Anleihen-Rückblick 2017: Noch ein Jahr der Zentralbanken


29.12.17 15:26
Deutsche Börse AG

Frankfurt (www.anleihencheck.de) - Am Anleihemarkt wird auch das Jahr 2017 als Jahr der Notenbanken und der Niedrigzinsen in Erinnerung bleiben, so die Deutsche Börse AG.

"Mario Draghi hat das Heft weiter fest in der Hand", kommentiere Arthur Brunner von der ICF Bank. "Außerdem hat sich dieses Jahr gezeigt, dass - im Gegensatz zu den Notenbanken - die Politik keinen Einfluss auf die Märkte hat", ergänze der Händler mit Blick auf die zahlreichen politischen Ereignisse, die von den Märkten gelassen hingenommen worden seien.

Von einer Zinswende könne in Europa weiterhin nicht die Rede sein: Ab Januar werde das Volumen der monatlichen EZB-Anleihekäufe zwar von 60 auf 30 Milliarden Euro verringert. Ob das Kaufprogramm im September 2018 aber wirklich auslaufen werde, sei ungewiss, eine erste Zinserhöhung werde am Markt erst für 2019 erwartet. Etwas gestiegen seien die langfristigen Zinsen auf Jahressicht aber schon: Zehnjährige Bundesanleihen würden aktuell 0,42 Prozent abwerfen nach 0,21 Prozent vor einem Jahr. Der richtungsweisende Euro-Bund-Future liege zum Jahresende bei 161,73 Prozent, vor einem Jahr waren es 164,15 Prozent.

Bei den Renditen zehnjähriger US-Treasuries habe sich zwar nicht viel getan, diese lägen aktuell mit 2,42 Prozent sogar etwas niedriger als vor einem Jahr. Klar gestiegen seien aber die Renditen zweijähriger US-Anleihen, und zwar von 1,19 auf 1,85 Prozent. Die FED habe in diesem Jahr den Leitzins dreimal angehoben: im März, Juni und zuletzt im Dezember.

Unterdessen scheine die Griechenland-Krise endgültig überwunden - jedenfalls am Kapitalmarkt. Die Rendite für zehnjährige griechische Staatsanleihen liege nur noch bei 4,12 Prozent - das sei der tiefste Stand seit Ausbruch der Krise. Zum Vergleich: Noch im Sommer 2015 seien es 14,6 Prozent gewesen. Auch Papiere mit anderen Laufzeiten hätten sich deutlich erholt: Der Kurs der 2023 fälligen Anleihe mit Kupon von 3 Prozent (ISIN GR0128010676 / WKN A1G1UA) sei von 81 Prozent Ende 2016 auf 97 Prozent aktuell geklettert.

Im Sommer sei Griechenland zudem die Rückkehr an den Kapitalmarkt gelungen: Im Juli seien mittels einer fünfjährigen Anleihe mit 4,625 Prozent Kupon insgesamt 3 Milliarden Euro eingesammelt worden. Im November habe das Land dann den Umtausch von 20 Anleihen in neue, festverzinsliche Papiere angeboten, die liquider sein sollten. Die neuen Bonds hätten eine Laufzeit von fünf bis 25 Jahren. Der Zinssatz variiere je nach Laufzeit zwischen 3,5 und 4,2 Prozent.

Für viel Aufregung habe in diesem Jahr die Staatspleite Venezuelas gesorgt: Anfang November habe Präsident Nicolas Maduro eine Umstrukturierung der Auslandsschulden angekündigt. Die Umsätze mit Venezuela-Anleihen seien in die Höhe geschossen, die Papiere hätten deutlich an Wert verloren: "Es ist ein Blutbad", habe Gregor Daniel von der Walter Ludwig Wertpapierhandelsbank damals kommentiert. Die bis 2028 laufende Anleihe mit Kupon von 9,25 Prozent (ISIN USP17625AB33 / WKN A0TU0G) sei von 35 auf 22 Prozent gefallen, die mit Laufzeit bis 2027 und Kupon von 9,25 Prozent (ISIN US922646AS37 / WKN 195081) von knapp 39 auf 23 Prozent. Seitdem gehe es unter Schwankungen seitwärts.

