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US-Zinserhöhung(en) voraus


01.10.18 11:15
BNP Paribas

Paris (www.anleihencheck.de) - Die US-Wirtschaft brummt - Anzeichen einer Überhitzung sind aber nicht zu erkennen, so die Analysten der BNP Paribas in ihrer aktuellen Ausgabe von "Märkte & Zertifikate".

Weitere US-Zinserhöhungen dürften somit die logische Folge sein. Handelskonflikte und die flache Zinskurse in den USA würden jedoch Sorge bereiten.

An den Anleihemärkten sei es auch in den vergangenen Wochen nicht langweilig geworden. Die Rendite richtungsweisender 10-jähriger US-Staatspapiere sei wieder an die viel beachtete Marke von 3,0 Prozent geklettert. Eine US-Zinserhöhung am 26. September scheine am Markt beschlossene Sache zu sein. Im Euroraum würden die Leitzinsen voraussichtlich noch über den Sommer 2019 hinaus auf dem aktuellen Niveau verweilen, weshalb die Schere zwischen US-Zinsen und Renditen im Euroraum weiter auseinander klaffe. Bei einer Rendite von 0,45 Prozent bei 10-jährigen Euro-Staatsanleihen ergebe sich aktuell eine Zinsdifferenz zu 10-jährigen US-Papieren von mehr als 2,5 Prozent, was weiterhin das höchste Niveau seit Einführung des Euro sei.

In den USA dürfte auf der Zinssitzung am 26. September eine weitere Leitzinserhöhung um 25 Basispunkte auf eine Bandbreite zwischen 2,00 und 2,25 Prozent beschlossen werden. Zumindest preise der Markt im Vorfeld einen solchen Zinsschritt mit einer Wahrscheinlichkeit von annähernd 100 Prozent ein. Es wäre bereits die dritte Leitzinsanpassung in diesem Jahr. Und auch die US-Notenbankmitglieder hätten im Protokoll der August-Sitzung zu verstehen gegeben, dass ein baldiger weiterer Zinsschritt angebracht sei. Ein Zinsschritt im September sei am Markt somit beschlossene Sache, weshalb sich der Fokus bereits auf die Dezember-Sitzung richte.

Der Markt gehe aktuell mehrheitlich davon aus, dass im Dezember ein weiterer Zinsschritt vorgenommen werde - die Wahrscheinlichkeit liege auf Basis der an den Terminmärkten gehandelten FED Fund Futures aktuell bei mehr als 80 Prozent. In Stein gemeißelt sei eine vierte Leitzinsanpassung in diesem Jahr damit aber noch nicht. Untermauert werde diese Einschätzung durch die jüngsten US-Inflationsdaten für August. Die Verbraucherpreise in den USA seien im Vergleich zum Vormonat lediglich um 0,2 Prozent gestiegen. Die Jahresteuerung sei damit auf 2,7 Prozent gefallen, nachdem sie im Juli bereits 2,9 Prozent betragen habe. Die Kerninflation (ohne die schwankungsanfälligen Preise für Energie und Nahrung) sei im August auf 2,2 Prozent gefallen, von zuvor 2,4 Prozent. Beide Werte lägen zwar weiterhin teils deutlich über der Zielmarke der US-Notenbank von 2,0 Prozent. Ziehe die Inflation jedoch nicht weiter an, könnten es die US-Währungshüter künftig etwas ruhiger angehen lassen, was weitere Zinserhöhungen angehe.

Ziehe man die Rede von US-Notenbank-Chef Jerome Powell beim diesjährigen Treffen der Notenbanker im amerikanischen Jackson Hole Ende August hinzu, dürfte ein vierter Zinsschritt im Dezember durchaus realistisch sein. Powell habe seinen Zuhörern versichert, dass er weiterhin zwischen dem Risiko, die Zinsen zu rasch zu erhöhen und damit die wirtschaftliche Expansion abzuwürgen, und der Gefahr, sich zu langsam zu bewegen und damit eine destabilisierende Überhitzung der US-Wirtschaft zu riskieren, abwäge. Die US-Wirtschaft sei zuletzt zwar weiter erstarkt, doch sehe er derzeit keine Anzeichen einer Überhitzung. Powell habe daher weitere schrittweise Zinserhöhungen in Aussicht gestellt.

