ich gehe davon aus, dass die Preise auf einem höheren Niveau bleiben werden, als wir es in den vergangenen Jahren gewohnt waren, insbesondere da es dadurch auch zu einem stärkeren Lohnanstieg kommen dürfte", so Schneider weiter.

Zinspolitik
"Eine Wende der US-Zinspolitik erwarten wir bereits Mitte 2022, in der Eurozone dürfte - Stand jetzt - ein solcher Schritt erst gegen Ende 2023 anstehen", sage Schneider. "Sollte die Inflationsrate bis zum Ende dieses Jahres oder gar Anfang 2022 allerdings nicht nachhaltig zurücksetzen, ist es fraglich, ob die FED ihre sehr lockere Geldpolitik nicht doch schneller zurückfahren muss", sage der Chefvolkswirt. Zumindest dürfte sie den Umfang ihrer monatlichen Anleihekäufe, die geplant zur Jahresmitte enden würden, schneller verringern. Die EZB werde mit dem Ende ihres Pandemic Emergency Purchase Programms (PEPP) im März 2022 ihr Kaufvolumen deutlich reduzieren, erwarte Schneider.

Anleihemärkte
An den Rentenmärkten dürfte es 2022 einige Bewegung geben. "Die erste Zinserhöhung seitens der FED zeichnet sich ab, eine Drosselung der Anleihekäufe wurde bereits beschlossen", sage Anlagestratege Stephan. Die EZB kaufe in diesem Jahr für 1,1 Billionen Euro Anleihen, im nächsten Jahr dürfte es nur noch ein Volumen von rund 500 Milliarden Euro sein. Die Renditen langfristiger Staatsanleihen könnten vor diesem Hintergrund nach oben tendieren. Zehnjährige deutsche Bundesanleihen dürften per Ende 2022 mit 0,2 Prozent verzinst werden, erwarte Stephan - und damit erstmals seit Jahren wieder im positiven Terrain notieren. Die Rendite zehnjähriger US-Staatsanleihen sehe Stephan Ende kommenden Jahres sogar bei zwei Prozent.

Gold
Gold werde momentan als Inflationsschutz stark nachgefragt, würden die Experten der Bank erläutern. Allerdings hätten das Zurückfahren der pandemiebedingten enormen geldpolitischen Stimuli und die Rückführung der Anleihekäufe einiger Zentralbanken zuletzt auf dem Goldpreis gelastet. Steigende Zinsen im kommenden Jahr sprächen ebenfalls eher für Gegenwind. Entsprechend prognostiziere Stephan für Ende 2022 einen Preis von 1.750 Dollar je Feinunze: "Meiner Ansicht nach ist Gold nicht der Renditebringer der Stunde. Es gehört eher wegen seines Absicherungscharakters gegen Rückschläge an Aktienmärkten oder Marktturbulenzen ins diversifizierte Depot."

Währungen
Beim Euro-Dollar-Wechselkurs zeichne sich 2022 ein Favoritenwechsel ab, meine Stephan. Die aktuelle Dollarstärke halte nur noch am Anfang des Jahres 2022 an, weil die Eurozone mit Blick auf das Wirtschaftswachstum momentan gegenüber den USA hinterherhinke. Stephan gehe aber davon aus, dass der Kurs drehe, wenn Deutschland als Europas größte Volkswirtschaft seine "Wachstumslücke" schließe. "Allerdings sollte die straffere Geldpolitik in den USA die Aufwertung in den kommenden zwölf Monaten begrenzen." Da aber auch die EZB ihr Anleihekaufprogramm im Frühjahr 2023 auslaufen lassen könnte, dürfte diese restriktivere Geldpolitik den Euro im Vorfeld und darüber hinaus stärken. Für Ende 2022 erwarte Stephan, dass der Euro bis auf 1,20 US-Dollar steigen könne.

Aktien
Der Ausblick für Aktien bleibe nach Ansicht der Deutschen Bank positiv: "Das anhaltende Gewinnwachstum der Unternehmen dürfte die Aktienmärkte weiterhin treiben, obwohl die Dynamik nachlassen sollte", sage Stephan. "Aktien sind im historischen Vergleich nicht preiswert. Wir gehen davon aus, dass wir keine Ausweitung des Kurs-Gewinn-Verhältnisses sehen werden, sondern die Rendite des Jahres 2022 in etwa dem erwarteten Gewinnwachstum von acht bis neun Prozent entspricht." Generell sollten Aktien nicht allzu sehr unter moderat ansteigenden Inflationsraten leiden, zumal die Realrenditen negativ bleiben sollten. "Aktien weisen bei einer steigenden Inflation meist sogar eine relativ gute Performance auf und können sogar einen gewissen Schutz davor bieten", sage Stephan.

