Anleihen-Handel: Als wäre nichts gewesen


18.12.20 14:30
Deutsche Börse AG

Frankfurt (www.anleihencheck.de) - Die Pandemie und ihre Folgen für die Wirtschaft war und ist für Akteure an den Kapitalmärkten wohl ein Ereignis, das alles andere in den Schatten stellt, so die Deutsche Börse AG.

Mit dem Crash an den Aktienmärkten im März sei ein beispielloser Abverkauf von Anleihen jeder Bonität einhergegangen. "So etwas habe ich in meiner Zeit als Händler noch nicht erlebt", beschreibe Gregor Daniel von der Walter Ludwig Wertpapierhandelsbank. "Die Nerven vieler Anleger lagen komplett blank." Viele Verkaufsaufträge hätten damals nicht ausgeführt werden können. Der ganze Spuk habe etwa zwei Wochen gedauert.

Mit der Ankündigung massiver Hilfsprogramme habe sich die Lage dann beruhigt, wie Arthur Brunner von der ICF Bank feststelle. Regierungen, Brüssel und die Europäische Zentralbank würden seitdem mit viel Liquidität und einem neuen Anleihen-Kaufprogramm gegensteuern. Erst am vergangenen Donnerstag hätten die Hüter der Gemeinschaftswährung beschlossen, das so genannte PEPP - das stehe für Pandemie Emergency Purchase Programme - um 500 Milliarden auf insgesamt 1,85 Billionen Euro aufzustocken. Gleichzeitig solle die Maßnahme bis Ende März 2022 verlängert werden.

Die Notenbanken würden Brunner zufolge mit 0 Prozent Zinsen oder darunter dafür sorgen, dass sich Corona in der Realwirtschaft nicht so stark widerspiegele. Für große Konzerne mit guter Bonität sei die Situation nach Ansicht des Händlers gar fantastisch. Neue Bonds seien direkt bei der Europäischen Zentralbank gelandet. Auch Staaten hätten sich in größerem Stil mit günstigem Fremdkapital eingedeckt. "Deutschland emittierte in diesem Jahr Staatsanleihen im Volumen von rund 406 Milliarden Euro, vergangenes Jahr waren es 202 Milliarden Euro." In anderen Ländern sehe es ähnlich aus. Der Trend werde 2021 vermutlich fortgesetzt.

Dass die EZB mit ihren Maßnahmen ein stabiles Umfeld schaffe, mache Brunner auch an den Renditen für zehnjährige Bonds der Peripheriestaaten fest. Portugiesische und spanische Staatsanleihen rentierten gegenwärtig um 0 Prozent, italienische Papiere kämen auf einen Ertrag von 0,55 Prozent. "Damit bekommt selbst Italien das Geld mittlerweile fast geschenkt."

Trotz wirtschaftlicher Härten in einigen Branchen gebe es laut Creditreform mit voraussichtlich 16.300 Pleiten in diesem Jahr so wenige Unternehmensinsolvenzen wie seit 20 Jahren nicht. "Behrens gehört dazu und Dr. Wiesent Sozial gemeinnützige GmbH (ISIN DE000A1XFUZ2 / WKN A1XFUZ) hat in dieser Woche einen Antrag auf Insolvenzeröffnung gestellt", ergänze Brunner. Experten würden damit rechnen, dass es im nächsten Jahr mehr Ausfälle geben werde. Die Gefahr bestehe natürlich, dass weitere Anleihe-Emittenten die Reißleine ziehen müssten. Tilmann Galler von J.P. Morgan erwarte bei mittleren und größeren Unternehmen dennoch weniger Insolvenzen als bei einer Rezession üblich.

Das sehe Christopher Smart von Barings Investment Institute ähnlich. "Es gibt Zeiten, in denen es schwierig ist, ein Unternehmen über Wasser zu halten, und dann gibt es die aktuelle Pandemie, in der es offensichtlich schwer ist, bankrott zu gehen." Um eine eventuelle Überschuldung müssten sich Firmen derzeit nicht sorgen. Die Politik habe dafür gesorgt, dass viele Unternehmen mit Liquidität überschwemmt würden. Was passiere, wenn die Welt zur Normalität zurückkehre und die systemischen Hilfen allmählich versiegen würden, bleibe abzuwarten.

Unterm Strich seien in Deutschland bis Ende November mit 27 neuen Mittelstandsanleihen vier Bonds weniger begeben worden als im Gesamtjahr 2019, wie Klaus Rainer Kirchhoff von Kirchhoff Consult berechne. Das Emissionsvolumen in Höhe 938 Millionen Euro falle im Vergleich zum Vorjahr 33 Prozent geringer aus. Der Anteil der Vollplatzierungen liege mit 37 Prozent deutlich unter dem Vorjahresniveau von 65 Prozent. Unterm Strich hätten Unternehmen 74 Prozent des angestrebten Volumens erreicht, nach 81 Prozent in 2019. Der durchschnittliche Kupon habe sich mit 5,5 Prozent nicht verändert.

Den Hauptgrund für rückläufige Emissionen und Volumina auch im Investment-Grade-Bereich im vierten Quartal sehe Carsten Stäcker von PwC im Ansturm auf Liquidität im ersten Halbjahr. Unternehmen und Kapitalmärkte hätten diese Zeit aktiv genutzt, um ihre Liquiditätspuffer für künftige Unsicherheiten aufzufüllen. (18.12.2020/alc/a/a)





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