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Das höchste deutsche Gericht irritiert kurzzeitig den Rentenmarkt


07.05.20 11:15
Weberbank

Berlin (www.anleihencheck.de) - Nach Wochen des Stillstands in Gesellschaft und Wirtschaft keimt Hoffnung auf, so Marthel Edouard, CFA bei der Weberbank.

Die harten Lockdown-Maßnahmen in vielen Ländern würden langsam heruntergefahren und die Wirtschaft wieder hochgefahren. Damit würden die wirtschaftlichen Aspekte der Krise verstärkt in den Fokus der Öffentlichkeit und der Politik rücken. Die Lage sei ernst und der Ausblick düster. Die Diskussion über staatliche Konjunkturpakete werde zunehmen.

Bei der Bekämpfung der Covid-19-Pandemie gebe es Hoffnungsschimmer. Um die Ausbreitung des Virus zu bremsen, habe die Politik weltweit großen Teilen der Wirtschaft seit Wochen Stillstand auferlegt. Die drastischen Lockdown-Maßnahmen würden mittlerweile Wirkung zeigen. In vielen Ländern und Regionen verlangsame sich die Ausbreitung der Krankheit. Doch die wirtschaftlichen Nebenwirkungen dieser Schock-Therapie seien dramatisch. Europa, den USA, China - der Weltwirtschaft drohe ein Abschwung ungekannten Ausmaßes. Vor diesem Hintergrund sei es nicht verwunderlich, dass immer mehr Regierungen in den vergangenen Tagen angekündigt hätten, Lockerungen des verordneten Stillstands zu prüfen. Die Versuchung, Beschränkungen des öffentlichen Lebens zurückzufahren und die Wirtschaft rasch wieder zum Laufen zu bringen, sei groß angesichts der wirtschaftlichen Verluste. Klar sei, die medizinische Krise ziehe eine schwere Rezession nach sich. Offen scheine lediglich, wie tief es gehe und wie lange es dauere.

Eine Vorahnung darauf habe in der vergangenen Woche die Präsidentin der Europäischen Zentralbank (EZB) geliefert, Christine Lagarde, als sie die neuen Prognosen der EZB Volkswirte veröffentlicht und damit den Ausblick bestätigt habe, mit dem Mitte April schon der Internationale Währungsfonds (IWF) habe aufhorchen lassen. Die Lage sei besorgniserregend und der Ausblick düster: Man erwarte einen Rückgang des Bruttoinlandsprodukts für die Eurozone von bis zu 12 Prozent für 2020. Einen solchen Einbruch der Wirtschaftsleistung, so er denn eintreten sollte, habe es seit der Großen Depression der 1930er Jahre nicht mehr gegeben. Selbst in der Finanzkrise vor gut zehn Jahren sei die europäische Konjunktur mit einem Minus von 4 Prozent vergleichsweise glimpflich davon gekommen.

So alarmierend wie der Wirtschaftsausblick, so eindringlich seien mittlerweile auch die Appelle deutscher Wirtschaftsverbände an die Politik, einen schnellen, aber planvollen Ausstieg aus den Anti-Covid-19-Maßnahmen der Bundesregierung noch im Mai zu beschließen und vor allem auch möglichst schnell Konjunkturpakete zur Ankurbelung der Wirtschaft auf den Weg zu bringen. Die Forderung sei unmissverständlich: Mehr Fiskalpolitik wagen! Zugegeben, der deutsche Staat habe auf den Ausbruch der Krise umgehend und umfassend reagiert: Ein milliardenschwerer Nachtragshaushalt, üppige Kreditgarantien und die Einrichtung eines Wirtschaftsstabilisierungsfonds, der sich an Unternehmen beteiligen könne, die wegen der Pandemie in existenzielle Schwierigkeiten geraten würden.

Diese Maßnahmen seien notwendig und wichtig gewesen, doch sie würden vor allem auf die reibungslose Liquiditätsversorgung der Wirtschaft abzielen. Aber: Liquidität allein schaffe noch keine Konsumnachfrage, doch Unsicherheit schaffe mit ziemlicher Sicherheit Konsumverzicht - mit allen Konsequenzen für Produzenten und Unternehmer. Dies sei auf Sicht der kommenden Monate vermutlich das viel größere Problem. An dieser Stelle sei die Politik jetzt wieder gefordert. Die Rufe nach einem groß angelegten Konjunkturpaket, das nicht in Form einer Abwrackprämie 2.0 nur einzelne Branchen bevorzuge, sondern möglichst gleichmäßig auf die Gesamtwirtschaft wirke und zudem in seiner Stoßrichtung für Deutschland zukunftsweisend sei, würden lauter - und sollten erhört werden.

