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USA so hoch verschuldet wie nie zuvor - Steigende Zinsen wären ein Horrorszenario


03.11.20 11:00
BNP Paribas

Paris (www.anleihencheck.de) - Das Jahr 2020 wird in vielerlei Hinsicht in die Geschichtsbücher eingehen, so die Analysten der BNP Paribas in ihrer aktuellen Ausgabe von "Märkte & Zertifikate".

Die Coronakrise habe zahlreiche Volkswirtschaften in die Rezession geführt. Nach Einschätzung der Industriestaatenorganisation OECD sei wegen der COVID-19-Pandemie die schlimmste Rezession zu Friedenszeiten seit 100 Jahren zu erwarten. Um die schweren wirtschaftlichen Folgen der Pandemie zu bewältigen, hätten die Regierungen Konjunkturpakete in noch nie da gewesenem Ausmaß aufgelegt. Möglich gewesen sei dies nur über die Aufnahme neuer Schulden. So habe etwa die öffentliche Verschuldung Deutschlands zur Jahresmitte mit rund 2,11 Billionen Euro einen neuen Rekordstand erreicht. Seit Jahresanfang seien die Schulden um 210,1 Milliarden Euro oder 11,1 Prozent gestiegen.

Doch die Höhe der Schulden allein sei nicht entscheidend. Viel wichtiger sei, ob ein Staat die Schulden stemmen, sprich, die Zinsen bedienen könne. Aufgrund des aktuellen Niedrigzinsumfelds sei das für die meisten großen Volkswirtschaften derzeit aber kein Problem. Um die Schuldenhöhe eines Staates zu bewerten, werde das Verhältnis der Schulden zur Wirtschaftsleistung (Bruttoinlandsprodukt) gesetzt. In der Finanzwissenschaft spreche man von der Schuldenquote. Deutschland gelte im internationalen Vergleich finanzpolitisch als Streber. Die Schuldenquote Deutschlands sei bis zur Coronakrise rückläufig gewesen und im vergangenen Jahr unter die 60-Prozent-Marke gefallen. Im Zuge der Krise könnte sie nun allerdings auf mehr als 80 Prozent steigen. Im internationalen Vergleich wäre dies aber noch immer ein akzeptabler Wert.

Über eine Schuldenquote von 80 Prozent wären die USA wahrscheinlich überaus froh. In den vergangenen Jahren habe sich die Schuldenquote der größten Volkswirtschaft der Welt knapp oberhalb der 100-Prozent-Marke eingependelt. Doch die Coronavirus-Pandemie habe die Vereinigten Staaten besonders heftig getroffen. Das Wirtschaftswachstum sei eingebrochen, die Arbeitslosigkeit sei auf Rekordhöhen geschnellt. Um die wirtschaftliche Talfahrt zu stoppen, habe der US-Kongress seit März bereits Konjunkturmaßnahmen im Volumen von rund drei Billionen US-Dollar beschlossen. Über ein weiteres Konjunkturpaket im Volumen von etwa 2 Billionen Dollar werde seit Wochen verhandelt, doch hätten sich der US-Senat und das US-Repräsentantenhaus noch nicht auf ein neues Hilfspaket einigen können.

Im gerade abgelaufenen Haushaltsjahr, das in den USA im September ende, habe die US-Regierung aber auch ohne das neue Hilfspaket ein Rekord-Haushaltsdefizit in Höhe von 3,13 Billionen Dollar hinnehmen müssen - Einnahmen in Höhe von etwa 3,4 Billionen Dollar hätten Ausgaben in Höhe von rund 6,5 Billionen Dollar gegenübergestanden. Der Schuldenberg der Vereinigten Staaten sei 2020 förmlich explodiert. Hätten die US-Staatsschulden Ende 2019 noch 23,2 Billionen Dollar betragen, so seien diese zum Ende des US-Haushaltsjahres per September auf 26,95 Billionen Dollar gestiegen - ein neuer Rekord. Da gleichzeitig die US-Wirtschaftsleistung geschrumpft sei, sei die Schuldenquote jüngst auf 135,6 Prozent geklettert. Die USA seien somit nicht nur vom reinen Schuldenstand her, sondern auch in Relation zum Bruttoinlandsprodukt aktuell so hoch verschuldet wie nie zuvor.

