Anleihen-Handel: Die Uneinigkeit der Notenbanken schürt Unsicherheit


17.12.21 15:00
Deutsche Börse AG

Frankfurt (www.anleihencheck.de) - In der Woche der Zinsentscheide richten die Anleger ihre Aufmerksamkeit auf die Beschlüsse von FED, Bank of England und EZB zu Leitzinse, Inflation und Tapering - Omikron rückt in den Hintergrund, so die Deutsche Börse AG.

Die FED reduziere die Anleihenkäufe um 30 Milliarden US-Dollar monatlich und plane drei Zinserhöhungen für 2022. Die EZB dagegen weite ihr Anleihenkaufprogramm aus. Zugleich lasse sie das Notfallprogramm PEPP auslaufen, strecke aber die Reinvestitionsphase. Die Inflationsprognose sei angehoben, Zinserhöhungen zurückgewiesen worden.

"Überraschend" erhöhe die Bank of England die Zinsen, trotz Omikron, sie scheine "durch die Coronavirus-Pandemie hindurchzublicken", kommentiere die Deutsche Bank in ihrem Markt-Update "Märkte am Morgen". Eine Leitzinserhöhung der Bank of England sei zu Beginn der Woche "lediglich mit einer Wahrscheinlichkeit von knapp 30 Prozent eingepreist" gewesen, nach starken Arbeitsmarkt- und Inflationsdaten habe sich die Waagschale "auf eine Fifty-Fifty-Entscheidung hinbewegt". Die Mehrheit von acht zu eins Stimmen des geldpolitischen Rates für eine Zinserhöhung von 0,10 auf 0,25 Prozent sei "umso überraschender".

In der Vergangenheit seien die Notenbanken weitgehend einig über geldpolitische Lockerungen gewesen - jetzt gehe die FED deutlich offensiver vor, kommentiere Tim Oechsner von der Steubing AG das Notenbank-Geschehen. "Die Uneinigkeit schürt Unsicherheit bei den Anlegern." Der Bund-Future (ISIN DE0009652644 / WKN 965264) sei als sicherer Hafen gesucht. Er gewinne auf Wochensicht 30 Ticks. Die Rendite sei im Wochenvergleich von -0,34 auf -0,37 Prozent gefallen.

Wie üblich seien auch US-Treasuries beliebt, erkläre Oechsner, mit ihrem Mix aus Verzinsung, Stückelung und ohne Ausfallrisiko. Hier sei vor allem ein zehnjähriges US-Papier mit 1,25 Prozent Kupon (ISIN US91282CCS89 / WKN A3KUZ4) aufgefallen. Oechsner sehe Umsätze im zehnjährigen Bereich bei 1,40 Prozent Rendite auf beiden Seiten, insbesondere, seitdem die FED für mehr Klarheit in Bezug auf ihren zukünftigen geldpolitischen Kurs gesorgt habe.

Allerdings sei, wende Oechsner ein, die Liquidität bei den Anleihen mit zunehmender Nähe zu den Weihnachtstagen und dem Jahresende weiter gesunken. Die Bid-Offer Spreads in der Preisquotierung seien entsprechend breiter, das Handeln sowohl auf der Geld- wie auf der Briefseite entsprechend schwieriger.

"Über die Entscheidung der EZB, aber insbesondere über die Inflationserwartungen von nur noch 3,2 Prozent 2023 darf man geteilter Meinung sein", kommentiere Arthur Brunner von der ICF Bank. Trotzdem hielten sich die Märkte gut. "Selbst wenn die EZB zögert, der Tiefpunkt im Zinsbereich ist erreicht."

Der zum sechsten Mal gesunkene ifo-Geschäftsklimaindex habe am Anleihenmarkt keine Auswirkungen gehabt. "Der Bund-Future ist kaum verändert bei 174,30", sage Brunner. Angesichts der Rückgänge beim ZEW- und Einkaufsmanager-Befragungen sei der Rückgang im ifo-Geschäftsklimaindex "nicht verwunderlich", kommentiere Ralf Umlauf von der Helaba. Er deute aber dennoch auf ein Nachlassen der wirtschaftlichen Erholungsdynamik hin. Coronamaßnahmen, Lieferkettenprobleme und hohe Preissteigerungen seien Belastungen, doch Umlauf erwarte Besserungen: "Im kommenden Jahr, wenn die Probleme an Bedeutung verlieren sollten, dürfte sich die konjunkturelle Entwicklung aber wieder beschleunigen. Verbesserungen der Geschäftsklimaindikatoren sollten dann ins Kalkül gezogen werden."

