Wann startet die nächste große Refinanzierungswelle der EU?


02.06.21 12:00
Nord LB

Hannover (www.anleihencheck.de) - Die Inflationsrate in Deutschland - gemessen als Veränderung des Verbraucherpreisindex (VPI) zum Vorjahresmonat - wird im Mai 2021 voraussichtlich +2,5% betragen, so Dr. Norman Rudschuck, CIIA bei NORD/LB.

Wie das Statistische Bundesamt nach bisher vorliegenden Ergebnissen weiter mitgeteilt habe, würden die Verbraucherpreise gegenüber April 2021 voraussichtlich um +0,5% steigen. Die aktuelle Corona-Krise habe laut Destatis im Mai 2021 immer noch zu Schwierigkeiten bei der Preiserhebung geführt, da einige Güter am Markt nicht verfügbar gewesen seien. Die Qualität der vorläufigen Gesamtergebnisse sei dennoch weiterhin gewährleistet. Die endgültigen Ergebnisse für Mai würden am 15. Juni erwartet. Das Inflationsgespenst dominiere derzeit die Zinslandschaft und dürfte auch Lagardes Pressekonferenz thematisch prägen.

Ein Thema treibe derzeit viele Marktteilnehmer um: Wann starte die nächste große Refinanzierungswelle der EU? Zur Finanzierung von "NextGenerationEU" werde die Europäische Kommission im Namen der EU Kredite an den Kapitalmärkten aufnehmen. Die Kreditaufnahme werde zwischen Mitte 2021 und 2026 erfolgen. Seit gestern wisse man, es gehe bereits jetzt im Juni mit einer Syndizierung los. Die Kommission habe ihren ersten jährlichen Anleihebeschluss gefasst und einen Finanzierungsplan veröffentlicht. Dies sei Bedingung gewesen, bevor die Kreditaufnahme für NGEU beginne. Der Zeitplan habe dabei vor allem von der Ratifizierung des Eigenmittelbeschlusses abgehangen, dem Rechtsakt, der die Kommission zur Kreditaufnahme für NGEU ermächtige. Wir gingen bisher von Juli aus, da manche politischen Mühlen eher langsam mahlen; korrekt lagen wir jedoch mit dem Umfang von EUR 80 Mrd. bis Jahresende und damit EUR +20 Mrd. über den bisherigen Markterwartungen, so die Analysten der NORD/LB.

Die Finanzierungspläne würden ab sofort halbjährlich aktualisiert und Informationen darüber würden online zur Verfügung gestellt. Im jährlichen Anleihebeschluss werde eine Obergrenze für die geplanten Anleihetransaktionen im Planungszeitraum von einem Jahr festgelegt. Er werde auch eine Spanne für die maximalen Emissionsbeträge von lang- und kurzfristigen Finanzierungen, die durchschnittliche Laufzeit der langfristigen Finanzierungen der Union und eine Obergrenze für den Betrag pro Emission festlegen. Der konkretere sechsmonatige Finanzierungsplan bilde dann die in den kommenden sechs Monaten vorzunehmende Kreditaufnahme innerhalb der durch den jährlichen Kreditaufnahmebeschluss gesetzten Grenzen ab.

Der Zweck des Finanzierungsplans sei es, sicherzustellen, dass die erforderlichen Mittel zur Deckung des jeweiligen Zahlungsbedarfs zur Verfügung stünden. Schlüsselelemente des Finanzierungsplans würden den Marktteilnehmern mitgeteilt, um die erforderliche Vorhersehbarkeit zu gewährleisten. Insbesondere werde die Kommission in regelmäßigen Abständen veröffentlichen: Die angestrebten Beträge, die durch Anleihen finanziert werden sollten, die angestrebten Auktionstermine für die Emission von Anleihen und Schuldscheinen sowie Angaben zur erwarteten Anzahl und zum Gesamtvolumen der Konsortialgeschäfte. Die gesamte Kreditaufnahme (gut EUR 800 Mrd.) solle planmäßig bis 2058 zurückgezahlt werden. Weitere Syndizierungen würden bis Ende Juli erfolgen. Nach der Sommerpause starte die EU im September mit Auktionen für die Bonds sowie dann auch für die Bills.

Unlängst habe S&P das langfristige Emittentenrating von Alberta von A+ (negativer Ausblick) auf A (stabiler Ausblick) gesenkt. Diese Maßnahme habe die Kapitalmärkte nicht unerwartet erreicht. Die Ratingagentur habe den Ausblick für ALTA, so der Bloombergticker, im Mai 2020 auf "negativ" geändert und dies mit der Verschlechterung der Haushaltslage durch die Pandemie gepaart mit den schwachen Ölpreisen begründet. Des Weiteren habe S&P ausgeführt: Die Herabstufung sei die Folge der beiden starken wirtschaftlichen Schocks, die Alberta in den letzten sechs Jahren erlebt habe.