Was das Bundesverfassungsgericht (BVerfG) am Dienstag dieser Woche zu verkünden gehabt habe, sei ein echter Paukenschlag oder, wie es der Präsident des BVerfG selbst formuliert habe, "keine leichte Kost" gewesen. Was sei geschehen? Das BVerfG habe mehreren Klagen gegen die milliardenschweren Staatsanleihekäufe der EZB zur Stimulierung von Konjunktur und Inflation seit 2015 überwiegend stattgegeben. Die Beschlüsse der Notenbank seien kompetenzwidrig ergangen, weil die EZB die Verhältnismäßigkeit ihres so genannten PSPP-Programms nicht ausreichend dargelegt und Bundesregierung sowie Bundestag die Beschlüsse nicht geprüft hätten. Aber, und das sei aus Sicht der Analysten der Weberbank das Entscheidende am Urteil, das BVerfG habe die Anleihekäufe nicht grundsätzlich als verbotene Staatsfinanzierung gewertet. Im Kern habe das Gericht der EZB damit grünes Licht gegeben und den Währungshütern lediglich einen Formfehler ins Stammbuch geschrieben, den es innerhalb von drei Monaten zu korrigieren gelte. Es gebe keine Zweifel daran, dass der Zentralbank dies gelingen werde. Die Anleihekäufe der EZB würden also weitergehen. Daran werde das Urteil nichts ändern.

Die ersten Marktreaktionen würden die Einschätzung der Analysten der Weberbank bestätigen, die europäischen Staatsanleihekurse hätten nach der Urteilsverkündung nur kurzzeitig nachgegeben. Auf den zweiten Blick könnte der Gerichtsentscheid nach Einschätzung der Analysten der Weberbank aber doch noch Auswirkungen auf den Rentenmarkt haben, denn die EZB habe im Angesicht der Covid-19-Krise ein neues 750 Mrd. Euro umfassendes Anleihekaufprogramm mit dem Namen PEPP aus der Taufe gehoben. Auch wenn das PEPP-Programm bei der Karlsruher Entscheidung am Dienstag gar nicht zur Debatte gestanden habe, so lasse sich dennoch Grundsätzliches aus dem Urteil ableiten: Es gebe eine Grenze für Anleihekäufe, die Verhältnismäßigkeit. Das könne es der EZB in Zukunft schwerer machen, ihre Kaufprogramme beliebig auszudehnen.

Für den Moment führt das aber noch nicht dazu, dass wir eine Anpassung der Positionierung im Rentenbereich empfehlen, so die Analysten der Weberbank. Die Erwartung der Analysten sei unverändert, dass die Folgekosten von Covid-19 zu einer Zunahme der Verschuldung bei Staaten und Unternehmen führen würden. Insofern komme es mehr denn je darauf an, die Bonitätssituation von Schuldnern im Blick zu behalten. Die internationalen Ratingagenturen hätten in zahlreichen Einzelfällen bereits reagiert und Herabstufungen ihrer Bewertungen wie etwa beim italienischen Staat vorgenommen. Das bestätige die Analysten der Weberbank in der Einschätzung, Staatsanleihen hochverschuldeter europäischer Länder und krisengeschwächter Schwellenländer zu meiden und die Chancen im Segment bonitätsschwächerer, aber günstig bewerteter Unternehmensanleihen aktuell noch nicht zu suchen.

Auf den dramatischen Kurseinbruch an den Aktienmärkten im März sei in den letzten Wochen eine fulminante Kursrally und jetzt, seit ein paar Tagen, die Flaute gefolgt. Die Aktiennotierungen würden sich seit Mitte April nicht so recht von der Stelle bewegen. Das gelte gleichermaßen für die europäischen Aktienmärkte und die US-amerikanischen Börsenbarometer. Was die Marktentwicklung der letzten Tage nahe lege, sei, dass die jüngste Rally noch keine nachhaltige Entspannung signalisiere. Erstaunlich sei das nicht, denn die laufende Bilanzsaison zeige, dass sich die Auswirkungen des wirtschaftlichen Stillstands im Zahlenwerk der Unternehmen deutlich niederschlagen würden.

Zudem bleibe der Ausblick der meisten Unternehmenslenker auf das, was in den nächsten Monaten an Belastung noch kommen könnte, bestenfalls vage. Dementsprechend hätten auch die Analysten ihre Gewinnerwartungen in den letzten Tagen weiter reduziert. Hiervon betroffen seien insbesondere Firmen aus zyklischen Sektoren wie Industrie, Banken, Freizeit und Energie. Die Analysten der Weberbank würden daher empfehlen, Aktien aus diesen Bereichen weiter zu meiden. Auf der anderen Seite sähen die Analysten Chancen bei Pharmatiteln, Technologiewerten und bei Unternehmen aus dem Einzelhandel, deren Geschäftsmodelle sowohl in der aktuellen Phase des Lockdowns, aber auch danach funktionieren würden. Allerdings komme es hier darauf an, sehr selektiv vorzugehen. Nicht alle Aktien aus diesen Sektoren seien noch günstig bewertet und einige zudem höher verschuldet.

Mit Blick auf die Gesamtmarktentwicklung in den kommenden Wochen würden die Analysten der Weberbank eine gewisse Grundskepsis für angebracht halten. Die aktuellen Wirtschaftsdaten würden weiter klare Rezessionssignale senden. Es sei davon auszugehen, dass Analysten ihre Gewinnerwartungen für die Unternehmen erneut nach unten anpassen würden. Der Druck weiterer Gewinnrevisionen auf die Märkte dürfte demnach weiter anhalten. Eine Lehre aus der Finanzkrise vor zwölf Jahren sei, dass heftige Börsenturbulenzen längerfristig nachwirken würden, eben weil der Ausblick für die Gewinne für längere Zeit unsicher bleibe. Den Investoren stehe vermutlich auch in der aktuellen Krise noch eine holprige Reise bevor. (07.05.2020/alc/a/a)