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Der mutige Römer - Mario Draghi


08.11.19 10:00
LOYS

Oldenburg (www.anleihencheck.de) - Ohne Zweifel ist Mario Draghi der historisch herausragende Präsident der EZB, so Dr. Christoph Bruns und Ufuk Boydak von LOYS.

Während man sich an seine Vorgänger Duisenberg und Trichet kaum werde erinnern können, habe der Italiener Weltgeschichte geschrieben. Und darin liege das Problem: Der Bürger wünsche sich von seiner Notenbank kein weltgeschichtliches Eingreifen, sondern die Erhaltung der Preisstabilität durch eine Politik der ruhigen Hand. Bekanntlich sei es aber ganz anders gekommen. Die große Finanzkrise, die ursprünglich nur eine amerikanische Subprimekrise gewesen sei, habe gedroht einen großen Teil der Bankenwelt in den Orkus zu reißen. In den Vereinigten Staaten hätten die Notenbank unter ihrem professoralen Präsidenten Ben Bernanke und die Obama-Administration zu radikalen Staatsrettungsmaßnahmen gegriffen. Systemrelevante Geschäftsbanken und auch vormalige Investmentbanken wie z.B. Goldman Sachs und Morgan Stanley seien mit Steuerzahlergeld gerettet worden. Notfinanzierungsprogramme (TARP und TALF) seien aufgelegt, Unternehmen teilverstaatlicht (z.B. General Motors) und Betriebe mit Liquidität versorgt worden (General Electric, Harley Davidson, etc.). Die Zinsen seien Richtung Null gesenkt worden und alsbald seien in großem Umfang Anleihen durch die Notenbank gekauft worden.

Obwohl Europa keine Subprimekrise gehabt habe und vor allem das wirtschaftlich wichtigste Land Europas überhaupt keine Immobilienpreisexzesse gesehen habe, sei der alte Kontinent in die Fänge der US-Krise geraten, indem europäische Banken - allen voran staatliche deutsche Landesbanken - mit an vorderster Front im US-Immobilienmarkt engagiert gewesen seien. Jene EU-Länder, die ihrerseits einen Immobilienboom gesehen hätten (Spanien, Irland, Griechenland, etc.), hätten sich schnurstracks in einer großen Banken- und Staatsschuldenkrise gefunden.

Weil aber die Regierungen Europas angesichts der historisch erklärbaren Uneinheitlichkeit und Kakophonie des Kontinents bestenfalls zarte nationale Lösungen (Abwrackprämie in Deutschland) zustande gebracht habe, habe sich Mario Draghi aufgeschwungen, der schweren Krise durch eine bislang nicht dagewesene und vormals unvorstellbar lockere Geldpolitik zu begegnen. Unbeirrt von jedweder Kritik, habe Draghi die Zinsen gesenkt und die Fluttore des lockeren Geldes geöffnet. Bis zum heutigen Tag seien mehrere Billionen Euro mit der Druckerpresse erzeugt und in den Markt geschleust worden, vornehmlich durch Anleihekäufe am Kapitalmarkt. Fast im Alleingang habe der mutige Römer durch seine Staatsanleihekäufe die Finanzierung der Krisenstaaten sichergestellt und bei der Sanierung der Staatshaushalte geholfen. Man greife nicht zu hoch, wenn man Mario Draghi verwegene Kühnheit bescheinige.

Freilich seien die Gelddruckorgie und die Staatsfinanzierung durch die Notenbank ein Experiment ohne Beispiel. Und das selbst gesteckte und zugleich umstrittene Ziel einer höheren Geldentwertung bei Gütern der allgemeinen Lebenshaltung sei bislang nicht erreicht worden. Die langfristigen Folgen seien völlig unabsehbar. Auch die Unabhängigkeit der Notenbank habe auf dem Altar der Krisenbewältigung geopfert werden müssen. Und die Einheitswährung Euro, von der es noch bei ihrer Einführung geheißen habe, sie werde besser werden als die D-Mark, habe sich gegenüber Dollar, Yen und Franken als Schwachwährung erwiesen. Schwach sei in der Amtszeit Draghis auch das Wirtschaftswachstum in der EU gewesen, sodass nur geringe Inflationsgefahr bestanden habe. Jedenfalls habe es unter Draghi keine hohe Güterpreisinflation gegeben. Demgegenüber seien Vermögenswerte wie Anleihen, Immobilien und Aktien von der Schwemme billigen Geldes stark beflügelt worden. Unter den genannten Anlageklassen seien ausgewählte Aktien heute gegenüber Anleihen und Immobilien (je nach Lage) mit Abstand am günstigsten, während Anleihen völlig überreizt wirken würden.(Ausgabe vom 30.10.2019) (08.11.2019/alc/a/a)