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Zurückhaltung der EZB dürfte europäische Anleihen dominieren


07.12.17 10:00
Franklin Templeton

Frankfurt (www.anleihencheck.de) - Für 2018 erwarten wir, dass der Kurs der europäischen Anleihenmärkte im Wesentlichen von der Geldpolitik der Europäischen Zentralbank (EZB) und dem politischen Umfeld bestimmt wird, und zwar weitgehend in der gleichen Weise, wie diese beiden Faktoren für das Jahr 2017 bestimmend waren, so David Zahn, Head of European Fixed Income bei Franklin Templeton.

Die Wirtschaft der Eurozone scheine ebenfalls in einer guten Verfassung zu sein - sie verzeichne ihren besten Stand seit der globalen Finanzkrise vor zehn Jahren. Nach Auffassung der Experten von Franklin Templeton dürfte dieses Wachstum weiter Bestand haben. Da es jedoch kaum Anzeichen einer Belebung der Inflation gebe, werde die EZB an ihren ausgeprägten quantitativen Lockerungsmaßnahmen mindestens bis September 2018 festhalten. Daher dürfte ihre geldpolitische Zurückhaltung den Spielraum für steigende Anleihenrenditen in Europa begrenzen. Dennoch könnten politische Entwicklungen, beispielsweise wenn die Brexit-Verhandlungen in eine Sackgasse geraten würden, die Volatilität an den Märkten verstärken. Anleger sollten daher bereit sein, derartige Chancen auszunutzen.

Unser Basisszenario sieht eine Fortsetzung der zyklischen Erholung der Eurozone vor, gepaart mit einer steigenden Zuversicht der Verbraucher und Unternehmen in dieser Region, was höhere Ausgaben und Investitionen zur Folge hat, und einer weiteren Unterstützung durch das positive globale Wirtschaftsumfeld, so die Experten von Franklin Templeton. Der aktuelle Aufschwung scheine nachhaltig und gut auf die Mitgliedsstaaten verteilt zu sein. Trotz dieses optimistischen Ausblicks sei eine deutliche Änderung der Geldpolitik der EZB kaum vorstellbar, solange die Inflation niedrig sei (laut den Konsensprognosen sei dies für 2018 jedoch wahrscheinlich). Die Tatsache, dass EZB-Präsident Mario Draghi nachdrücklich wiederholt habe, dass die Zentralbank vor dem Ende der quantitativen Lockerungsmaßnahmen keine Zinsanhebung vornehmen würde, unterstreiche, in welcher Ferne ein solcher Schritt nach wie vor stehe. Da mit einem Ende der Amtszeit des EZB-Präsidenten nicht vor Ende 2019 zu rechnen sei, seien die Aussichten auf ein Überdenken der Zinspolitik in absehbarer Zeit unwahrscheinlich.

Die EZB müsse, nachdem sie eine Rückführung der quantitativen Lockerungsmaßnahmen auf den Weg gebracht habe, 2018 einen Anstieg des Deflationsrisikos in der Eurozone unterbinden. Einige Faktoren in Verbindung mit der korrigierten Geldpolitik der Zentralbank sollten erwähnt werden, da ihre Auswirkungen im Jahresverlauf zum Tragen kommen würden. Auch wenn die monatlichen Anleihenkäufe von 60 Mrd. Euro auf 30 Mrd. Euro reduziert worden seien, werde ein Teil der von der EZB zuvor erworbenen Wertpapiere nun fällig. Da die Einnahmen von der EZB reinvestiert würden, führe dies dazu, dass ein Teil der nicht mehr getätigten Anleihenkäufe der Zentralbank möglicherweise um bis zur Hälfte kompensiert werde.

Offensichtlich werde sich die EZB auf die Rückführung ihrer Staatsanleihenkäufe konzentrieren (mehr noch als auf Käufe von Unternehmensanleihen), doch nähmen die Neuemissionen in diesem Segment zu. Der Nettobetrag von staatlichen Schuldtiteln der Eurozone dürfte im Gegensatz zu der Kontraktion in den vorangegangenen 18 Monaten 2018 ansteigen. Alles in allem vertreten die Experten von Franklin Templeton die Auffassung, dass die Renditen von Anleihen der Eurozone leicht nach oben tendieren werden. Jedoch könnte ein Anstieg durch die anhaltenden Aufkäufe der EZB begrenzt werden, zumindest solange, bis die politischen Entscheidungsträger ihre nächsten geldpolitischen Maßnahmen im weiteren Verlauf des Jahres bekannt geben würden.

Beuge man sich ausschließlich über die innenpolitischen Ereignisse, die im Verlauf von 2018 Einfluss auf die europäischen Märkte haben könnten, würden drei besonders herausstechen. Spaniens Verfassungskrise scheine sich fortzusetzen, da die Zentralregierung vermutlich ihre Autorität über Katalonien wiederherstellen werde. Die für den 21. Dezember 2018 anberaumten Neuwahlen dürften kaum eine dauerhafte Lösung bringen. Bislang seien die Anleger optimistisch geblieben, was einen potenziellen Schaden für die spanische Wirtschaft betreffe. Sie seien der Auffassung, dass die Käufe der EZB spanische Staatsanleihen weiterhin unterstützen würden. Dennoch könnten weitere radikale Schritte der katalonischen Politiker zur Durchsetzung ihrer separatistischen Bestrebungen angesichts der wirtschaftlichen Bedeutung der Region für Spanien das Wachstum belasten.

Die Wahlen in Italien seien für das erste Halbjahr 2018 angesetzt und würden das Potenzial besitzen, für politische Spannungen zu sorgen, obgleich es in der jüngsten Vergangenheit Anzeichen dafür gegeben habe, dass die populistischen Parteien, vor allem die Fünf-Sterne-Bewegung, die laut den Umfragen eine ähnliche Unterstützung bei den italienischen Wählern genieße wie die regierende Demokratische Partei, einen gemäßigteren Ton im Hinblick auf ihre Forderung der Abhaltung eines Referendums über Italiens Mitgliedschaft in der Eurozone anschlagen würden. Das bessere Abschneiden der italienischen Wirtschaft habe die Unterstützung für ein solches Vorhaben gedämpft.

Doch es seien die Brexit-Verhandlungen, die alles überschatten würden, da der für März 2019 festgelegte Termin für den Abschluss der Verhandlungen allmählich näher rücke. Sollte es im kommenden Jahr zu keiner Einigung zwischen Großbritannien und der Europäischen Union kommen, dürfte dies die Wirtschaft beider Verhandlungspartner belasten. Die britische Wirtschaft habe bereits Anzeichen einer Konjunkturabkühlung gezeigt und könnte noch größere Auswirkungen zu spüren bekommen, da die Unternehmen bereits ihre Notfallmaßnahmen verstärken würden für den Fall, dass die Verhandlungen negativ ausgehen würden. Die möglichen Auswirkungen auf die EU könnten ein erhebliches Ausmaß erreichen und würden nach Auffassung der Experten zum Teil unterschätzt.

In dem Jahrzehnt nach der globalen Finanzkrise hätten die Zentralbanken weitläufig Eingriffe in die Märkte vorgenommen, um die Zinsen niedrig zu halten. Es erscheine möglich, dass diese Bedingungen den Grundstock für das Aufkeimen des Populismus gelegt hätten. Anleger sollten sich darauf einstellen, dass populistische Parteien mittelfristig einen dauerhaften Einfluss auf die europäische Politik ausüben könnten. (Ausgabe Dezember 2017) (07.12.2017/alc/a/a)