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Die Zeichen stehen auf Zinswende


02.08.17 09:00
BNP Paribas

Paris (www.anleihencheck.de) - EZB-Präsident Mario Draghi überraschte die Finanzmärkte Ende Juni mit seiner Eröffnungsrede beim diesjährigen Notenbanktreffen im portugiesischen Sintra, so die Analysten der BNP Paribas in ihrer aktuellen Ausgabe von "Märkte & Zertifikate".

Draghi habe auf das gute Wachstum in der Eurozone verwiesen und hinzugefügt, dass alle Zeichen auf eine Verfestigung und Verbreiterung der Erholung hindeuten würden. Zudem habe sich Draghi zuversichtlich gegeben, dass in naher Zukunft wieder Inflationsraten von 2 Prozent realistisch wären. Die jüngsten Rückschläge bei der Inflation habe er auf temporäre Faktoren zurückgeführt, die früher oder später ihre Bremskraft verlieren würden. So optimistisch habe man den Italiener bisher noch selten erlebt, weshalb die Märkte seine Worte als Signal für eine nahende Abkehr von der ultralockeren Geldpolitik interpretiert hätten. An den Anleihemärkten sei es im Anschluss zu kräftigen Bewegungen gekommen, die Renditen hätten über nahezu alle Laufzeiten deutlich angezogen.

Der Eindruck weltweit anziehender Zinsperspektiven sei durch den Chef der Bank of England (BoE), Mark Carney, untermauert worden. Auch er habe auf dem Notenbanktreffen durchblicken lassen, dass eine Leitzinserhöhung in Großbritannien näher rücke. Bereits auf der jüngsten Zinssitzung im Juni hätten die britischen Währungshüter nur mit knapper Mehrheit von fünf zu drei Stimmen dafür plädiert, den Leitzins auf dem historischen Tief von 0,25 Prozent zu belassen. Die BoE habe die Zinsen zuletzt vor knapp zehn Jahren angehoben. Ein Hinweis darauf, dass sich die britische Wirtschaft besser als erwartet entwickle und die Zeichen auf der Insel nun wieder auf Zinserhöhung stuenden, könnten auch die jüngst um insgesamt 11,4 Milliarden Pfund (etwa 13 Milliarden Euro) heraufgesetzten Kapitalanforderungen für die britischen Banken liefern. Nach dem Brexit-Votum im Juni 2016 habe die BoE die Kapitalanforderungen aus Angst vor einer Kreditknappheit noch deutlich gesenkt.

Auch wenn Draghi den Eindruck einer nahenden Trendwende der EZB-Geldpolitik hinterlassen habe, werde eine Straffung wohl frühestens im kommenden Jahr und dann vermutlich auch zunächst lediglich über ein Zurückfahren des Anleihekaufprogramms erfolgen. Mit einer ersten Zinserhöhung sei wohl kaum in den nächsten zwölf Monaten zu rechnen. Dass dies auch der Markt so sehe, sei an der Renditeentwicklung einjähriger Bundesanleihen zu erkennen, die im Gegensatz zu dreijährigen Bundesanleihen kaum angezogen hätten. In Großbritannien hingegen hätten selbst die einjährigen Renditen kräftig angezogen, was darauf hindeute, dass der Markt hier schon sehr bald mit einem Zinsschritt rechne. (Ausgabe August 2017) (02.08.2017/alc/a/a)