Erweiterte Funktionen

Zu früh gefreut? Auch die langfristigen Zinsen werden weiter steigen


03.05.22 09:15
SIGNAL IDUNA AM

Hamburg (www.anleihencheck.de) - In den vergangenen Wochen haben sich die Renditen an den Rentenmärkten und die Preise für Güter, aber auch Dienstleistungen hüben wie drüben, also im Euro- wie im US-Dollar-Raum, so stark wie seit Jahrzehnten nicht mehr nach oben bewegt, so Christian Bender, CEFA bei SIGNAL IDUNA Asset Management.

Wo Olaf Scholz eine Zeitenwende in der Weltpolitik ausgerufen habe, hätten Analysten deshalb selbige auch für die Kreditmärkte ausgemacht. Denn zwei vermeintliche Konstanten, die man sich gar nicht mehr wegdenken mochte, scheinen der Vergangenheit anzugehören: Eine kaum sichtbare Inflation und eine immer günstiger werdende Refinanzierung, so Christian Bender von SIGNAL IDUNA Asset Management weiter.

Mit Blick auf die eigenen künftigen Anlageentscheidungen stelle sich die Frage, wie lange und wie weit der Renditeanstieg allerdings noch gehen solle, wenn Teile des Marktes bereits eine Rezession vorhersähen?

Als Ausdruck dieser Rezessionserwartung könne man die sich verflachende Zinsstrukturkurve in den USA auffassen. Eine nahezu identische Rendite bei den 2- und 10-jährigen US-Staatsanleihen bringe zum Ausdruck, dass die Marktteilnehmer damit rechnen würden, dass die angekündigten, aber erst ansatzweise umgesetzten Leitzinserhöhungen der FED nicht von Dauer sein würden. Eine Absenkung aber werde die FED nur erwägen, wenn sich die Inflationsraten wieder zurückgebildet hätten und das gesamtwirtschaftliche Gleichgewicht aus den Fugen zu geraten drohe.

Für wie wahrscheinlich halte das Christian Bender von SIGNAL IDUNA Asset Management? Nun, um Orientierung zu finden, suche der Mensch in bewegten Zeiten nach Mustern - idealerweise nach solchen, die er bereits kenne. An den Rentenmärkten führe diese Suche hinsichtlich der exorbitant gestiegenen Inflationsraten zurück in die 70er Jahre des vergangenen Jahrhunderts. Innerhalb weniger Jahre seien die Verbraucherpreise stark angestiegen: In Deutschland zwischenzeitlich auf Jahresraten bis zu 8 Prozent, in Frankreich und den USA auf Werte bis ca. 15 bzw. 12 Prozent. Anfang der 80er Jahre seien die Inflationsraten dann in einen Sinkflug übergegangen, der erst vor einigen Monaten sein Ende gefunden habe.

Hinsichtlich des Aktivitätsumfangs der Notenbanken liege ein Blick in das Jahr 1994 allerdings näher, als die FED innerhalb einiger Monate ihren Leitzins von 3 auf 6 Prozent angehoben habe. Die seinerzeitige schrittweise Anhebung um 3 Prozentpunkte entspreche etwa den heutigen Erwartungen an Jerome Powell und sein Kollegium, natürlich ausgehend von einem deutlich niedrigen Niveau. Obwohl die FED die Inflation - gemessen an den aktuellen Raten - im Griff gehabt habe, habe sie die Zinssätze in der zweiten Hälfte der 90er mit Blick auf die niedrigen Arbeitslosenquoten und das gute Wirtschaftswachstum auf einem Niveau zwischen knapp 5 und 6,5 Prozent gehalten.

Die derzeitigen Kapitalmarktteilnehmer wären überrascht, wenn die FED heutzutage ähnliche Konsequenz walten ließe. Denn der eine oder andere scheine vergessen zu haben, dass sich die Notenbanken nicht der Aufgabe verschrieben hätten, Spekulation zu unterstützen.

Insofern gehe Christian Bender von SIGNAL IDUNA Asset Management davon aus, dass sich die flache Zinskurve in den USA verfrüht gebildet habe. Der Zinsanstieg am langen Ende werde sich fortsetzen. Instrumente wie Floater könnten deshalb in den kommenden Monaten eine Renaissance erleben. Der in der Folge weiter steigende US-Dollar werde den importierten Teil der Inflation für andere Währungsräume hochhalten. Nicht von ungefähr hätten beispielsweise in Europa zuletzt die Ungarn und die Polen ihre Leitzinsen auf 5,4 bzw. 4,5 Prozent angehoben. Auch deshalb treffe das Zaudern der EZB in der breiten Öffentlichkeit und am Kapitalmarkt kaum noch auf Verständnis - eine im Vergleich steilere Zinsstrukturkurve belege das.

Aber ob Christine Lagarde und ihr Kollegium zu ähnlichen Maßnahmen greifen würden wie die FED oder ihre europäischen Nachbarn, dürfe mit jedem Monat, der ins Land gehe, stärker bezweifelt werden. Denn der einzige Druck, den die EZB zu spüren scheine, komme aus den jeweiligen Hauptstädten der Ratsmitglieder. Und die nationalen Regierungen würden sich scheinbar weniger um Inflation als eine günstige Refinanzierung scheren.

Allerdings müssten sich die nationalen Regierungen fragen lassen, ob ihnen die Konsequenzen einer dem Verfall preisgegebenen Währung bewusst seien. Wohl würden sich - wie bei einem jeden Ausverkauf - die Absatzmengen auf den Märkten außerhalb der Euro-Zone verbessern. Das aber mache bequem. Der verfallende Außenwert erhöhe die Importpreise für Fertigwaren und Vorprodukte, insbesondere Rohstoffe. Zudem würden die Lohnforderungen zunehmen. Kurzum: Europas Wettbewerbsfähigkeit stehe auf dem Spiel - und günstige Refinanzierungssätze könnten darüber langfristig nicht hinwegtrösten. (03.05.2022/alc/a/a)