Indexziele
Stephan sehe den S&P 500 Ende 2022 bei 5.000 Punkten. Der größte Teil des Gewinnwachstums sollte von Digital- und Technologieunternehmen mit starker Preissetzungsmacht beigesteuert werden, erwarte er. Sein Ziel für den EURO STOXX 50 liege bei 4.600 Punkten, das für den STOXX Europa 600 bei 510 Punkten. "Inzwischen hat der Bewertungsunterschied zwischen europäischen und US-Aktien ein 20-Jahres-Hoch erreicht und sollte nicht weiter zunehmen", so Stephan. Auch für den DAX sei Stephan zuversichtlich: Zum Jahresende 2022 halte er 17.000 Punkte für möglich. Die Aktienmärkte in den Schwellenländern sollten sich 2022 besser entwickeln als im laufenden Jahr. Die prognostizierte Zielmarke für den MSCI Emerging Markets Index liege per Ende 2022 bei 1.340 Punkten.

Nachhaltigkeit
Der Umbau zu einer grünen Wirtschaft werde immer stärker vorangetrieben, würden Stephan und seine Kollegen beobachten. Die Klimakonferenz COP26 sei nur ein Teil dieses langen Prozesses gewesen. Ein wichtiges Feld sei dabei die Dekarbonisierung, also die Reduzierung von Kohlendioxidemissionen durch den Einsatz kohlenstoffarmer Energiequellen. Auch die großen Industrienationen, beispielsweise die USA mit ihrem Infrastrukturpaket oder die Europäische Union, würden sehr viel Geld in den Umbau der Wirtschaft im Allgemeinen und die Infrastruktur im Besonderen investieren. Ein weiteres spannendes Anlegerthema sei der Rohstoff Wasser. "Das anhaltende Bevölkerungswachstum, die Urbanisierung und der gestiegene Lebensstandard in den Schwellenländern erhöhen die Nachfrage. Das könnte risikobewussten Anlegern Chancen im gesamten Wassersektor eröffnen", sage Stephan.

Rohstoffe
Die Öl- und Gaspreise würden über die Wintermonate hoch bleiben, erwarte der Anlagestratege. Zudem werde aus ökologischen Gründen in diesem Bereich zukünftig weniger investiert und gefördert. Trotz hoher Nachfrage werde das längerfristige Angebot daher wahrscheinlich weniger stark ausgebaut. Für Ende 2022 rechne die Deutsche Bank mit einem Preis von 77 Dollar pro Fass Brent. Beim Kupferpreis stehe die Stromknappheit in China weiterhin im Vordergrund. Die staatlichen Eingriffe in den Energiemarkt, die sich wiederum auf die Kupferproduktion auswirken würden, dürften nachlassen.

Im nächsten Jahr sollten Angebot und Nachfrage bei Industriemetallen in einem besseren Gleichgewicht stehen - und die Preise damit moderates Aufwärtspotenzial aufweisen. Der Kupferverbrauch sei weiterhin hoch. "Vor allem die Dekarbonisierung sowie steigende Infrastruktur- und Produktionsaktivitäten befeuern die Nachfrage nach Industriemetallen", betone Stephan. "Das Aufwertungspotenzial dürfte jedoch zum Teil durch geringere Immobilienaktivitäten in China in den nächsten zwölf Monaten eingedämmt werden." Seine Kupferpreisprognose für Ende 2022 liege bei 10.000 Dollar pro Tonne.

Immobilien
Den Boom am Immobilienmarkt habe die Corona-Krise nicht bremsen können - im Gegenteil. In Zeiten, in denen Anleihen niedrige oder gar negative Renditen abwerfen würden, dürfte die Nachfrage nach "Betongold" weiter anziehen, würden die Experten der Deutschen Bank erwarten. Sollten Inflationssorgen die Flucht in Sachwerte weiter befeuern, sei ein weiter Anstieg der Preise möglich. Dementsprechend seien die Ertragsaussichten für Investitionen am Markt für gewerbliche und auch Wohnimmobilien auf Sicht der kommenden Jahre positiv. Deutsche Bank Research sehe den Markt hier aber mittelfristig auf eine Normalisierung des Zyklus zusteuern. (30.11.2021/alc/a/a)