Anleihemarkt: Aufatmen nach Chaostagen


04.07.16 11:51
Deutsche Börse AG

Frankfurt (www.anleihencheck.de) - Vom Brexit-Schock am vergangenen Freitag hat sich der Markt mittlerweile etwas erholt, so die Deutsche Börse AG.

Im Bond-Handel heftig unter Druck seien, auch in den Folgetagen, vor allem Bankanleihen geraten, wie Gregor Daniel von der Walter Ludwig Wertpapierhandelsbank melde. Der ganz große Crash sei aber ausgeblieben. "Am Dienstag entspannten sich die Finanzmärkte sichtlich, die Risikoneigung nahm step by step wieder zu", schildere Sabine Tillmann von der Hellwig Wertpapierhandelsbank die Lage. "Es war alles gut vorbereitet. Die Zentralbanken standen mit Liquidität bereit", bemerke Arthur Brunner von der ICF Bank.

Der Euro-Bund-Future, der nach dem Brexit-Votum am Freitag und Montag einen großen Sprung nach oben auf in der Spitze 168,86 Punkte gemacht habe, notiere am Freitagmittag wieder bei 166,68 Punkten. Die Rendite der zehnjährigen Bundesanleihe liege allerdings immer noch bei minus 0,128 Prozent, im Tief seien es minus 1,17 Prozent gewesen.

Dass der Euro-Bund-Future am gestrigen Donnerstag deutlich nachgegeben habe, habe Brunner zufolge auch mit Gerüchten um einen neuen Schlüssel für die EZB-Anleihekäufe zu tun. "Es hieß, dass die EZB in Zukunft auch kurzfristige Anleihen aufkauft, was zu Verschiebungen geführt hätte, später wurde das aber dementiert."

Die politische Unsicherheit sei nach wie vor sehr groß, wie Cyrus de la Rubia von der HSH Nordbank betone. "Dass die Märkte derzeit wieder in etwas ruhigeres Fahrwasser geraten, täuscht über die Unterströmungen hinweg, die jederzeit neue Monsterwellen provozieren können." Man könne nur hoffen, dass sich die "Kapitäne" in der EU und in Großbritannien dieser Gefahren bewusst seien.

"Die EZB hat Handlungsbereitschaft signalisiert, die Märkte gegebenenfalls mit zusätzlicher Liquidität zu unterstützen. Dies spricht dafür, dass der Abwärtsdruck auf die langfristigen Renditen anhalten wird." Leitzinsanhebungen seien durch den Brexit Analysten zufolge in jedem Fall unwahrscheinlicher geworden, Bank of England-Chef Mark Carney habe bereits eine geldpolitische Lockerung signalisiert.

Die Ratingagenturen Standard & Poor's und Fitch hätten die Bonitäts-Einstufung von Großbritannien sehr schnell "den veränderten Gegebenheiten" angepasst und auf "AA" gesenkt, wie Klaus Stopp von der Baader Bank berichte. "Dass hierbei zusätzlich noch der Ausblick mit 'negativ' bewertet wird, ist sicherlich der Unsicherheit in puncto Stabilität, wirtschaftlicher und politischer Entwicklung geschuldet."

Was vorab befürchtet worden sei, nämlich dass die Peripherieanleihen mit einem Brexit stark verlieren würden, sei nicht eingetreten. So rentiere die zehnjährige spanische Staatsanleihe aktuell bei 1,13 Prozent, vor einer Woche seien es noch 1,66 Prozent gewesen. Auch die Renditen für italienische Anleihen seien zurückgegangen. "Mit einem Flächenbrand nach dem Leave-Votum wird nicht mehr gerechnet - im Gegenteil", bemerke Brunner. "Vielen ist wohl jetzt erst bewusst geworden, was sie an der EU haben."

Auch die Wahlen in Spanien habe der Markt erst einmal positiv aufgenommen, wie Tillmann feststelle. "Dortige EU-Gegner erfuhren keinen verstärkten Zuspruch." Bei den Neuwahlen am Sonntag sei die konservative Volkspartei PP als stärkste Partei hervorgegangen, die Regierungsbildung gestalte sich aber weiterhin schwierig. "Italien konnte eine Woche nach dem Brexit-Votum bei verstärktem Anlegerinteresse problemlos fünf- und zehnjährige BTPs sowie einen Floater auktionieren", berichte Tillman außerdem.

Dass Argentinien am Dienstag - drei Monate nach seinem Comeback am Kapitalmarkt nach vielen Jahren der Abstinenz - die Emission einer weiteren US-Dollar-Anleihe in zwei Tranchen bekannt gegeben habe, habe laut Daniel zu Abgaben einer alten, bis 2033 laufenden Argentinien-Anleihe (ISIN XS0501195134 / WKN A0VTZV) geführt.

Nicht nur Bankaktien, auch Bankanleihen hätten in dieser Woche heftig Federn lassen müssen. Kräftig nachgegeben hätten etwa Papiere (ISIN XS0205935470 / WKN A0DG4P; ISIN DE000A0E6C37 / WKN A0E6C3) der britischen RBS, wie Daniel beobachtet habe.

Gut an komme weiterhin die neue Anleihe (ISIN XS1433512891 / WKN A2AAWQ) des Handelskonzerns Otto mit einem Kupon von 2,5 Prozent, Laufzeit bis Juni 2023 und Mindeststückelung von 1.000 Euro. "Da sehen wir nach wie vor sehr viel Umsatz", erkläre Brunner. Der Kurs liege aktuell bei 101,75 Prozent, das drücke die Rendite auf 2,29 Prozent. Gesucht seien Brunner zufolge - nachdem der Brexit-Schock verdaut gewesen sei - VW-Hybridanleihen (ISIN XS1048428442 / WKN A1ZE21) gewesen. "Auch die Einigung mit den US-Behörden spielt eine Rolle, die Strafzahlung ist zwar hoch, jetzt weiß man aber, woran man ist."

Daniel berichte außerdem von Verkäufen in Anleihen der Lufthansa, der Merck KGaA und Main Capital sowie Käufen in einem Langläufer der Lufthansa.

Abermals deutlich nach unten sei es für Anleihen des Agrarkonzerns KTG Agrar (ISIN DE000A1H3VN9 / WKN A1H3VN; ISIN DE000A11QGQ1 / WKN A11QGQ), ebenso wie für Papiere der KTG Energie gegangen, hier sei KTG Agrar Großaktionär. Befürchtet werde eine Insolvenz. KTG Agrar habe die am 6. Juni anstehende Zinszahlung auf die im Juni 2017 fällige Anleihe nicht zahlen können, nun sei auch noch die gestern anstehende Hauptversammlung verschoben worden.

Angesichts der unruhigen Märkte sei bei den Neuemissionen nicht viel los gewesen. "In den Tagen nach dem Brexit-Referendum ist der Primärmarkt für Corporate Bonds fast vollkommen zum Erliegen gekommen", melde Stopp. Seit gestern in der Zeichnung sei eine neue Anleihe (ISIN DE000A2AA055 / WKN A2AA05) der Deutschen Rohstoff AG mit Kupon von 5,625 Prozent und Laufzeit bis Juli 2021. Die Mindestanlagesumme liege bei 1.000 Euro. Mit dem frischen Geld wolle das Unternehmen die noch ausstehenden 51 Millionen Euro des 2013 begebenen Bonds (ISIN DE000A1R07G4 / WKN A1R07G), der noch einen Kupon von 8 Prozent biete, vorzeitig zurückzahlen - zu einem Kurs von 103 Prozent. (Ausgabe vom 01.07.2016) (04.07.2016/alc/a/a)





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