Allerdings habe das Protokoll der August-Sitzung auch die Sorgen einiger Notenbankmitglieder über die möglichen Folgen von Handelskriegen zum Vorschein gebracht. Angesichts der Komplexität der Handelsproblematik und ihrer möglichen Auswirkungen auf Wirtschaftsleistung und Inflation könnte eine weitere Eskalation der Handelskonflikte die US-Notenbank vor Herausforderungen stellen, sei im Protokoll zu lesen gewesen. Auch der mittel- bis langfristige Ausblick für die US-Wirtschaft bereite einigen Notenbankern Sorge. Vor allem die aktuell flache Zinskurve werde als Warnsignal interpretiert. Geringe Zinsdifferenzen zwischen kurz- und langlaufenden Staatspapieren, wie man sie derzeit sehe, würden häufig auf Rezessionsgefahren hindeuten. Aktuell liege die Zinsdifferenz zwischen 2- und 10-jährigen US-Staatsanleihen bei 20 Basispunkten, was das niedrigste Niveau seit mehr als 20 Jahren sei.

Während die US-Notenbank auf der September-Sitzung die Leitzinsen aller Voraussicht nach zum achten Mal seit Dezember 2015 anheben werde, steuere die Europäische Zentralbank (EZB) weiter mit Trippelschritten auf ein Ende ihrer extrem lockeren Geldpolitik zu. Auf der Sitzung am 13. September habe sie plangemäß die Halbierung ihrer monatlichen Anleihekäufe ab Oktober auf 15 Milliarden Euro angekündigt. Ein finales Ende des vor allem in Deutschland umstrittenen Anleihekaufprogramms sei erneut nicht verkündet worden. Das Programm solle weiterhin zum Jahresende eingestellt werden, jedoch hätten sich die Euro-Währungshüter eine Hintertür offen gelassen und würden ein tatsächliches Ende unverändert an die Bedingung knüpfen, dass die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen ein endgültiges Auslaufen auch zulassen würden. An ihren Zinsplänen habe die EZB nichts geändert - die Leitzinsen sollten weiterhin bis mindestens über den Sommer 2019 hinaus auf dem Rekordtief von 0,0 Prozent verweilen.

EZB-Präsident Mario Draghi lasse sich mit dem Ausstieg aus der ultralockeren Geldpolitik also weiterhin viel Zeit. Vor allem beim Thema Zinswende scheine er sich nicht die Finger verbrennen zu wollen wie beispielsweise sein Vorgänger Jean-Claude Trichet. Dieser habe gegen Ende seiner Amtszeit im April und Juli 2011 die Leitzinsen zweimal in Folge um 25 Basispunkte von 1,0 auf 1,5 Prozent erhöht, was sich im Nachhinein als Fehler herausgestellt habe. Draghis erste Amtshandlung im November 2011 als neuer EZB-Chef sei es dann gewesen, die Zinsen wieder zu senken; zunächst um 25 Basispunkte auf 1,25 Prozent. Es seien acht weitere Zinsanpassungen gefolgt, bis die Zinsen im März 2016 das Niveau erreicht hätten, auf dem sie nach wie vor verweilen würden. Draghi dürfte aus dieser "zu frühen Zinserhöhung" seines Vorgängers gelernt haben.

