Erweiterte Funktionen

Ungarn: Zentralbank gibt weiter Gas


10.10.17 11:47
DekaBank

Frankfurt (www.anleihencheck.de) - Aus konjunktureller Sicht ist das erste Halbjahr 2017 in Ungarn positiv ausgefallen: Das Wachstum lag deutlich über dem eher schwachen Vorjahresniveau, auch wenn das zweite Quartal mit 3,5% yoy gegenüber dem ersten Quartal mit 3,8% yoy eine leichte Wachstumsverlangsamung aufwies, so die Analysten der DekaBank.

Das neue Zuteilungszyklus der EU-Strukturfonds, der Aufschwung in der Eurozone und der starke Arbeitsmarkt dürften die Konjunktur weiterhin stützen. Auch die Inflationsrate sei wieder auf dem Weg der Normalisierung, auch wenn sie im August mit 2,6% noch unterhalb des Ziels von 3 (+/- 1 Pp.) gelegen habe. Der Zentralbank würden die Verbesserungen allerdings nicht ausreichen. Die Währungshüter würden darauf hinweisen, dass die steigende Inflation auf temporäre Effekte zurückzuführen sei, ihre bevorzugten Inflationsmaße weiterhin nur ein Niveau von rund 2% anzeigen und das Inflationsziel erst Mitte 2019 dauerhaft erreicht werden könne.

Da zudem die Forint-Aufwertung zudem die ultra-lockere Geldpolitik in Ungarn konterkariert habe, habe sich die Zentralbank zum Handeln gezwungen gesehen und im September neue Lockerungsmaßnahmen bekannt gegeben. Der Übernachteinlagensatz sei um 10 BP auf nun -15 BP gesenkt, das Kontingent für Drei-Monats-Einlagen weiter eingeschränkt und das Volumen der FX-Swaps zur Bereitstellung der Forint-Liquidität noch ausgeweitet worden. Eine weitere Lockerung schließe das geldpolitische Komitee ebenfalls nicht aus, falls die Inflationstrends dies erfordern würden.

Da die Wirksamkeit der bloßen Erweiterung der vorhandenen Maßnahmen mit jedem weiteren Schritt abnehme, müsste die Zentralbank womöglich gar über neue Instrumente, wie eine Wechselkursuntergrenze nach dem tschechischen Muster, nachdenken. Die Analysten würden dies im Moment allerdings für unwahrscheinlich (und auch nicht für notwendig) halten, zumal die erwartete Ankündigung der geldpolitischen Straffung seitens der EZB im Oktober aus Wechselkurssicht der expansiven Ungarischen Zentralbank in die Hände spielen sollte.

Ungarn dürfte über den Prognosehorizont auf hohem Wachstumsniveau bleiben, müsse allerdings längerfristig strukturelle Reformen vornehmen, um die Produktivität zu erhöhen und Wachstum auf einer breiten Basis sicherzustellen. Die Popularität der Regierungspartei Fidesz sei laut Meinungsumfragen zuletzt etwas gesunken, für eine dritte Amtszeit von Ministerpräsident Viktor Orban nach den Parlamentswahlen im Frühjahr 2018 dürfte es jedoch ausreichen. Der linke Oppositionsflügel bleibe nach wie vor gespalten, sodass die rechtsextreme Jobbik-Partei im kommenden Jahr wie schon in 2014 als zweitstärkste Kraft aus den Wahlen hervorgehen könnte.

Unter der Orban-Führung sei es in den vergangenen Jahren mit teils unorthodoxen Maßnahmen gelungen, das Budget- und Leistungsbilanzdefizit in den Griff zu bekommen. Die Beseitigung der Zwillingsdefizite senke den Auslandsfinanzierungsbedarf des Landes, wodurch die Anfälligkeit Ungarns auf Finanzmarktschocks geringer sei als in den Nullerjahren. Auch die Wechselkursrisiken seien nach dem Umtausch der Schweizer-Franken-Hypothekenkredite in Forint gesunken.

Zudem habe der Staat den Anteil seiner Fremdwährungsverschuldung gezielt reduziert. Die Niveaus der Staats- und gesamten Auslandsverschuldung würden allerdings hoch bleiben (2016: 74% bzw. ca. 110% des BIP). Dank der Verbesserungen der letzten Jahre habe der negative Ratingtrend wieder gedreht werden können und Ungarn liege seit November 2016 wieder bei allen drei großen Ratingagenturen im Investment-Grade-Bereich. Der insgesamt wirtschaftsfreundlichere Ton der Regierung sollte das Rating auf absehbare Zeit stabil halten. Bei erfolgreicher Stärkung der Wettbewerbsfähigkeit und weiterem zügigem Schuldenabbau seien weitere Heraufstufungen möglich. (Ausgabe vom 09.10.2017) (10.10.2017/alc/a/a)