Erweiterte Funktionen

US-Geldpolitik und langfristige Renditen: Vom künftigen FED-Präsident Kontinuität zu erwarten


09.11.17 12:00
HSH Nordbank AG

Hamburg (www.anleihencheck.de) - In den USA läuft die Konjunktur weiterhin recht rund, so die Analysten der HSH Nordbank AG.

Im dritten Quartal habe die Wirtschaftsleistung erneut um 3% gegenüber dem Vorquartal gesteigert werden können (annualisiert), sodass im Gesamtjahr ein Wachstum von 2,4% erreicht werden sollte. Die Indikatoren für das laufende Quartal seien ausnahmslos positiv und so dürfte auch für das kommende Jahr mit einem soliden Wirtschaftswachstum zu rechnen sein.

Allerdings sei noch unklar, wie ruhig es an der wirtschaftspolitischen Front bleiben werde. Zwar ist mit der Ernennung von Jerome Powell als Nachfolger der FED-Präsidentin Janet Yellen bei der Geldpolitik für Kontinuität gesorgt - die Analysten der HSH Nordbank AG rechnen auch unter Powell mit drei Zinsschritten im kommenden Jahr. Niemand wisse jedoch, ob die Hoffnung, die insbesondere Aktieninvestoren in die Steuerpläne der Regierung Trump stecken würden, berechtigt seien. Gleichzeitig schwebe das Damoklesschwert der Nafta-Neuverhandlung oder - Abschaffung über zahlreichen Branchen.

Im dritten Quartal habe die US-Wirtschaft nach vorläufigen Angaben um 3% gegenüber dem Vorquartal (annualisiert) expandiert. Mit etwa dem gleichen Tempo habe die US-Wirtschaft auch im zweiten Quartal expandieren können. Demgegenüber habe die durchschnittliche Wachstumsrate von Q1/2016 bis Q1/2017 lediglich bei 1,7% gelegen. Von einem Boom würden wir dennoch nicht sprechen, so die Analysten der HSH Nordbank AG. So habe das Wachstum zu einem großen Teil aus einem Lageraufbau resultiert, während sich die Ausgabenfreude der Amerikaner gemessen an den um 2,4% höheren Konsumausgaben in Grenzen gehalten habe. Bei den Wohnungsbauinvestitionen habe der zweite Rückgang in Folge registriert werden müssen. Die Anlageinvestitionen hätten zwar um immerhin 3,9% zugelegt. Das sei jedoch eine Verlangsamung gegenüber dem ersten Halbjahr gewesen, wo der Anstieg im Durchschnitt der beiden Quartale bei etwa 7% gelegen habe. Ähnliches gelte für die Exporte, während die Importe sogar rückläufig gewesen seien.

Die ersten Daten für das laufende Quartal würden darauf hindeuten, dass das Expansionstempo - bei veränderter Struktur - zum Jahresende beibehalten werden könne. Die ISM-Indices seien im Oktober sowohl im Verarbeitenden Gewerbe als auch im Dienstleistungsbereich auf hohen Niveaus verblieben (bei leichten Rückgängen gegenüber September), während die regionalen Einkaufsmanagerindices (New York, Philadelphia, Chicago) im selben Monat allesamt gestiegen seien. Auch die Stimmung im Bausektor für Wohnimmobilien habe sich gemäß NAHB-Index deutlich gebessert. Das Gleiche gelte für das Konsumentenvertrauen, das sich laut Erhebung der Universität Michigan auf dem höchsten Stand seit dem Jahr 2000 befinde.

Letzteres sollte nicht weiter verwundern, denn die Arbeitslosenrate sei auf den tiefsten Stand seit 2001 gefallen, nämlich auf 4,1%, womit die gefühlte Arbeitsplatzsicherheit gestiegen sein sollte. Bei der Beschäftigungsentwicklung habe es zwar im September einen leichten Dämpfer gegeben, bedingt durch die schwere Hurrikan-Saison. Dieser Effekt sei im Oktober jedoch wieder weitestgehend ausgeglichen worden. Mit einem Zuwachs von 261.000 Personen sei den 85. Monat in Folge ein Anstieg der Beschäftigung erreicht worden.

Angesichts der derzeitig sehr niedrigen Arbeitslosenrate von 4,1%, die Vollbeschäftigung widerspiegele, müsste es eigentlich über steigende Löhne zu einer höheren Inflation kommen. Die Inflation bleibe jedoch unterhalb von 2%, was sowohl von FED-Präsidentin Janet Yellen als auch von ihrem designierten Nachfolger Jerome Powell als "Mysterium" bezeichnet werde. Gemäß FED-Schätzung solle die so genannte NAIRU (also die Arbeitslosenrate, die mit einem stabilen Preisumfeld vereinbar sei) bei 4,6% liegen. Erstaunlicherweise würden die Lohnzuwächse mit einer Jahresrate von 2,5% (Oktober) aber niedrig bleiben. Die PCE-Kerninflation sei in den vergangenen Monaten im September auf 1,3% gefallen. Am Jahresanfang habe die Teuerungsrate noch bei 1,9% gelegen.

Einen Erklärungsbeitrag für die gesunkene Inflation könnte der Onlinehändler Amazon.com liefern. Offensichtlich habe sich der Wettbewerbsdruck im Einzelhandel durch dieses Unternehmen deutlich verschärft. Viele Marktbeobachter sähen diesen scharfen Konkurrenzdruck auch als den Grund dafür, dass im Einzelhandel in diesem Jahr laut Bloomberg-Schätzungen über 8.000 Einzelhandelsgeschäfte ihre Pforten geschlossen hätten. Dieser Wert sei höher als 2008, als etwa 6.000 Geschäfte aufgegeben hätten.