Die Provinz habe die Pandemie in einer Position relativer finanzieller Schwäche begonnen aufgrund der lang anhaltenden Auswirkungen des Einbruchs der Ölpreise, der Ende 2014 begonnen habe. Von diesem Ausgangspunkt aus hätten die Maßnahmen, die zur Kontrolle der Pandemie und zum Schutz der Gesundheit und Sicherheit der Bürger*innen ergriffen worden seien, die Ausgaben für Gesundheit und Bildung in die Höhe getrieben und neben der konjunkturellen Lage auch die Einnahmen geschmälert. Die Haushaltsergebnisse hätten sich verschlechtert und Albertas steuerfinanzierte Schuldenlast sei stärker gestiegen als in allen anderen kanadischen Provinzen. Folglich hätten nun die Defizite, die in diesem und im letzten Geschäftsjahr die größten aller lokalen und regionalen Regierungen des Landes seien, S&P dazu veranlasst, das Rating um eine Stufe zu senken.

Wo Schatten sei, sähen die Analysten der NORD/LB jedoch auch Licht: Die geplanten Impfungen der Kanadier bis Ende September dürften eine allmähliche Wiederbelebung der Wirtschaft ermöglichen - nicht nur in Alberta. Wenn sich die Wirtschaft generell erhole, sollten sich auch die Haushaltsergebnisse der jeweiligen lokalen Regierungen verbessern, was sich positiv auf die Ratings/Spreads auswirken würde.

Kurz darauf habe zudem Moody's das langfristige Emittentenrating von Saskatchewan von Aaa (negativer Ausblick) auf Aa1 (stabiler Ausblick) gesenkt. Auch diese Maßnahme habe die Kapitalmärkte nicht unerwartet erreicht. Die Ratingagentur habe den Ausblick für SCDA, so der Bloombergticker, im September 2020 auf "negativ" geändert und dies mit der Verschlechterung der Haushaltslage durch die Pandemie sowie dem langsamen Weg zurück zum ausgeglichenen Haushalt begründet. Des Weiteren habe Moody's hierzu ausgeführt: Die Herabstufung von Aaa auf Aa1 spiegele die kumulative Schwächung des Kreditprofils der Provinz wider, die sich in mehrjährigen Defiziten, erhöhten Investitionsausgaben und dem daraus resultierenden kontinuierlichen Anstieg der Schuldenlast der Provinz ausdrücke, welche die früheren Prognosen von Moody's übersteigen würden. Die eingeschränkte fiskalische Position der Provinz und die wachsende Verschuldung würden mit einem niedrigeren Liquiditätsniveau einhergehen und die Provinz näher an die mit Aa1 bewerteten globalen Regionen bzw. Provinzen (Peers) heranbringen. Die langwierige Rückkehr zu einem ausgeglichenen Haushalt werde nun nicht vor 2026/27 erwartet.

Moody's merke jedoch auch an, dass weitere fiskalische Abwärtsrisiken nachgelassen hätten, und betone die sehr starke Haushaltsflexibilität der Provinz. Der stabile Ausblick spiegele auch die niedrigen Zinssätze wider, die den Anstieg der Zins- und Schuldenlast abfedern würden. Das Risiko für eine Provinz mit einem Toprating (AAA bzw. Aaa), dieses Merkmal auch verlieren zu können, sei wegen der höchsten zu erfüllenden Standards immer gegeben. Nun gehöre Saskatchewan bei allen drei großen Agenturen und DBRS zur Klasse "AA" mit stabilem Ausblick und die Analysten der NORD/LB würden weder sich zurückziehende Investoren noch Nachteile beim Einwerben von Funding in den Fokuswährungen (vor allem CAD und etwas USD) erwarten. Ein Downgrade könnte sogar die Attraktivität für eine EUR-Transaktion erhöhen. Der aktuelle Deal Ontarios zeige, dass für kanadische EUR-Transaktionen genug Raum sei.

