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Verliert die EZB ihre politische Unabhängigkeit?


02.09.21 10:30
Euroswitch

Frankfurt am Main (www.anleihencheck.de) - Thomas Böckelmann, leitender Portfoliomanager der Vermögensmanagement EuroSwitch! GmbH, stellt die Frage, ob die Europäische Zentralbank (EZB) ihre politische Unabhängigkeit verliert.

Dass auf diese Gefahr einiges hindeute, davon sei Thomas Böckelmann überzeugt: "Die Pandemie hat einen großen Beitrag dazu geleistet, dass viele Akteure mehr Regulierung und mehr Bürokratie mit Problemlösung verwechseln. Vorläufige Höhepunkte sind beispielsweise Forderungen nach einer Vergemeinschaftung von Impfpatenten, faktische Verbote ganzer Geschäftsmodelle sowie die Erklärung des Klimaschutzes zum erweiterten Ziel der EZB."

Die politische Unabhängigkeit der Notenbank sei ein wichtiges Wesensmerkmal der Währungsunion, die jüngsten geldpolitischen Aktivitäten und der Ausbau der Ziele im Sinne von mehr "Finanzstabilität" hingegen könnten die EZB mittel- bis langfristig in einen unangenehmen Spagat zwingen. Die EU-Finanzminister würden bereits an einem neuen Rahmenwerk für eine Währungsunion basteln, in dem die originären Stabilitätskriterien (bekannt als Maastricht-Kriterien, die aktuell nur Luxemburg als einziges Land erfülle) wohl als anachronistisch betrachtet und eine geringere Rolle spielen würden.

"Die EZB, mittlerweile größter Kreditgeber ihrer Eigentümer - der Eurostaaten -, droht nachhaltig zum Selbstbedienungsladen zu werden. Die jüngst erfolgte Ausweitung der Inflationsziele hat bereits einen faden Beigeschmack - so lassen sich trotz Preissteigerungen die negativen Zinsen weiter rechtfertigen", stelle Böckelmann fest.

Kritiker sähen darin nicht zuletzt die Beibehaltung günstigster Finanzierungsbedingungen für bereits heute völlig überschuldete Eurostaaten. Der Portfoliomanager wisse jedoch auch: "Bei aller Kritik darf aber nicht übersehen werden, dass es im Sinne eines Bestandsschutzes der europäischen Staatengemeinschaft wenig Handlungsalternativen gibt - trotz mehr als 20 Jahren Währungsunion sind die Wirtschaftsphilosophien und Wettbewerbsfähigkeiten der Länder zu unterschiedlich. Vor diesem Hintergrund ist die aktuell panikartig anmutende Drohung der EU-Kommission, ein Vertragsverletzungsverfahren gegen Deutschland zu eröffnen, nur weil sich das Bundesverfassungsgericht kritisch gegenüber EU-Gerichtshof und EZB geäußert hat, zugleich befremdlich wie verständlich."

Die Abkehr von marktwirtschaftlichen Prämissen habe selbst die USA erreicht. "Natürlich war es richtig, sich als Staat im Höhepunkt der Pandemie spendabel zu zeigen und auch Geld zu drucken", sage Böckelmann. Die aktuell verabschiedeten historisch hohen Konjunkturhilfen über Infrastrukturprogramme könnten aber zu einer langfristigen Belastung werden, zumal die Folgen vor allem des amerikanisch-chinesischen Konfliktes auf globale Lieferketten noch nicht absehbar seien.

"Die Biden-Regierung scheint vor Inflationssteigerungen, die möglicherweise zu einem strukturellen Problem werden, keine Angst zu haben und auch die US-Notenbank FED zeigt sich gezielt entspannt", beobachte Böckelmann. Er komme zu dem Schluss: "Jede anderslautende Äußerung könnte tatsächlich den Markt schocken, der angesichts historisch hoher Bewertungen bei Aktien wie Anleihen weiterhin niedrige Zinsen zur Rechtfertigung der Kursniveaus und für weiteres Aufwärtspotential benötigt. Insofern beobachten wir das Paradoxon, dass der Kapitalmarkt darauf angewiesen ist, dass sich gewisse Akteure eben nicht marktwirtschaftlich verhalten - eine unkomfortable Situation, die erfahrungsgemäß zu höheren Kursschwankungen in der Zukunft führen wird."

Auch China, seit 40 Jahren erfolgreich auf eine Art Staatskapitalismus setzend, habe im letzten Monat seine Markteingriffe weiter verstärkt. In der Folge habe der chinesische Aktienmarkt 1.000 Mrd. US-Dollar an Wert verloren. "Ursache für die Kursverluste sind aber nicht nur die staatlichen Eingriffe, sondern vor allem die vorschnellen Reaktionen nicht-chinesischer Investoren auf die Nachrichten. Wenig hilfreich war auch die Entscheidung der US-Regierung, einigen US-Investoren faktisch den Kauf chinesischer Aktien zu verbieten", so Böckelmann.

Die heftigen Marktreaktionen erscheinen übertrieben, so die Experten von der Vermögensmanagement EuroSwitch! GmbH. Der US-Aktienmarkt liege seit Jahresbeginn bei etwa +20 Prozent, der chinesische bei -8 Prozent. Der US-Markt habe mit +100 Prozent Gewinn die schnellste Erholung seit dem Zweiten Weltkrieg hingelegt, China befinde sich nach den starken Kurseinbrüchen von mehr als 20 Prozent von den Höchstständen in einem Bärenmarkt. "Alles in allem eine ökonomisch kaum nachvollziehbare Anomalie, wenn man berücksichtigt, dass USA und China gemeinsam ca. 40 Prozent der Weltwirtschaftsleistung erbringen und von Lieferketten wie Absatzmärken durch gegenseitige Abhängigkeiten geprägt sind", wundere sich der Portfoliomanager.

Im abgelaufenen Monat sei die Berichtssaison der Unternehmen zu mehr als 90 Prozent abgeschlossen worden. Die ursprünglich erhoffte schnelle V-förmige Erholung der Unternehmensergebnisse nach den Pandemieeinbrüchen sei in vielen Branchen erfreuliche Realität geworden. "Die weiterhin niedrigen Zinsen lassen Aktien zwar absolut teuer, aber weiterhin relativ attraktiv erscheinen - wenn auch zunehmend selektiv. Auch jüngste Inflationsentwicklungen sprechen eher für Sachwerte wie Aktien. Hingegen dürfte das Leben für Anleiheinvestoren herausfordernd bleiben, Renditen werden auf absehbare Zeit real negativ sein - und dies in den meisten Regionen der Welt", fasse Böckelmann zusammen. (02.09.2021/alc/a/a)