Nach einer weiteren Zinssenkung durch die türkische Notenbank und Rekordtiefs der Türkischen Lira würden Anleger Anleihen auf die türkische Währung kaufen. "Hier erwarten die Marktteilnehmer wohl Einsicht von staatlicher Seite nach der immensen Abwertung der Lira und setzen auf eine Gegenbewegung", kommentiere Brunner. Am Freitag habe die Türkische Zentralbank am Devisenmarkt interveniert. "Die Marktteilnehmer fürchten wie schon 2001 angesichts der immer neuen Rekordtiefs der Türkischen Lira und der hohen Verschuldung des Landes eine weitere Türkei-Krise", fasse Gregor Daniel von der Walter Ludwig Wertpapierhandelsbank die Stimmung zusammen. Umsätze registriere er dennoch - sowohl auf Kauf- wie auf Verkaufsseite: "Einige engagieren sich neu, andere ziehen die Reißleine".

Käufe verzeichne Brunner bei den ICF Bank-Kunden in einer Nachrang-Anleihe (ISIN DE000LB2CPE5 / WKN LB2CPE) Baden-Württembergs mit Mindestanlagesumme 200 Euro. Daniel verbuche kleine Umsätze in Titeln (ISIN XS1807207581 / WKN A19Y77, ISIN XS1861204938 / WKN A19390), die von der European Investment Bank begeben worden seien. Insgesamt überwögen jedoch Verkäufe.

Der Markt für Neuemissionen sei weiterhin relativ ruhig, sage Brunner. Viele Marktteilnehmer hätten ihre Bücher bereits geschlossen. Ausfälle und weitere Negativ-Meldungen ließen jedoch trotzdem Käufer von Mittelstandsanleihen zurückschrecken: "Die große Mehrheit sind Verkäufer, im ganzen Sektor ist Vorsicht angesagt", erkläre Brunner. So sei die Deutsche Lichtmiete wegen Betrugsverdachts ins Visier der Staatsanwaltschaft geraten. Deren Anleihen wie ein bis 2023 laufendes Papier (ISIN DE000A2G9JL5 / WKN A2G9JL) mit 5,75 Prozent Kupon seien auf unter 20 Prozent eingebrochen.

Verluste auf Wochensicht würden Anleger von FCR Immobilien registrieren. Zuletzt notiere das Papier (ISIN DE000A2TSB16 / WKN A2TSB1) unverändert bei 97,50 Prozent. "Der Kurs ist schon seit geraumer Zeit im Rückwärtsgang", kommentiere Gregor Daniel. Die Umsätze seien eher dürftig. "Das würde ich eher als "Käuferstreik" bezeichnen."

Oechsner bestätige eine stabile Kursentwicklung und Retailnachfrage in der Anleihe (ISIN XS1417876163 / WKN A181ZP) des Fintechs 4Finance mit 11,25 Prozent Zins und Fälligkeit 2025. 4finance sei Anbieter von mobilen und Online-Verbraucherkrediten. Die Anleihe handele bei ca. 104 Prozent und finde entsprechend mehr Käufer als Abgeber.

Aves One, Investor in langlebige Rail-Assets, fokussiert auf Güterwagen für die Schiene und Wechselbrücken für die Straße, habe u.a. die mit 60 Millionen Euro ausstehende Anleihe (ISIN DE000A289R74 / WKN A289R7) mit 5,25 Prozent Kupon und Laufzeit 2025 zum 28.02.2022 zu 100 gekündigt. "Entsprechend notiert die Anleihe nach Ankündigung um 100 Prozent nach 101,90 Prozent."

Der Immobilienprojektentwickler Henri Broen plane nach eigenen Angaben einen IPO im Aktienbereich noch 2021. Die Folge: Kursverluste in der 25 Millionen Euro großen Anleihe (ISIN DE000A283WQ2 / WKN A283WQ), bei relativ dünnen Umsätzen, von ca. 94 auf 80 Prozent. Oechsner beobachte, es gebe mehr Verkäufer als Käufer zu niedrigeren Limits. Zuletzt habe sich das Papier und steht bei 83 Prozent erholt. (17.12.2021/alc/a/a)





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Kurs Vortag Veränderung Datum/Zeit
149,0436 148,7502 0,2934 +0,20% 01.01./01:00
 
ISIN WKN Jahreshoch Jahrestief
DE0009652644 965264 177,61 140,80
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