Normalerweise verschulde sich ein Staat durch die Ausgabe neuer Staatsanleihen. Er leihe sich das Geld von anderen. Würden die Anleihen genug Rendite abwerfen, also zahle der Staat genug Zinsen, sei es kein Problem, genug Käufer zu finden. Die USA hätten in der Vergangenheit nie Probleme gehabt, Käufer für ihre Anleihen zu finden. Einer ihrer großen Trümpfe sei der US-Dollar gewesen. Er gelte als Weltleitwährung - ein Großteil der globalen Geldgeschäfte werde in Dollar abgewickelt. Die USA würden deutlich mehr Waren importieren, als sie exportieren würden. Länder, die in den vergangenen Jahren Waren in die USA exportiert hätten, hätten dementsprechend hohe Dollar-Überschüsse gehabt, die sie mehrheitlich in US-Staatsanleihen investiert hätten, denn die Renditen seien stets recht lukrativ gewesen. 2009 hätten ausländische Investoren mehr als 50 Prozent der gesamten US-Staatsschulden gehalten. Doch zuletzt habe ein Wandel stattgefunden. Per Ende August 2020 seien nur noch rund 30 Prozent der ausstehenden US-Papiere im Besitz ausländischer Investoren gewesen.

Der Wandel habe mit dem Fracking-Boom in den USA angefangen. Früher hätten sich die Vereinigten Staaten täglich viele Millionen Barrel Öl auf dem Weltmarkt besorgen müssen, denn die eigene Ölproduktion habe längst nicht ausgereicht. Die USA hätten somit sehr viel Öl importiert, was einigen Förderländern enorme Dollar-Überschüsse beschert habe. Diese seien dann ebenfalls zu einem Großteil in US-Anleihen investiert worden. Doch mit dem Fracking-Boom hätten die USA ihre Ölproduktion immer weiter ausgeweitet und seien Ende 2018 erstmals seit 70 Jahren wieder zum Netto-Exporteur geworden - die USA hätten also mehr Öl exportiert, als sie importiert hätten. Dementsprechend hätten sich die Dollar-Überschüsse vieler Förderländer reduziert, die fortan weniger Kapital in US-Staatsanleihen investiert hätten.

Zudem hätten die USA Anfang 2018 einen Handelskrieg mit China angezettelt. China war und ist noch immer der wichtigste Handelspartner der USA - 2018 exportierte China Waren im Rekordwert von 557 Milliarden US-Dollar in die USA, so die Analysten der BNP Paribas. Auch China habe seine Überschüsse jahrelang in US-Staatsanleihen investiert und sei lange der größte Auslandskäufer von US-Staatspapieren gewesen; zwischenzeitlich habe China US-Staatspapiere im Gegenwert von 1,3 Billionen Dollar besessen. Doch durch den Handelskrieg sei mit China nicht nur ein starker Käufer von US-Anleihen weggefallen: China sei zuletzt sogar als Verkäufer aufgetreten und habe per Ende August nur noch US-Staatsanleihen im Gegenwert von 1,07 Billionen Dollar gehalten.

Mit der Finanzkrise im Jahr 2008 sei ein neuer starker Käufer von US-Staatsanleihen aufgetreten - die US-Notenbank (FED). Während der Finanzkrise habe zahlreichen Finanzdienstleistern staatlich unter die Arme gegriffen werden müssen. Die ohnehin hohe Verschuldung vieler Staaten sei krisenbedingt stark angestiegen, vor allem in den USA. Der immense Kapitalbedarf der USA habe über den Kapitalmarkt aber nicht gedeckt werden können. Es seien einfach zu wenige valide Käufer da gewesen, denn die Finanzkrise habe sich weltweit ausgebreitet.

Die US-Notenbank habe daraufhin die virtuelle Notenpresse angeworfen und die von der US-Regierung aufgelegten Staatsanleihen im großen Stil selber aufgekauft. Statt über den Kapitalmarkt zu hohen Zinsen hätten sich die USA so praktisch zum Nulltarif verschulden können, denn die FED habe mit Beginn der Finanzkrise die Leitzinsen innerhalb weniger Monate von 5,25 auf 0,25 Prozent gesenkt. Die FED habe in den folgenden sieben Jahren für mehrere Billionen Dollar US-Staatsanleihen aufgekauft.

Mit der Coronakrise habe sich das Schauspiel wiederholt, allerdings in nochmals anderen Dimensionen. Der Finanzierungsbedarf sei mit einem Schlag so gigantisch gewesen, dass selbst der US-Anleihemarkt - immerhin der größte der Welt - im März Schwierigkeiten bekommen habe. Ohne die US-Notenbank wäre er wohl kollabiert, denn Käufer seien Mangelware gewesen. Es habe wieder einmal an der FED gelegen, den Karren aus dem Dreck zu ziehen. Sie habe im März innerhalb nur einer Woche US-Staatsanleihen im Wert von etwa 700 Milliarden Dollar aufgekauft. Die Leitzinsen, die zuvor zwischenzeitlich auf eine Spanne von 2,25 bis 2,5 Prozent gestiegen seien, habe die FED innerhalb weniger Wochen erneut auf eine Spanne von 0 bis 0,25 Prozent gesenkt. Praktisch für die USA, denn sie hätten sich somit erneut nahezu zum Nulltarif verschulden können.

