Ungarn: Zentralbank leitet die Leitzinswende ein


12.07.21 12:00
DekaBank

Frankfurt (www.anleihencheck.de) - Die Dynamik der ungarischen Wirtschaft hat bereits im ersten Quartal 2021 nach oben überrascht, was vor allem auf die steigenden Exporte und die staatlichen Ausgaben zurückzuführen war, so die Analysten der DekaBank.

Mit dem Abebben der dritten Corona-Welle im Frühjahr und entsprechenden Lockerung der Corona-Restriktionen würden sich nun auch der Handel und der Dienstleistungssektor erholen, sodass Ungarn in den nächsten Monaten das Vorkrisenniveau von Ende 2019 erreichen dürfte. Die hohen Impfquote (ca. 56% mit mind. 1 Impfung, ca. 50% vollständig geimpft) sollte Ungarn einen gewissen Schutz gegenüber der Delta-Variante geben. Derweil bleibe die Fiskalpolitik vor den Parlamentswahlen im Frühjahr 2022 expansiv und die Inflationsrate dürfte mit 5,1% yoy im Mai ihren Höhepunkt für dieses Jahr zwar erreicht haben, liege aber deutlich über dem Zentralbankziel (3%+/1%).

Ein Teil des Inflationsanstiegs sei zwar auf Basis- und Steuereffekte zurückzuführen. Für die Ungarische Zentralbank würden jedoch inflationäre Risiken überwiegen, weshalb sie bereits im Juni, früher als von den Analysten ursprünglich erwartet, eine Leitzinswende eingeläutet habe. Der Leitzins sei um 30 BP auf 0,90% angehoben und mit dem für den Geldmarkt relevanteren Ein-Wochen-Einlagensatz gleichgezogen worden.

Die Zentralbank signalisiere für die Juli-Sitzung ebenfalls eine "entschlossene" Anhebung, was darauf hindeute, dass die gewünschte Straffung in eher kurzem Zeitraum erfolgen solle. Die Analysten würden ein Zinsniveau von 1,50% zum Jahresende erwarten, der geldpolitische Ausblick für 2022 werde stark von der Inflationsdynamik im Herbst/Winter abhängen. Insgesamt bleibe die Geldpolitik in Ungarn eher expansiv: Der Realzins sei weiterhin deutlich negativ, und das Anleiheankaufsprogramm solle vorerst fortgeführt werden.

Der Kurs auf Einschränkung der Rechtsstaatlichkeit schwäche die Position Ungarns in der EU. Angesichts des fiskalischen Konsolidierungsbedarfs nach der Corona-Krise sei Ungarn auf die EU-Mittel zur Stützung von Investitionen angewiesen. Die Zuteilung der Mittel der Aufbau- und Resilienzfazilität (ARF) der EU, bei der Ungarn insgesamt 7,2 Mrd. Euro (ca. 5% des BIP) beantragt habe, werde jedoch davon abhängen, ob und wie schnell die "Rule of Law"-Klausel angewendet werden könne. Es werde jedoch sehr wahrscheinlich zu Verzögerungen bei der Freigabe der ARF-Zuschüsse geben, die eigentlich Mitte Juli erfolgen sollte.

Für die Fidesz-Regierung seien die EU-Mittel im Hinblick auf die Parlamentswahlen im Frühjahr 2022 wichtig. Bei dieser Wahl dürfte die Fidesz zum ersten Mal gegen die gebündelten Kräfte des Oppositionsblocks antreten und es somit schwieriger haben, eine starke Position im Parlament zu sichern. Die Analysten würden davon ausgehen, dass Orban wie in den vergangenen Episoden ausreichend Pragmatismus an den Tag lege, um die EU-Zahlungen nicht akut zu gefährden. Aufgrund der institutionellen Gegebenheiten (z.B. der Zuschnitt der Wahlbezirke zugunsten der Fidesz) würden die Analysten aktuell davon ausgehen, dass die Fidesz ihre Regierungsmacht auch nach der Wahl behaupten könne.

Ungarns Rating liege im unteren Investment-Grade-Bereich. In den vergangenen Jahren sei es gelungen, das Budget- und Leistungsbilanzdefizit in den Griff zu bekommen. Dies versetze Ungarn gegenüber der Finanzkrise 2008/09, als das Land auf IWF-Hilfen habe zurückgreifen müssen, in eine bessere Lage, um den Corona-Schock zu verkraften. Das Ausgangsniveau der Staats- und Auslandsverschuldung sei allerdings auch 2020 hoch gewesen und werde in der Krise weiter steigen. Die institutionellen Bedingungen der "illiberalen Demokratie" Orbans würden ein wesentliches Risiko für die Bonität des Landes darstellen. Die EU habe aufgrund der Einschränkungen der Rechtsstaatlichkeit ein Verfahren nach Artikel 7 eingeleitet und mehrere Klagen beim EuGH eingereicht. (Ausgabe vom 09.07.2021) (12.07.2021/alc/a/a)