Obwohl viele Marktteilnehmer bereits jetzt schon auf die EZB-Sitzung in acht Tagen, die Inflationsdebatte, die Tapering-Diskussion oder den Start des EU-Funding "Next Generation EU" werfen würden, würden sich die Analysten der NORD/LB in dieser Rubrik mit harten Fakten des Primärmarktes beschäftigen. Der erste gepreiste Bond sei aus Frankreich von der Caisse des dépôts et consignations gekommen. Unter dem Ticker CDCEPS sei eine Nachhaltigkeitsanleihe (ISIN FR0014003RL9 / WKN A3KRXR) mit fünfjähriger Laufzeit begeben worden. Die Benchmark notiere bei interpolierten OAT +13 Bp über den beiden Referenzanleihen FRTR 0% 02/25/26 und FRTR 0.25% 11/25/26. Das Orderbuch sei auf über EUR 2,2 Mrd. gekommen. Ebenfalls aus Frankreich sei ein achtjähriger Titel (ISIN FR0014003S98 / WKN A3KRX9) der SFILFR gekommen. EUR 1 Mrd. hätten bei OAT +18 Bp geprintet werden können. Die Bücher hätten bei über EUR 2,5 Mrd. gelegen. Beide Deals aus Frankreich hätten circa drei Basispunkte gegenüber der Guidance reinziehen können.

Ebenfalls nicht so häufig am Markt zu finden sei die österreichische Autobahnen- und Schnellstraßen-Finanzierungs AG, welche sich für zehn Jahre und EUR 500 Mio. (WNG) bei der Mandatierung entschieden habe. Die Bücher hätten bei über EUR 4,9 Mrd. gelegen, sodass die Guidance bei ms +7 Bp area nur kurz Bestand gehabt habe. Letztlich sei der Bond zu ms +3 Bp begeben worden.

NRW habe zudem eine nachhaltige Dual-Tranche bestehend aus 10y (ISIN DE000NRW0MY1 / WKN NRW0MY) (EUR 2 Mrd.) und 20y (ISIN DE000NRW0MZ8 / WKN NRW0MZ) (EUR 1,5 Mrd.) begeben. Die kürzere Laufzeit habe ein Orderbuch von über EUR 10 Mrd. gehabt und sei zu ms flat gekommen, auch der lange Deal sei erheblich überzeichnet gewesen (EUR 7,4 Mrd.) und zu ms +9 Bp gekommen. Gegenüber der Guidance seien vier bzw. drei Basispunkte Einengung möglich gewesen.

Ein weiterer Deal aus Frankreich habe ihren Weg gefunden: Bpifrance bzw. OSEOFI (ISIN FR0014003U03 / WKN A3KR5C) hätten EUR 1 Mrd. für zehn Jahre zu OAT +15 Bp bei einem Buch in Höhe von EUR 3,6 Mrd. gebracht.

Gestern habe sich die spanische Region CASTIL (ISIN ES0001351586 / WKN nicht bekannt) mit EUR 500 Mio. zu SPGB +17 Bp (9y) gezeigt, der Deal sei mehr als dreifach überzeichnet gewesen. Das Rating bei Moody's liege bei Baa1. Die Spanier gehören zu unserem Segment "Beyond Bundesländer", auf welches wir immer mal wieder verweisen, siehe auch WALLOO, IDF, VDP und MADRID oder auch BRCOL, ALTA und AUCKCN von Übersee, so die Analysten der NORD/LB.

Wie passend, dass auch Ontario (ISIN XS2351088955 / WKN nicht bekannt) EUR 1 Mrd. für zehn Jahre zu ms +20 Bp gebracht habe. Hier lägen die Ratings bei AA-, A+ bzw. Aa3. Hessen biete mit AA+ bei S&P ein ähnliches Rating und habe EUR 500 Mio. für fünf Jahre zu ms -6 Bp gebracht. Dass ein Länderdeal fast fünffach überzeichnet sei (Orderbuch EUR 2,4 Mrd.), kenne sonst nur NRW mit ihren nachhaltigen Anleihen. Einige wenige Taps habe es auch gegeben: EUR 460 Mio. seitens der EU (2036er Laufzeit) und EUR 175 Mio. von NIESA (2027er).

In den Startlöchern stünden zudem andere Emittenten: UK wolle sich im September ebenfalls im grünen Segment tummeln, das Framework hierzu solle bis Ende Juni stehen. Abseits der Staaten, die wir hier nur gelegentlich streifen, sind es die belgische LCFB mit Investorencalls für einen Social Bond (11-14y) als Benchmark sowie die ungarische MFB (EUR 500 Mio., WNG, 5y) als Mandatierungen, so die Analysten der NORD/LB. (Ausgabe 19 vom 02.06.2021) (02.06.2021/alc/a/a)





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ISIN WKN Jahreshoch Jahrestief
FR0014003RL9 A3KRXR 101,79 € -   €
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