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Ungarn: Nähert sich die Phase ultra-lockerer Geldpolitik langsam dem Ende?


12.07.18 09:12
DekaBank

Frankfurt (www.anleihencheck.de) - Die Konjunktur Ungarns zeigte sich bislang robust, so die Analysten der DekaBank.

In den Zahlen des ersten Quartals sei von der Wachstumsdelle in Euroland nicht viel zu sehen gewesen. Doch langsam würden die dämpfenden Effekte in den Vordergrund treten. Der Einkaufsmanagerindex für das Verarbeitende Gewerbe sei seit Jahresanfang deutlich zurückgegangen, auch wenn er mit 53 Punkten noch im Expansionsbereich liege. Der Handelskonflikt zwischen den USA und der EU, insbesondere die drohenden Kfz-Zölle, stelle für die stark in europäische Lieferketten integrierte ungarische Automobilindustrie eine Gefahr dar.

Und zudem scheine sich auch in Ungarn die Phase der ultra-lockeren Geldpolitik langsam dem Ende zu nähern. Die Inflation habe im Juni mit 3,1% yoy zwar im Zielbereich der Zentralbank (2% bis 4%) gelegen, doch die ausgeprägte Abwertung des Ungarischen Forints und der Renditeanstieg bei den Staatsanleihen in den vergangenen Wochen seien ein Zeichen dafür, dass die Märkte daran zweifeln würden, ob die extrem expansive Geldpolitik in dieser Konjunkturphase geeignet sei.

Die Zentralbank habe bei ihrer Sitzung im Juni auf die Zweifel der Märkte reagiert, indem sie bekannt gegeben habe, dem Ziel der Preisstabilität vor anderen wie Verbesserung der Finanzintermediation oder der Förderung der Realwirtschaft wieder Vorrang zu geben. Der geldpolitische Ausstieg könne früher als vor Ablauf der zuvor angekündigten fünf bis acht Quartale stattfinden. Die Analysten der DekaBank gehen davon aus, dass sich die Ungarische Zentralbank stark an der EZB orientieren wird und die geldpolitische Normalisierung im Sommer 2019 einläutet.

Ungarns Wirtschaft dürfte sich ab 2019 wieder Richtung Wachstumspotenzial abschwächen. Die Wirkung der Impulse der Fiskalpolitik und der EU-Strukturfonds-Allokation sowie das Grad der geldpolitischen Expansion sollten im Jahresverlauf nachlassen. Längerfristig sollte sich der Wandel von den staatlichen stärker zu privaten Wachstumsimpulsen vollziehen, um die Produktivität zu erhöhen und Wachstum auf einer breiten Basis sicherzustellen. In dem neuen Zuteilungszyklus der EU-Fonds ab 2021 würden Ungarn nach den aktuellen Entwürfen wegen der Verkleinerung des EU-Haushalts nach Brexit und der Veränderung der Zuteilungsregeln etwa ein Viertel weniger Mittel zur Verfügung stehen, was mittelfristig die Investitionstätigkeit negativ beeinflussen dürfte.

Unter der Orban-Führung sei es in den vergangenen Jahren mit teils unorthodoxen Maßnahmen gelungen, das Budget- und Leistungsbilanzdefizit in den Griff zu bekommen. Die Beseitigung der Zwillingsdefizite senke den Auslandsfinanzierungsbedarf des Landes, wodurch die Anfälligkeit Ungarns auf Finanzmarktschocks geringer sei als in den Nullerjahren. Auch die Wechselkursrisiken seien nach dem Umtausch der Schweizer-Franken-Hypothekenkredite in Forint gesunken. Zudem habe der Staat den Anteil seiner Fremdwährungsverschuldung gezielt reduziert. Die Niveaus der Staats- und Gesamtauslandsverschuldung würden allerdings hoch bleiben (2017: ca. 30% bzw. 100% des BIP). Die Staatsverschuldung sinke wegen der expansiven Fiskalpolitik (z.B. Unternehmenssteuersenkungen) trotz der guten Konjunkturentwicklung eher langsam und sei mit über 70% im Vergleich mit den anderen Ländern Mittel- und Südosteuropas hoch.

Dank der Verbesserungen der letzten Jahre habe der negative Ratingtrend wieder gedreht werden können und Ungarn liege seit November 2016 wieder bei allen drei großen Ratingagenturen im Investment-Grade-Bereich. Der insgesamt wirtschaftsfreundlichere Ton der Regierung sollte das Rating auf absehbare Zeit stabil halten. Bei erfolgreicher Stärkung der Wettbewerbsfähigkeit und weiterem Schuldenabbau seien weitere Heraufstufungen möglich. Eine mögliche Konfrontation mit der EU wegen der Einschränkung der demokratischen Grundrechte bleibe ein Risikofaktor. (Ausgabe vom 10.07.2018) (12.07.2018/alc/a/a)