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USA: Wird die Inflation im zweiten Quartal wieder sinken?


11.10.21 08:30
Raiffeisen Bank International AG

Wien (www.anleihencheck.de) - Die US-Konjunkturerholung hat in der ersten Hälfte des Jahres an Schwung zulegen können, so die Analysten der Raiffeisen Bank International AG (RBI).

Der private Konsum habe das BIP-Wachstum angekurbelt, das in H1/21 durchschnittlich 6,4% (p.q. annualisiert) betragen und die Wirtschaftsleistung über das Vorkrisenniveau gehievt habe. Steigende COVID-19-Fälle, die Mitte September einen Höchststand erreicht hätten, hätten die Erholung jedoch gebremst: GDPNow der Atlanta FED sehe das BIP-Wachstum im dritten Quartal bei 1,3% (p.q. annualisiert). Dennoch dürfte die Delta-Variante den mittelfristigen Aufschwung nicht zum Entgleisen bringen und die aktuellen Prognosen würden sogar darauf hindeuten, dass die Produktionslücke im Jahr 2022 geschlossen werde (basierend auf der Schätzung des Produktionspotenzials durch das CBO).

Engpässe entlang den Lieferketten seien in den Unternehmensumfragen schon seit geraumer Zeit allgegenwärtig. Die Kapazitätsengpässe seien somit nach wie vor ein Risikofaktor, aber bislang nicht gravierend genug, um Tendenzen einer Stagflation (mäßiges Wirtschaftswachstum gepaart mit hoher Inflation) aufkommen zu lassen.

Der Arbeitsmarkt habe sich weniger rasch erholt als die Wirtschaftsleistung. Während das BIP bereits das Vorkrisenniveau erreicht habe, würden noch immer 5,3 Millionen Beschäftigte auf das Vorkrisenniveau fehlen. Der überwiegende Teil dieses Defizits entfalle auf den Dienstleistungssektor (3,9 Millionen). Dies dürfe jedoch nicht darüber hinwegtäuschen, dass auch der Arbeitsmarkt eine solide Erholung erfahren habe, insbesondere im zweiten Quartal 2021. Seit dem Jahresende 2020 sei etwa die Hälfte der Arbeitsmarktlücke geschlossen worden.

Es bleibe jedoch die Frage, wie viele Personen nicht wieder auf den Arbeitsmarkt zurückkehren würden, oder anders ausgedrückt, auf welches Niveau sich die Erwerbsquote erholen werde. Die Beschränkung auf die Altersgruppe der 25- bis 54-Jährigen zeige, dass bereits ein gewisser Rückstand aufgeholt worden sei, es aber noch einige Zeit dauern werde, bis das Vorkrisenniveau von 83% erreicht sein werde. Erwerbsquoten würden in der Regel dem Konjunkturzyklus mit einer zeitlichen Verzögerung folgen, dürften sich aber verbessern, wenn der Einfluss der Pandemie auf die Wirtschaft weiter abnehme.

Die Inflation sei in den letzten Monaten stärker gestiegen als erwartet. Zu Beginn des Jahres hätten Ökonomen mit einer durchschnittlichen Inflation von 1,8% für das Jahr 2021 gerechnet, während die Schätzung im Oktober bei 4,2% gelegen habe. Energiebedingte Basiseffekte würden eine wichtige Rolle für den Inflationsanstieg spielen. Es wäre jedoch zu kurz gegriffen, den Inflationsanstieg auf die Energiepreise zu beschränken. Auch die Kerninflation liege derzeit über der 4%-Marke mit starken Preissteigerungen von rund 0,8% pro Monat im zweiten Quartal. Neben der Energie hätten auch die Auswirkungen von Lockerungen der COVID-19-Maßnahmen und Engpässe entlang den Lieferketten die Preise in die Höhe getrieben. So seien die Preise für Gebrauchtwagen zwischen März und Juni 2021 um 30% gestiegen.

Im Zentrum der Inflationsdiskussion stehe die Frage, inwieweit der Preisanstieg vorübergehend sein werde. In den nächsten Monaten werde die Inflation wahrscheinlich hoch bleiben, aber im zweiten Quartal wieder sinken. Die Risiken seien jedoch nach oben gerichtet, da die Unsicherheit über die Dauer der Lieferengpässe und mögliche Zweitrundeneffekte durch steigende Löhne erhöht sei. Neben den Lohndaten würden in den kommenden Monaten auch Indikatoren der Kerninflation sehr genau unter Beobachtung stehen. (Ausgabe vom 08.10.2021) (11.10.2021/alc/a/a)