Einige Länder hätten die Tiefzinsära zur Ausgabe extremer Langläufer genutzt. "Normalerweise ist das ein Zeichen für eine Wende am Markt", kommentiere Brunner. So habe Österreich im September eine hundertjährige Anleihe (ISIN AT0000A1XML2 / WKN A19PCG) emittiert und sich damit 3,5 Milliarden Euro für 2,1 Prozent im Jahr geholt. Der Bond sei extrem gut angekommen: Mittlerweile liege der Kurs bei 105 Prozent.

In der Eurozone sei Österreich das erste Land mit so lange laufenden Bonds gewesen. Zwar hätten Belgien und Irland bereits 2016 solche Papiere emittiert - allerdings via Privatplatzierung, zudem seien die Emissionsvolumen mit jeweils 100 Millionen Euro klein gewesen. Eine "Methusalem-Anleihe" über 2,75 Milliarden US-Dollar habe im Juni 2017 auch Argentinien auf den Markt gebracht und sei damit Mexiko gefolgt, dass bereits im April 2015 eine hundertjährige Anleihe emittiert habe.

Nicht ausgezahlt hätten sich in diesem Jahr Anleihen in Fremdwährungen, wie Daniel erkläre. "Der Euro hat 2017 zum Beispiel gegenüber der türkischen Lira, dem südafrikanischen Rand, dem Neuseeland-Dollar, dem brasilianischen Real und auch dem US-Dollar zugelegt." Was die US-Währung angehe, würden viele Anleger aber offenbar mit einer Wende rechnen. Auf US-Dollar lautende Unternehmensanleihen würden immer beliebter, wie Petz berichte. "Die machen gefühlt mittlerweile ein Viertel unseres Geschäfts aus, nach vielleicht 10 Prozent in den Vorjahren." Es werde auf einen wieder stärkeren US-Dollar gesetzt. "Außerdem sind die Kupons interessanter, die Stückelung ist mit meist 2.000 US-Dollar privatanlegerfreundlicher."

Einige Anleger seien Brunner zufolge aber auch schon zu arglos geworden. "Das zeigt der Fall Steinhoff." Die bis Januar 2025 laufende Anleihe des südafrikanisch-deutschen Möbelhändlers mit Kupon von 1,875 Prozent (ISIN XS1650590349 / WKN A19LXV), die Anfang Dezember noch bei knapp 90 Prozent gehandelt worden sei, sei aufgrund von Vorwürfen wegen fragwürdiger Bilanzierungspraktiken innerhalb kurzer Zeit auf 43 Prozent gefallen, aktuell seien es 47 Prozent.

Als "dramatisch" bezeichne Petz die Pleite von Air Berlin (ISIN DE000AB100B4 / WKN AB100B, ISIN XS1051719786 / WKN AB100L, ISIN XS1051723895 / WKN AB100N). "Das hat viele Anleger getroffen. Es war doch immer gehofft worden, dass der Hauptaktionär Etihat einspringen wird." In der Tat habe sich der Kurs der Anleihen in der Vergangenheit immer wieder erholt, nachdem die Golf-Airline neue Kredite vergeben habe. Als Etihad aber die Reißleine gezogen habe und Air-Berlin-Chef Thomas Winkelmann Antrag auf Insolvenz in Eigenregie gestellt habe, sei es rapide nach unten gegangen.

Nach vielen schwierigen Jahren scheine am Markt für Mittelstands- bzw. Minianleihen etwas Ruhe eingekehrt zu sein. "Der Markt ist nicht tot, es hat nur eine Bereinigung stattgefunden", meine Petz. Auch Brunner spreche von einer Marktbereinigung und einem Umdenken der begleitenden Häuser. "Aus Fehlern wurde gelernt." Eine Reihe von Emittenten habe sich überraschend problemlos neu finanzieren können, so etwa Eterna Mode, Hohmann (ISIN DE000A2E4NW7 / WKN A2E4NW) und Metalcorp (ISIN DE000A19MDV0 / WKN A19MDV, ISIN NO0010795701 / WKN A19JEV). "Auch unter den "alten" Emittenten gab es positive Überraschungen", wie Brunner bemerke: So sei die Anleihe von Travel24.com (WKN A1PGRG) im September voll zurückgezahlt worden. Mit der Pleite von Travel24-Hauptaktionär Unister seien die Zweifel daran zuvor groß gewesen. (29.12.2017/alc/a/a)





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