Anleihen-Handel: Leichte, aber wacklige Stabilisierung


30.03.20 12:00
Deutsche Börse AG

Frankfurt (www.anleihencheck.de) - Wie am Aktienmarkt scheint auch der Anleihemarkt Boden gefunden zu haben - vorerst jedenfalls, so die Deutsche Börse AG.

Rainer Petz von Oddo Seydler spreche von einer "leichten, aber wackligen Stabilisierung". "Das kann sich aber ganz schnell ändern." Dass es derzeit nicht weiter nach unten gehe, liege seiner Ansicht nach auch daran, dass jeder verkauft habe, der verkaufen wolle.

Das sehe auch Gregor Daniel von der Walter Ludwig Wertpapierhandelsbank so. Er verweise außerdem auf die Anleihekäufe der EZB, die am Donnerstag begonnen hätten. "Alle Papiere, die die EZB kauft, sind schwer zu bekommen, alles was die EZB nicht kauft, schwer zu verkaufen." Die europäischen Notenbanker hätten als Notmaßnahme gegen die Corona-Krise das so genannte Pandemic Emergency Purchase-Programm angekündigt: Den Kauf von Anleihen im Volumen von 750 Milliarden Euro. Die bisherige Regel, dass die EZB maximal ein Drittel aller Staatsanleihen eines Eurolandes kaufen dürfe, sei aufgehoben worden.

Dass die enormen Mengen an neuen Staatsanleihen, die viele Länder - auch Deutschland - zur Finanzierung der Krisenmaßnahmen begeben möchten, am Markt gut ankommen würden, bezweifle Daniel. "Wer will schon italienische Staatsanleihen kaufen?", frage er. Erstmal habe das Notprogramm der EZB aber für sinkende Renditen südeuropäischer Anleihen gesorgt. Bundesanleihen seien zwar noch gefragt, aber nicht mehr so stark wie vor einigen Wochen. Die Rendite zehnjähriger Papiere habe am Freitagmorgen bei minus 0,44 Prozent gelegen, vor einigen Wochen seien es noch minus 0,9 Prozent gewesen - ein Rekordtief.

Unterdessen gehe die Diskussion um die so genannten Corona-Bonds weiter, also gemeinsame Bonds der Eurozonenländer zur Finanzierung der Corona-Folgekosten. Kanzlerin Angela Merkel habe der Forderung allerdings eine klare Absage erteilt.

Die An- und Verkaufs-Spreads von höherverzinslichen Anleihen hätten sich im Zuge der Krise deutlich ausgeweitet. "Wir sehen Spreads von bis zu 5 Prozentpunkten", berichte Gregor Daniel. Die fehlende Liquidität am Anleihemarkt wirke sich im Übrigen auch auf Anleihe-ETFs aus. Auch dort seien die Spreads weit auseinander gegangen. "Die ETFs sind so liquide wie die Papiere, die sie abbilden", habe ETF-Händler Andreas Bartels letzte Woche bemerkt. "Die Liquidität der ETFs ist aber noch gewährt."

Hybridanleihen und Unternehmensanleihen besonders betroffener Branchen wie Luftfahrt und Autoindustrie hätten sich Petz zufolge gut erholt. So sei die Hybridanleihe der Lufthansa mit Kupon von 5,125 Prozent (ISIN XS1271836600 / WKN A161YP) vergangene Woche bei unter 60 Prozent gehandelt worden, jetzt seien es wieder 71 Prozent. Der Coco-Bond (ISIN DE000DB7XHP3 / WKN DB7XHP) der Deutschen Bank sei auf 50 Prozent gefallen, aktuell seien es wieder 70,50 Prozent (27.03.2020), Hybridanleihen von VW (ISIN XS1048428442 / WKN A1ZE21) würden von 84 auf 98 Prozent steigen.

Zu den wenigen Bonds, die Anleger derzeit noch kaufen würden, gehöre laut Daniel etwa eine am 25. November fällige thyssenkrupp-Anleihe mit Kupon von 1,75 Prozent. Auch er melde Käufe von VW-Anleihen. "Ich denke, dieser Konzern ist "too big to fail", bemerke der Händler.

Klar erholt hätten sich darüber hinaus Papiere von Semper idem Underberg (ISIN DE000A2YPAJ3 / WKN A2YPAJ) und Hapag-Lloyd. Bei der Otto-Anleihe würden die Kurse um 92 Prozent aber zum Ausstieg genutzt. "Einige Bonds, die Richtung 95 Prozent tendieren, auch Ekosem-Agrar und DIC Asset, werden verkauft", stelle Daniel fest. "Das ist für Anleger offenbar ein verkraftbarer Schaden."

Nach Ansicht von Anleiheanalyst Cem Keltek von der Commerzbank seien Hoffnungen auf eine Rally bei Unternehmensanleihen übrigens verfrüht. Die wirtschaftlichen Auswirkungen der Pandemie würden die Unternehmen wohl noch einige Zeit belasten. "Die Welle von Rating-Downgrades steht wohl erst an ihrem Anfang, es sollte sogar zu einer beträchtlichen Zahl von Zahlungsausfällen kommen." Daher werde die Nachfrage der Investoren vorerst stark auf defensive Namen ausgerichtet bleiben. (Ausgabe vom 27.03.2020) (30.03.2020/alc/a/a)





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