Anleihen-Handel: Neue Corona-Ängste lassen Anleger in "sichere Häfen" umschichten


26.11.21 16:00
Deutsche Börse AG

Frankfurt (www.anleihencheck.de) - Die in Südafrika aufgetauchte neue Corona-Virusvariante setzt die Märkte am heutigen Freitag in Angst und Schrecken, so die Deutsche Börse AG.

Sicheres sei wieder gesucht, Aktien würden deutlich verlieren. Auch der Ölpreis gebe kräftig nach, der Goldpreis steige. Die EU habe bereits bekannt gegeben, dass Reisen aus Südafrika per Notbremse eingeschränkt werden sollten; die Weltgesundheitsorganisation WHO treffe heute zu einer Krisensitzung zusammen. "Corona hat zuletzt keine Rolle mehr gespielt, über Nacht ist das jetzt anders geworden", berichte Arthur Brunner von der ICF Bank. Verschärft werde die Lage noch durch den gestrigen Thanksgiving-Feiertag in den USA, den viele Amerikaner für ein langes Wochenende nutzen würden. "Die Käufer sitzen zuhause, ein hohes Angebot trifft auf wenig Nachfrage."

Bundesanleihen als sichere Häfen seien wieder gefragt: Der Euro-Bund-Future steige heute Morgen auf 171,91 Punkte. Die Rendite zehnjähriger Bundesanleihen falle deutlich auf minus 0,32 Prozent, gestern seien es noch minus 0,25 Prozent gewesen. Auch die US-Treasury-Rendite gebe heute Morgen stark nach: Zehnjährige Anleihen würden aktuell bei 1,54 Prozent rentieren, am Mittwoch seien es 1,68 Prozent gewesen.

Die Renditeaufschläge für südeuropäische Staatsanleihen gegenüber Bundesanleihen seien im Zuge der Risikoaversion gestiegen. "Der Spread italienischer Staatsanleihen ist von 120 auf 130 Basispunkte geklettert", erkläre Brunner.

"Die Reisebranche wird zerlegt", berichte Gregor Daniel von der Walter Ludwig Wertpapierhandelsbank mit Blick auf die Aktien von Lufthansa und TUI. "Die Anleihenhalter sind allerdings besonnener." Lufthansa-Anleihen würden nur kleine Verluste verzeichnen. Deutlich nach unten gehe es laut Daniel aber für die Anleihe (ISIN DE000A287088 / WKN A28708) der Agri Resources Group, ein vor allem in Afrika tätiger internationaler Spezialist für den nachhaltigen Anbau und die Verarbeitung von Agrarprodukten. "Der Kurs fiel von 97,20 auf im Tief 73 Prozent", berichte der Händler. Aktuell seien es wieder 86 Prozent.

Wie Brunner feststelle, schlage sich die Lage vor allem auf Mittelstandsanleihen nieder. "Da wird viel Vertrauen zerstört." Betroffen seien aber auch Hybridanleihen großer Unternehmen, wie etwa VW. "Einzelne Namen kann man nicht nennen, das betrifft alle."

Nachgefragt gewesen sei diese Woche Brunner zufolge die Anleihe (ISIN NO0010861487 / WKN A2SAP3) von Aurelius Equity Opportunities, der Münchener Beteiligungsgesellschaft. "Die hält sich auch heute noch gut." Verkäufe habe der Händler hingegen für die Anleihe (ISIN XS2113662063 / WKN A28TAL) des Wiener Baukonzerns PORR beobachtet.

"Solange man über Ansteckungsraten und Impfschutz nichts weiß, bleibt die Unsicherheit hoch und abzuwarten, inwieweit der stabile Fundamentalausblick Schaden nimmt", kommentiere Robert Halver von der Baader Bank. Allerdings mindere eine Konjunkturabschwächung auch die Notwendigkeit für zügige geldpolitische Einschränkungen. Zuvor habe sich nämlich die Befürchtung durchgesetzt, dass die US-Notenbank ihre Geldpolitik schneller straffen könnte als bislang angenommen.

Die Entscheidung von US-Präsident Biden, Jerome Powells Vertrag als Notenbankchef zu verlängern, sei unterdessen als Bekräftigung des Prinzips einer unabhängigen Notenbank gewertet worden. "Mit einer Nominierung der von linken Demokraten favorisierten Gegenkandidatin Lael Brainard für die FED-Spitze hätte sich der US-Präsident angreifbarer gemacht", habe Commerzbank-Ökonom, Bernd Weidensteiner, bemerkt. Die Republikaner hätten Biden vorwerfen können, die Inflation anzuheizen. (26.11.2021/alc/a/a)