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Zentralbanken weiterhin im Krisenmodus unterwegs


04.09.20 10:45
Weberbank

Berlin (www.anleihencheck.de) - An den Kapitalmärkten scheint die Coronakrise im Rückspiegel immer kleiner zu werden und die Mehrheit der Akteure hat den Blick schon längst nach vorn gerichtet, so Hannah Thielcke von der Weberbank.

Im Showdown der Notenbanken habe die US-Notenbank (FED) letzten Donnerstag eine neue Runde eingeläutet. In Zukunft werde die FED nun einen Inflationsdurchschnitt von zwei Prozent anpeilen und damit auch für gewisse Zeit ein deutliches Überschießen der Inflationsrate tolerieren. Das bedeute vor allem, dass der Leitzins auf absehbare Zeit nicht angehoben werde - ein weiterer ultraexpansiver Schritt für die Geldpolitik.

Auf der anderen Seite des Atlantiks erhöhe dies den Druck auf die EZB, insbesondere durch den zuletzt extrem starken Euro und eine gleichzeitig überraschend niedrige Inflation. Der stärkere Euro drücke damit weiter auf die ohnehin schon schwache Inflation, da so Importgüter automatisch günstiger würden und dies die EZB bald zum Eingreifen bewegen könne. Die Bereitschaft dazu habe die EZB in dieser Woche schon verkündet. Allein diese Nachricht habe den EUR/USD-Kurs zunächst unter der Marke von 1,20 stabilisieren können.

Während die Zentralbanken also weiterhin im Krisenmodus unterwegs seien und oft an mehreren Fronten kämpfen würden, sei die Politik - zumindest in den USA - schon wieder in Grabenkämpfe verwickelt. Der Wahlkampf habe begonnen und die Konsensfindung für neue dringend benötigte Covid-19-Hilfspakete für Wirtschaft und Haushalte werde zunehmend schwieriger. Stattdessen feuere US-Präsident Trump auf Twitter gegen Joe Biden und lobe sich für neue Allzeithochs des NASDAQ 100 Index, die er auf seine erfolgreiche Politik der letzten Jahre zurückführe. Für angeschlagene private Haushalte und Unternehmen ticke allerdings eine Zeitbombe.

In Europa sorge das durch die Staats- und Regierungschefs vorläufig beschlossene Rettungspaket nach wie vor für einen positiven Blick in die Zukunft. Aktuelle Zahlen aus Industrie und Einzelhandel für die Monate Juli und August würden dabei einmal mehr unterstreichen, wie unterschiedlich die europäischen Staaten von der Krise getroffen würden. Während in der deutschen Industrie die Erholungsbewegung in vollem Gange sei, kämpfe zum Beispiel der Dienstleistungssektor in Italien nach wie vor mit den Auswirkungen der Krise. Auch die erneute Reisewarnung für ganz Spanien treffe den für das Land so enorm wichtigen Tourismussektor schwer. Diese heterogene Erholung zeige, wie bedeutend die Entscheidung der Europäischen Union für eine solidarische Unterstützung der am stärksten getroffenen Staaten sei. Leider sei auch hier noch nicht die Kuh vom Eis - das EU-Parlament müsse noch zustimmen und habe bereits Nachbesserungsbedarf angekündigt.

In China sei der Blick indes wieder voll auf große Zukunftsprojekte gerichtet und der Ausbau der Hochgeschwindigkeitszüge zur Integration wichtiger Ballungszentren sowie die Investition in 5G-Infrastruktur laufe wieder nach Plan. Der starke staatliche Fokus auf die investitionsgetriebene Unterstützung der Wirtschaft funktioniere, während sich der chinesische Verbraucher weiterhin in Zurückhaltung übe. Dies liege nicht zuletzt an den fehlenden Hilfsprogrammen für private Haushalte, wie wir sie in Europa und den USA gesehen hätten. Insgesamt komme die chinesische Volkswirtschaft im internationalen Vergleich jedoch mit am besten durch die Krise und werde im Jahr 2020 eines der wenigen Länder mit positivem Wirtschaftswachstum sein.

Mit großer Sorge hätten Anleger hingegen in den letzten Monaten in Richtung Brasilien geschaut, wo der rasante Anstieg der Neuinfektionen die wirtschaftliche Aktivität und die Stimmung privater Haushalte gedrückt habe. Zuletzt gemeldete Vorläufindikatoren und erste Daten zur Industrieproduktion würden allerdings nahe legen, dass Brasilien insbesondere im Vergleich zum Rest des Kontinents wie Phönix aus der Asche aus der Krise hervorgehen könnte. Obwohl die politische Unsicherheit hoch bleibe, sei hier das Potenzial für eine deutliche Aufhellung der Anlegerstimmung vorhanden.

Die weiterhin enorm expansive Geldpolitik in den Industrieländern treibe Anleger weiterhin in Sachanlagen. So scheinen einige Anleger Technologieaktien mittlerweile als sicheren Hafen zu sehen, so die Analysten der Weberbank. In der Tat scheinen die Kurse dieser Aktien aktuell keine Grenzen zu kennen, so die Analysten der Weberbank weiter. Kritiker würden hier vermehrt auf die Dotcom-Blase Ende der 1990er Jahre hinweisen. Ein großer Unterschied zu den damals gehypten Unternehmen sei allerdings, dass die jetzigen Überflieger zwar luftige Bewertungen aufweisen würden, jedoch schon heute profitable Geschäftsmodelle und somit ordentliche Gewinne vorweisen könnten. Auch in Gold fließe weiter täglich neues Geld - Investoren würden auf das Edelmetall als rettenden Anker in Zeiten negativer Realverzinsung vertrauen. Die Kombination aus expansiver Notenbankpolitik und gleichzeitig höheren angestrebten Inflationsraten wirke so doppelt unterstützend für Gold.

In diesem Umfeld bleibe es wichtiger denn je, nicht blind auf jeden fahrenden Zug aufzuspringen und stattdessen das Augenmerk auf eine genaue Selektion zu legen. (04.09.2020/alc/a/a)