Allerdings würden die Analysten der HSH Nordbank AG nicht so weit gehen, den Zusammenhang zwischen der Lage am Arbeitsmarkt und der Inflation zu leugnen. Mittel- bis langfristig dürfte der stark ausgelastete Arbeitsmarkt zu einer Beschleunigung der Lohnerhöhungen führen und entsprechend die Inflation nach oben treiben, wenngleich dieser Druck durch die beschriebenen Faktoren gedämpft werden dürfte. Zur Mitte nächsten Jahres sollte die Kerninflation 2% erreichen und zum Jahresende noch einen leichten Anstieg auf 2,2% verzeichnen. Grundsätzlich könnte der jüngste Preisanstieg bei Rohöl dieses Bild noch ändern. Allerdings gehen die Analysten der HSH Nordbank AG nicht davon aus, dass die Entwicklung nachhaltig ist, sondern rechnen mit einem erneuten Rückgang des Ölpreises im Verlauf des nächsten Jahres.

Auch wenn die Inflation unter dem Zielwert der FED liege, setze die FED ihren Normalisierungskurs fort. Seit Oktober ersetze die US-Notenbank nur noch einen Teil der fälligen Anleihen, sodass die Bilanzsumme der FED sinke und der Bondmarkt von dieser Seite leichten Gegenwind erhalte. Gleichzeitig habe FED-Präsidentin Yellen mehrfach signalisiert, dass im Dezember der dritte Zinsschritt in diesem Jahr folgen werde. Die Analysten der HSH Nordbank AG gehen angesichts der guten Konjunkturaussichten davon aus, dass die FED im kommenden Jahr den Leitzins erneut drei Mal erhöhen wird.

Aus europäischer Sicht mute es möglicherweise ungewöhnlich an, dass die FED trotz der Verfehlung des Inflationsziels an einer Straffung der Geldpolitik festhalte. Abgesehen davon, dass es hier zunächst nur um eine Normalisierung einer ungewöhnlich expansiven Geldpolitik gehe und die monetären Zügel weiterhin sehr locker bleiben würden, sei das duale Ziel der FED zu beachten. Anders als die Europäische Zentralbank (EZB) sei es das Ziel der FED sowohl für Preisstabilität als auch für eine möglichst hohe Beschäftigung zu sorgen. Diese Ziele stünden gleichberechtigt nebeneinander bzw. seien nicht explizit gewichtet, womit die Notenbank einen relativ großen Entscheidungs- und Argumentationsspielraum habe. Da man in den USA von Vollbeschäftigung sprechen könne und das Beschäftigungsziel sogar übererfüllt zu werden drohe, könne die FED ohne Glaubwürdigkeitsverlust bei einer Inflation von deutlich unter 2% die Geldpolitik etwas straffen.

Anfang Februar laufe die erste Amtszeit von Janet Yellen als FED-Präsidentin aus. US-Präsident Donald Trump habe Anfang November Jerome Powell zum neuen FED-Chef nominiert. Die Zustimmung vonseiten des Bankenkomittees des Senats gelte als sicher. Powell sei seit 2012 Mitglied des Direktoriums der FED und habe stets mit Yellen gestimmt. Powell sei anders als die jetzige Präsidentin und ihr Vorgänger Ben Bernanke kein Ökonom, sondern Jurist. In den 1980er Jahren habe er unter anderem bei der Investmentbank Dillon, Read & Co. gearbeitet, um dann für einige Jahre in den öffentlichen Sektor zu wechseln. So sei er Anfang der 1990er Jahre im US-Finanzministerium beschäftigt gewesen und dann erneut in den privaten Finanzsektor gegangen. Im Dezember 2011 sei Powell dann von dem damaligen Präsidenten Barack Obama in das Direktorium der US-Notenbank berufen worden.

Von Powell sei eine Fortsetzung der bisherigen Politik zu erwarten. Ähnlich wie Yellen dürfte Powell nicht sonderlich aggressiv agieren, aber sich angesichts der zunehmenden Auslastung der Kapazitäten nicht allzu sehr von der niedrigen Inflation irritieren lassen und daher an der bisherigen Gangart in Bezug auf die Zinsschritte festhalten. Ende 2018 sollte das Leitzinsniveau daher bei 2,00% bis 2,25% liegen. Noch im Dezember 2017 werde Yellen den Leitzins auf dann 1,25% bis 1,50% anheben.

In den vergangenen Wochen hätten sich die langfristigen Renditen trotz der erfreulichen konjunkturellen Entwicklung praktisch seitwärts bewegt. Die Analysten der HSH Nordbank AG gehen davon aus, dass mit den weiteren Leitzinsanhebungen, dem fortgesetzten Abbau der Bilanzsumme, einer soliden Konjunktur und anziehender Inflation die Renditen in den kommenden Monaten steigen sollten. Per Mitte nächsten Jahres würden die zehnjährigen T-Notes voraussichtlich bei 2,80% rentieren, etwa 45 Basispunkte über dem heutigen Stand. Für das Ende des Jahres würden die Analysten einen Renditestand von 3,25% erwarten. (Ausgabe vom 08.11.2017) (09.11.2017/alc/a/a)