Doch das zuvor bekannt gegebene Anleihekaufprogramm sei im Nu ausgeschöpft gewesen, weil die US-Notenbank praktisch der einzige Käufer gewesen sei. Die US-Notenbank habe daraufhin noch schwerere Geschütze aufgefahren und angekündigt, Staatsanleihen und Hypothekenpapiere in einem quasi unbegrenzten Ausmaß aufzukaufen. Von Anfang März bis Mitte Juni sei die US-Bilanzsumme um 3 Billionen auf 7,2 Billionen US-Dollar angestiegen. Die US-Notenbank habe also in gut 14 Wochen ihre Bilanz um 70 Prozent erhöht. Nach der Finanzkrise habe die FED für Anleihekäufe ähnlichen Ausmaßes mehr als fünf Jahre gebraucht.

Die US-Haushaltsbehörde CBO warne in ihrem jüngsten Bericht vor schwerwiegenden wirtschaftlichen Folgen der hohen Staatsverschuldung. Das Haushaltsdefizit der USA, das vor der Coronakrise bei etwa fünf Prozent der jährlichen Wirtschaftsleistung gelegen habe, werde demzufolge in diesem Jahr bei mehr als 15 Prozent liegen. Zwar erwarte das CBO in den kommenden drei Jahren eine Erholung auf das Vorkrisenniveau, doch dürfte es bis 2050 dann kontinuierlich wieder auf 10 bis 15 Prozent steigen. Bis 2050 erwarte die US-Haushaltsbehörde zudem einen Anstieg der US-Schuldenquote in Richtung der 200-Prozent-Marke.

Die US-Notenbank habe mitten in der Coronakrise ihre geldpolitische Strategie geändert und sich dadurch etwas Zeit erkauft. Der Strategiewechsel erlaube den US-Währungshütern mehr Spielraum beim Ansteuern des Inflationsziels von zwei Prozent. Die FED könnte somit die Teuerungsrate für einen längeren Zeitraum über dem angepeilten Idealwert halten, wenn diese zuvor geraume Zeit darunter geblieben sei. Die FED habe bereits angekündigt, bis mindestens Ende 2023 an den Niedrigzinsen festzuhalten. Die Notenbank habe eigentlich auch gar keine andere Wahl als die Zinsen niedrig zu halten, denn steigende Zinsen würden den ohnehin schon schwer angeschlagenen US-Haushalt zusätzlich belasten - beim aktuellen Schuldenberg der USA würde ein Zinsanstieg um ein Prozent zu einer zusätzlichen Zinslast in Höhe von etwa 270 Milliarden Dollar im Jahr führen.

Ein Blick auf die Schuldenentwicklung seit 1970 zeige, dass die Verschuldung der USA in den vergangenen Jahren exponenziell zugenommen habe. In diesem Tempo könne es unmöglich weitergehen. Irgendwann müssten die USA ihren Haushalt in den Griff bekommen. Dies sei aber nur möglich, wenn kräftig gespart werde und die Zinslast der bereits aufgenommen Schulden gering bleibe. Dies sei wiederum nur zu gewährleisten, wenn die Leitzinsen und die Renditen am Anleihemarkt dauerhaft niedrig bleiben würden. Allein durch Sparen würden die USA ihren Haushalt aber kaum in den Griff bekommen. Denn das Volk würde einen strengen Sparkurs niemals mittragen. Zudem habe die Coronakrise auch zahlreiche andere Länder in arge Schuldenprobleme getrieben. Wenn alle gleichzeitig sparen würden, könnte es weltweit zu einer langanhaltenden Rezession kommen.

Die andere Entscheidungsmöglichkeit gehe über Inflation. Unter Ökonomen finde diese Variante mehr und mehr Anhänger, vor allem in den USA. Bereits nach dem Zweiten Weltkrieg seien die Vereinigten Staaten ihre hohen Schulden durch eine hohe Inflation losgeworden. Der jüngste Strategie-Schwenk der US-Notenbank lasse bereits erahnen, dass sich die US-Bürger künftig wohl auf eine höhere Inflation einstellen müssten. Wie weit die US-Notenbank die Inflation über den angepeilten Idealwert von 2 Prozent steigen lassen werde, sei allerdings noch unklar. Indes dürften Teuerungsraten jenseits der 2-Prozent-Marke eher die Regel als die Ausnahme werden. (Ausgabe November 2020) (03.11.2020/alc/a/a)