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Was das britische Wahlergebnis für die Finanzmärkte bedeutet


09.06.17 15:30
Schroders

London (www.anleihencheck.de) - Nach dem überraschenden Ergebnis der Parlamentswahlen in Großbritannien beleuchten die Schroders-Experten Azad Zangana, Alix Stewart und David Docherty die Folgen für die Wirtschaft und die Märkte.

Das ist ein verheerendes Ergebnis für Großbritanniens konservative Partei, die sich Fragen über die Zukunft von Theresa May als Premierministerin stellen muss, so Azad Zangana, Senior-Volkswirt Europa bei Schroders. Als größte Partei nach den Wahlen würden die Konservativen wahrscheinlich mit einer Minderheitsregierung an der Macht bleiben und sich auf die Zuversicht und die Stimmen freundlich gesinnter Oppositionsmitglieder im Parlament stützen. Das bedeute eine weniger stabile Regierung, die selbst bei einfachen Gesetzesänderungen gezwungen sein werde, Zugeständnisse zu machen und einen Konsens herzustellen.

Was die Wirtschaft angehe, würden Privathaushalte und Unternehmen über die zunehmende politische Unsicherheit besorgt sein. Allerdings würden die schwierigen Mehrheitsverhältnisse in Westminster auch bedeuten, dass es weniger Änderungen in der Finanz- und Wirtschaftspolitik geben werde. Dennoch erwarte man einen Rückgang der Haushaltsausgaben und Unternehmensinvestitionen, wodurch sich die derzeitige Wachstumsverlangsamung verschärfen werde.

Das GBP habe weniger stark abgewertet, als dies angesichts der Pattsituation im Parlament zu erwarten gewesen sei. Allerdings werde der niedrigere Wechselkurs der britischen Währung die Inflation etwas stärker erhöhen als zuvor prognostiziert, was sich wiederum leicht negativ auf die Haushaltsausgaben auswirken werde.

Die britische Notenbank werde ihre Geldpolitik auf kurze Sicht wahrscheinlich nicht verändern, den Märkten aber versichern, dass sie bereit sei, zu handeln, wenn es zu finanzieller Instabilität kommen sollte.

Mittelfristig bestehe eine hohe Wahrscheinlichkeit, dass sich eine Minderheitsregierung der konservativen Partei möglicherweise nicht länger als ein Jahr werde halten können. Sie dürfte Probleme haben, Gesetze im Finanzbereich zu verabschieden.

Was den Brexit betreffe, sei die Verhandlungsposition Großbritanniens ernsthaft beschädigt. Ohne ein starkes Mandat auf britischer Seite könne Europa die Forderungen Großbritanniens ignorieren. Selbst die Ankündigung, die Verhandlungen ggf. abzubrechen, erscheine jetzt als leere Drohung, für die es in der britischen Öffentlichkeit keine Unterstützung gebe.

Selbst wenn es der konservativen Partei gelingt, eine Regierung zu bilden, ist Theresa Mays Autorität und ihre Fähigkeit, über den Brexit zu verhandeln, durch das Wahlergebnis erheblich geschwächt, so David Docherty, Fondsmanager für britische Aktien bei Schroders. Zunächst dürfte es bei britischen Aktien eine Flucht in sichere Papiere geben, da die Anleger robuste Unternehmen bevorzugen würden, die Gewinne im Ausland erwirtschaften würden.

Stark konjunkturabhängige, heimische Konsumgüterunternehmen wie Einzelhändler mit breitem Sortiment könnten unter einem schwächer werdenden GBP zu leiden haben. Denn Wechselkursveränderungen würden sich auf ihre Margen und die real verfügbaren Einkommen ihrer Kunden auswirken. Andere inländische Finanztitel wie Aktien von Banken, Wohnungsbau- und sonstigen Immobilienunternehmen könnten ebenfalls nachgeben.

Längerfristig sei eine Erholung des Pfunds möglich, falls der Markt eine geringere Wahrscheinlichkeit wahrnehme, dass es tatsächlich zum Brexit kommen werde. Auch das Wachstum könnte sich wieder besser entwickeln, weil sich die Oppositionsparteien für höhere öffentliche Ausgaben einsetzen würden.

Da die Labour-Partei jetzt der Macht nähergekommen sei, würden die Anleger zunächst versuchen, abzuschätzen, wie sich die in ihrem Wahlprogramm vorgesehenen höheren Steuern und eine deutlich stärkere staatliche Intervention (einschließlich der Verstaatlichung von Betrieben) auf die Unternehmen auswirken würden.

Auch wenn diese politischen Ereignisse Anlass für hitzige Diskussionen sein würden, würden Anleger sie im Zusammenhang mit anderen Faktoren betrachten. Hierzu würden die allgemeine Weltwirtschaftslage, das Bewertungsniveau britischer Aktien und Überlegungen zu einer Aktienauswahl nach der Bottom-up-Methode gehören.

Ein Risiko, das aus dem heutigen Wahlergebnis resultiert, ist, dass die Preise stärker steigen dürften, als zuvor erwartet worden war, so Alix Stewart, Fondsmanager im Rentenbereich bei Schroders. Dies werde wahrscheinlich die Folge höherer Staatsausgaben in Verbindung mit einem schwächeren Pfund sein.

Der Ausblick für britische Staatsanleihen sei unsicherer geworden. Allerdings dürfte es zumindest anfänglich zu einer Verkaufswelle kommen, da die Anleger für diese Papiere höhere Renditen verlangen würden. Das liege an der zu erwartenden Inflationszunahme sowie daran, dass höhere Staatsausgaben eine stärkere Mittelaufnahme an den Anleihemärkten erfordern würden.

Längerfristig sollten sich britische Staatsanleihen jedoch in den politischen Turbulenzen, die bereits im Vorfeld der Brexit-Verhandlungen ausgelöst worden seien, weiterhin gut behaupten. (09.06.2017/alc/a/a)