Anleihen: Verkehrte Welten


18.07.16 10:06
Deutsche Börse AG

Frankfurt (www.anleihencheck.de) - Nach dem Brexit-Schock haben sich die Wogen mittlerweile etwas geglättet, dazu beigetragen hat die Ernennung der als sachlich und ausgewogen geltenden Theresa May zur neuen britischen Premierministerin, so die Deutsche Börse AG.

Das Britische Pfund habe gegenüber dem Euro und dem US-Dollar wieder etwas zugelegt, die Aktienmärkte hätten sich erholt, in den USA seien sogar neue Allzeithochs erreicht worden. Die Bank of England habe am gestrigen Donnerstag den Leitzins unverändert gelassen. "Lockerungsmaßnahmen zu einem späteren Zeitpunkt sind dennoch nicht ausgeschlossen, insbesondere wenn sich die Anzeichen einer Rezession verdichten sollten", meine Cyrus de la Rubia von der HSH Nordbank.

Mit der Entspannung an den Märkten habe der Euro-Bund-Future nachgegeben. Der Indikator für die langfristigen Zinserwartungen notiere am Freitagmittag bei 166,56 nach 168,02 Punkten vor einer Woche. Die Rendite der zehnjährigen Bundesanleihe liege bei minus 0,05 Prozent, vergangenen Freitag seien es minus 0,18 Prozent gewesen.

Dennoch würden "solide" Anleihen gefragt bleiben: So habe Deutschland am Mittwoch erstmals eine zehnjährige Staatsanleihe (ISIN DE0001102408 / WKN 110240) mit Kupon von 0 Prozent auf den Markt gebracht. Geplant sei ein Emissionsvolumen von 5 Milliarden Euro gewesen, für 4,8 Milliarden seien Orders aufgegeben worden, wie Klaus Stopp von der Baader Bank berichte. "Dennoch konnte sich Finanzminister Schäuble freuen, denn die Zuteilung erfolgte zu einer Durchschnittsrendite von minus 0,047 Prozent." Es sei somit mehr Geld als der anvisierte Nominalbetrag eingesammelt worden, dafür müssten in den kommenden zehn Jahren keine Zinsen bezahlt werden. Zudem werde bei Endfälligkeit weniger zurückgezahlt als eingenommen worden sei. "Super Deal. Davon träumt jede Privatperson", kommentiere der Händler.

"Langfristiges Verschulden kostet nun nicht nur nichts mehr, es bringt dem Finanzminister sogar Geld", stelle de la Rubia fest. "Wenn Schäuble in diesem Jahr 100 Milliarden Euro zusätzlich an zwölfmonatigen Geldmarktpapieren emittieren würde, könnte er bei einem Zins von minus 0,6 Prozent in einem Jahr einen Ertrag von 600 Millionen Euro erzielen." Bliebe der Zins auch im nächsten Jahr auf dem niedrigen Niveau, kämen nach zwei Jahren bereits mehr als eine Milliarde Euro zusammen. "Der Finanzminister würde also durch die Aufnahme von Schulden und die temporäre Verletzung der Schuldenbremse letztlich den angestrebten Abbau der Schulden beschleunigen."

Unterdessen stehe eine Lösung für die Bankenkrise in Italien weiter aus, die Finanzinstitute würden auf faulen Krediten in Höhe von 360 Milliarden Euro sitzen. Eigentlich müssten nach den neuen EU-Regeln Aktionäre und Gläubiger einspringen, doch in der Praxis scheine das schwierig. "Was sich derzeit in der italienischen Finanzbranche abspielt, könnte sich zur zweiten Welle in Sachen Bankenkrise nach 2008 aufbauen", bemerke Stopp. Nach einer achtjährigen nur vermeintlichen Ruhephase drohten nun die Problemkredite zum "toxischen Stoff" für die gesamte europäische Branche zu werden. "Aufgrund der engen internationalen Verflechtungen der Finanzinstitute könnte sich der Zusammenbruch einzelner oder mehrerer italienischer Banken schnell zur europäischen Bankenkrise aufschaukeln."

Dass Bayer sein Angebot für den US-Saatgutkonzern Monsanto aufgestockt habe, komme bei Anleger nicht gut an, die Anleihen, die sich nach der ersten Offerte erholt hätten, würden heute unter Abgabedruck geraten. Gregor Daniel von der Walter Ludwig Wertpapierhandelsbank berichte von Verkäufen des bis 2075 laufenden Papier mit Kupon von 3 Prozent (ISIN DE000A11QR65 / WKN A11QR6), Rainer Petz von Oddo Seydler von Abgaben der Anleihen mit Laufzeit bis 2074 und Kupon von 3,75 Prozent (ISIN DE000A11QR73 / WKN A11QR7) bzw. bis 2075 und 2,376 Prozent (ISIN DE000A14J611 / WKN A14J61).

Auf den Verkaufslisten stünden Daniel zufolge außerdem Bonds von Anglo American, Merck KGaA und Vonovia, zugegriffen werde hingegen weiter nach einer Peugeot-Anleihe mit Laufzeit bis 2023 und Kupon von 2,375 Prozent (ISIN FR0013153707 / WKN A18Z7V). "Da liegt die Rendite aktuell immerhin noch bei 1,71 Prozent."

Vor dem Hintergrund der nun höheren Abschlagszahlung an die Inhaber der notleidenden Scholz-Anleihe sei einiges in den Papieren umgegangen, erkläre Petz. Die Zahlung werde um 2 auf 16 Millionen Euro steigen, wie die als Kuratorin bestellte Wiener Anwältin Ulla Reisch berichtet habe.

Kasse hätten viele Anleger Petz zufolge bei der Anleihe (ISIN DE000A2AASM1 / WKN A2AASM) des als Genossenschaft wiedererstandenen Prokon-Konzerns gemacht, die über firmeneigene Windparks besichert sei und über eine Laufzeit von 15 Jahren zurückbezahlt werden solle. Das Papier sei Teil des Insolvenzplans und solle früheren Prokon-Anlegern einen Teil ihrer Quote sichern. Am Mittwoch sei die Anleihe von 100 auf 92 Prozent gefallen, aktuell seien es nur noch 72 Prozent.

Mit den Sommerferien in vielen Bundesländern sei es im Neuemissionsmarkt ruhiger geworden. Daniel berichte von einem auf die australische Währung lautenden Bond (ISIN XS1449586673 / WKN A184DF) von Coca-Cola, der bis 2022 laufe, 3,125 Prozent biete und sich mit einer Mindestanlagesumme von 2.000 Australischen Dollar grundsätzlich auch für Kleinanleger eigne.

Noch bis zum kommenden Montag um 15 Uhr könne die neue Anleihe (ISIN DE000A2AA055 / WKN A2AA05) der Deutschen Rohstoff AG mit Kupon von 5,625 Prozent und Laufzeit bis Juli 2021 gezeichnet werde. Die Mindestanlagesumme liege bei 1.000 Euro. (Ausgabe vom 15.07.2016) (18.07.2016/alc/a/a)





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