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Verteidigung von Inflationszielen, die nicht zu verteidigen sind


20.07.21 09:22
fairesearch

Frankfurt (www.anleihencheck.de) - FED Reserve Präsident Jerome Powell hat letzte Woche erneut vor dem Kongress betont, das gesetzte Inflationsziel von durchschnittlich 2% verteidigen zu wollen, so Dr. Eberhardt Unger von fairesearch.

Die jüngsten Zahlen würden aber die Frage aufstellen, ob dieses Ziel überhaupt noch zu verteidigen sei. Die Produzentenpreise seien im Juni gegenüber dem Vorjahr um 7,3% gestiegen, die Konsumentenpreise um 5,4%. Das sei der stärkste Anstieg der Inflationsrate seit August 2008.

Diese Hinweise würden mit den Argumenten zur Seite gefegt, der Vorjahresvergleich berücksichtige nicht das besonders niedrige Niveau vor der Corona Pandemie und die lange Zeit mit Zahlen unter dem Ziel von 2%. Das eigentliche Inflationsziel von "durchschnittlich 2%" werde nicht verfehlt. Doch auch im Vergleich Monat zu Monat seien die Steigerungen von 0,1% im Oktober auf jetzt 0,9% geklettert. Die Sorgen würden damit wachsen, dass die Inflationsraten in den USA durchaus dauerhaft höher sein würden, zumal weitere Kostenerhöhungen im Zusammenhang mit dem Kampf gegen die Klimaerhöhung anstünden.

Die verheerenden Waldbrände in Kalifornien, die spürbare Wasserverknappung und die Hitzewelle im Nordwesten würden hierauf deutliche Antworten geben. Doch die FED setze ihre ultra-expansive Geldpolitik weiter fort und stelle keine Zinserhöhungen in Aussicht. Sie werde von der Sorge geleitet, dass der gegenwärtig kräftige Konjunkturaufschwung schon bald wieder an Dynamik verliere. Eine vierte Welle der Pandemie könnte hierfür den Ausschlag geben, trotz der rasch voranschreitenden Impfung der Bevölkerung.

In der Eurozone sehe die Entwicklung kaum besser aus. In Deutschland seien im Juni die Großhandelspreise um 10,7% gestiegen, so heftig wie seit 40 Jahren nicht mehr. Die Industrie klage teilweise über Materialknappheit und Lieferengpässe. Größter Preistreiber sei die Erhöhung der Erdölpreise mit 37,7% gegenüber dem Vorjahr.

Auf Verbraucherpreisebene gehe die Bundesbank davon aus, dass nach dem leichten Rückgang der Inflationsrate im Juni auf 2,3% sich der Preisauftrieb in den kommenden Monaten auf über 4% beschleunigen werde. Allerdings solle es sich dabei um einen vorübergehenden Effekt handeln, weil die Preise im gleichen Zeitraum des Vorjahres gefallen seien. Dieser Basiseffekt werde im kommenden Jahr wieder auf ein normales Maß einpendeln, so die Notenbank, und die Inflationsrate entsprechend sinken.

Dennoch habe die EZB die jüngste Entwicklung dazu genutzt, ihr geldpolitisches Ziel ein wenig zu ändern und dem amerikanischen Modell anzupassen. Das Inflationsziel laute jetzt nicht mehr "nahe an, aber unter 2%", sondern ähnlich in den USA "ein symmetrisches mittelfristiges Inflationsziel von 2%". Doch auch in der Eurozone bleibe die Skepsis, ob die Inflation nicht doch dauerhaft höher anzusetzen sei.

Nach einer Faustformel der Analysten führe eine Erhöhung der Rohstoffpreise um 10% nach einem Jahr zu einem Anstieg der Verbraucherpreise um 1%. Der Anstieg der Inflationsrate habe aber auch Gründe, die im Verhalten der Notenbanken lägen. So sei beiderseits des Atlantiks die umlaufende Geldmenge übermäßig ausgedehnt worden, um der Konjunktur Anreize zu geben.

Einen Schutz vor künftig noch weiter steigenden Inflationsraten böten die Edelmetalle. Ein weiterer Preisanstieg stehe bevor.

Dispositionsvorschlag: bestehende Positionen aufstocken. (Ausgabe vom 19.07.2021) (20.07.2021/alc/a/a)