Erweiterte Funktionen

US-Notenbank: Beginn eines Zinsanhebungszyklus eher 2023 als 2022


11.10.21 09:30
Raiffeisen Bank International AG

Wien (www.anleihencheck.de) - Die Federal Reserve steht kurz davor, den ersten Schritt in der geldpolitischen Normalisierung zu beschreiten, so die Analysten der Raiffeisen Bank International AG (RBI).

Dabei handle es sich jedoch nicht um eine Erhöhung der Federal Funds Rate, sondern um eine Reduzierung der monatlichen Netto-Anleihekäufe, auch bekannt als Tapering. Bisher habe die FED ihre Bestände an Staatsanleihen und hypothekarisch besicherten Wertpapieren (MBS) um USD 80 Mrd. bzw. USD 40 Mrd. pro Monat erhöht. Auf der Zinssitzung im September habe der Offenmarktausschuss (FOMC) die Auffassung vertreten, dass eine Verringerung des Tempos der Anleihekäufe bald gerechtfertigt sein könnte, sollten die wirtschaftlichen Fortschritte im Großen und Ganzen wie erwartet anhalten.

Die Forward Guidance der FED sehe folgende Bedingung für den Beginn des Tapering vor: Substanzielle weitere Fortschritte bei der Erreichung der Ziele der Vollbeschäftigung und Preisstabilität. Mit Dezember 2020 als Referenzwert, erachte die FED die Fortschritte bei der Erreichung des Preisstabilitätsziels als ausreichend und bei der Erreichung des Vollbeschäftigungsziels scheine diese Bedingung in Kürze erfüllt zu sein. Nach Ansicht des FED-Vorsitzenden Powell würde ein "vernünftiger" monatlicher Beschäftigungsbericht ausreichen, um die Bedingung für das Tapering zu erfüllen.

Da davon auszugehen sei, dass der jüngste Anstieg der COVID-19-Fälle die Erholung am Arbeitsmarkt nur vorübergehend dämpfe, sei eine offizielle Ankündigung des Tapering auf der FOMC-Sitzung im November wahrscheinlich. Die Analysten der RBI würden davon ausgehen, dass die monatlichen Netto-Anleihekäufe über einen Zeitraum von mehreren Monaten schrittweise verringert und im dritten Quartal 2022 beendet würden. Das anfängliche Tempo der Reduzierung werde als Signal für spätere Anpassungen von entscheidender Bedeutung sein, da die FED wohl von Sitzung zu Sitzung entscheiden werde.

Die Entscheidung darüber, wann die Bandbreite der Federal Funds Rate, welche derzeit zwischen 0% und 0,25% liege, geändert werden solle, sei formell von der Entscheidung über das Tapering entkoppelt worden. Damit die Federal Funds Rate geändert werden könne, müssten drei Bedingungen erfüllt sein. Erstens: Die Arbeitsmarktbedingungen hätten ein Niveau erreicht, das mit Vollbeschäftigung vereinbar sei. Zweitens: Die Inflation sei auf 2% gestiegen. Drittens: Die Inflation werde erwartet für einige Zeit moderat über 2% zu liegen. Mit einer PCE-Kerninflation von 3,6% p.a. und der Erwartung des FOMC, dass die Kerninflation Ende 2022 (2,3%, Q4/Q4) und 2023 (2,2%, Q4/Q4) über 2% liegen werde, seien die Bedingungen zwei und drei bereits erfüllt und würden wahrscheinlich auch weiterhin erfüllt sein.

Der Zeitpunkt der ersten Zinserhöhung hänge also von der Arbeitsmarkterholung und der Definition von Vollbeschäftigung ab. Mitglieder des FOMC hätten häufig betont, dass die Beurteilung der Vollbeschäftigung allein auf der Grundlage der Arbeitslosenquote unzureichend sei. Der Vergleich der Arbeitslosenquote (5,2% im August) mit ihrem längerfristigen natürlichen Niveau (ca. 4%) könnte daher dazu führen, dass eine erste Zinserhöhung zu früh erwartet werde. Eine ganzheitlichere Bewertung lasse sich aus der Betrachtung der Erwerbsquoten ableiten, wobei die Analysten der RBI die Erwerbsquote im Haupterwerbsalter als besonders nützlichen Indikator ansähen.

Die Analysten der RBI würden davon ausgehen, dass die FED und insbesondere der Vorsitzende Powell bestrebt seien, zu einem Arbeitsmarkt von vor COVID-19 zurückzukehren, was nach Meinung der Analysten bis Mitte 2023 erreicht werden könnte. Daher würden die Analysten der RBI den Beginn eines Zinsanhebungszyklus eher 2023 als 2022 erwarten. Eine schneller als erwartete Erholung am Arbeitsmarkt, insbesondere wenn sich die erhöhte Inflation als hartnäckiger erweise, könnte zu früheren Zinserhöhungen führen. Der Offenmarktausschuss der FED sei derzeit geteilter Meinung hinsichtlich einer ersten Zinserhöhung im Jahr 2022. (Ausgabe vom 08.10.2021) (11.10.2021/alc/a/a)