Allerdings seien mit der Italienkrise, den Krisen in einigen Schwellenländern wie beispielsweise in der Türkei sowie den globalen Handelsstreitigkeiten zuletzt neue Brandherde hinzugekommen. Daher hätten sich die Notenbankmitglieder dazu veranlasst gesehen, ihre Wachstumserwartungen für die Wirtschaft im Euroraum für dieses und das kommende Jahr leicht zu revidieren. Nun sähen die Projektionen der Euro-Wächter ein Wirtschaftswachstum in diesem Jahr von 2,0 Prozent und für 2019 von 1,8 Prozent vor. Damit seien die vorherigen Einschätzungen jeweils um 0,1 Prozentpunkte gesenkt worden. Für 2020 gehe die EZB unverändert von einem Wachstum von 1,7 Prozent aus. Bei den Projektionen für die Inflation seien die Ratsmitglieder unverändert bei Jahresraten von 1,7 Prozent jeweils für die Jahre 2018 bis 2020 geblieben.

Ins Bild passen würden hier die jüngsten Daten für August. Die Verbraucherpreise in der Eurozone hätten im Vergleich zum Vorjahresmonat um 2,0 Prozent angezogen. Im Juli habe die Teuerungsrate zwar bereits bei 2,1 Prozent gelegen, doch bewege sich die Inflation weiterhin im Zielbereich der EZB, die bei jährlichen Preissteigerungsraten von unter, aber nahe 2,0 Prozent von Preisstabilität spreche. Somit erscheine eine der wichtigsten Voraussetzungen für einen baldigen Zinsschritt bereits erfüllt. Wie wichtig Preisstabilität für den EZB-Präsident sei, sei auf der Pressekonferenz nach der September-Sitzung deutlich geworden. Eine Journalistin habe kritisiert, dass Italien nach dem Auslaufen des Kaufprogramms im nächsten Jahr allein den "Attacken der Finanzmärkte" ausgesetzt sei. Darauf habe Draghi erwidert, dass die EZB der Preisstabilität und nicht der Finanzierungsfähigkeit einzelner Mitgliedstaaten verpflichtet sei.

Aktuell sei es schwer vorstellbar, dass die EZB die Zinsen im Herbst 2019 anheben werde. Denn Zinsen würden in der Regel bei Inflationsdruck angehoben. Aber diesen sähen die EZB-Mitglieder in diesem und in den kommenden beiden Jahren nicht, denn sie würden bei ihren Projektionen bis 2020 weiterhin von einer stagnierenden Inflationsrate von 1,7 Prozent ausgehen.

Die EZB habe daher mit Bedacht keinen konkreten Termin für die Zinswende bekannt gegeben, um sich ein gewisses Maß an Flexibilität zu bewahren. Dies sei angesichts der aktuellen Unsicherheitsfaktoren auch durchaus angebracht. Die jüngste Regierungskrise in Italien habe unschön aufgezeigt, wie wackelig die Europäische Union (EU) derzeit auf den Beinen stehe. Ein weiteres Beispiel hierfür sei die jüngste Flüchtlingskrise gewesen, die beinahe zum Bruch der Regierungskoalition in Deutschland geführt hätte. Wäre es so weit gekommen, hätten die Finanzmärkte sicherlich verschnupft reagiert.

Sorge würden der EZB auch die weltweiten (handels-)politischen Spannungen rund um US-Präsident Donald Trump bereiten. Sollten die Streitigkeiten mit der EU oder mit China eskalieren - seien sich die Volkswirte ziemlich sicher - dürfte dies erhebliche Auswirkungen auf das Wirtschaftswachstum der Eurozone haben. Unter diesen Umständen könnte sich eine Zinswende sogar noch etwas weiter nach hinten verschieben.

All diese Entwicklungen würden sich bereits in den Anleihekursen widerspiegeln. Die Rendite richtungsweisender Euro-Anleihen mit einer Laufzeit von zehn Jahren habe im Februar bei 0,8 Prozent ihren zwischenzeitlichen Höhepunkt erreicht. Zu diesem Zeitpunkt seien die Märkte von einer baldigen Zinswende im Euroraum ausgegangen. Mittlerweile würden die 10-Jährigen wieder mit 0,3 Prozent rentieren, womit klar sein dürfte, dass der Markt hier bereits etwas zu optimistisch gewesen sei, was auch die jüngsten Beschlüsse der EZB untermauern gewesen. (Ausgabe Oktober 2018) (01.10.2018/alc/a/a)