USA: Wie wird die FED auf die niedrige Inflation reagieren?


15.09.17 12:10
HSH Nordbank AG

Hamburg (www.anleihencheck.de) - Die Inflation wird gerne auch als Maßgröße für die wirtschaftliche Dynamik herangezogen, so die Analysten der HSH Nordbank AG.

Wenn eine Wirtschaft gut ausgelastet sei, dann sollten üblicherweise auch die Löhne und die Preise allmählich anziehen. In den USA sei der Preisauftrieb aber recht gering. Gemäß CPI-Index hätten die Preise im Juli 1,7% höher gelegen als ein Jahr zuvor. Der von der FED präferierte Index, die PCE-Kernrate (ohne Energie und Lebensmittel) sei nur um 1,4% gegenüber dem Vorjahr gestiegen. Die FED strebe jedoch eine Inflation von 2% an.

Die Ursachen für diese träge Entwicklung der Preise seien noch ungeklärt. FED-Präsidentin Yellen habe auf einige Sonderentwicklungen hingewiesen, die den Preisauftrieb dämpfen würden. Dazu würden ein massiver Preisverfall bei Handy-Verträgen und niedrigere Preise bei verschreibungspflichtigen Medikamenten sowie im Online-Einzelhandel gehören. Letzteres werfe die Frage auf, ob das Phänomen der niedrigen Inflation nicht doch strukturell bedingt sei.

Der Zusammenhang sei einfach: Wenn der Online-Einzelhandelsriese Amazon seine Waren zu niedrigeren Preisen anbiete, dann werde sich dies in der Inflationsmessung nicht nur in direkter Weise niederschlagen, sondern auch in indirekter Weise über den verschärften Wettbewerb für alle Einzelhändler, die sich auch zu Preissenkungen veranlasst sähen. Andere Online-Unternehmen wie das Beförderungsunternehmen Uber würden die herkömmlichen Taxi-Unternehmen unter Druck setzen, sodass diese ihre Tarifstrukturen anpassen müssten, um im Markt zu bleiben. Im Mediensektor falle es den Printmedien schon längere Zeit schwer höhere Preise durchzusetzen, sei die Konkurrenz durch Gratis-Online-Angebote doch omnipräsent. Die Reihe der Beispiele ließe sich problemlos fortsetzen.

Dessen ungeachtet bleibe aber ungeklärt, warum auch am Arbeitsmarkt die Löhne kaum steigen würden, sodass von dieser Seite kein Inflationsdruck aufgebaut werde. Sei es die Furcht vor der Automatisierung, die die Arbeitnehmer davor zurückschrecken lasse, höhere Lohnforderungen zu stellen? Üblicherweise würde man eher erwarten, dass die Automatisierung zu tatsächlichen Entlassungen führe, die Arbeitslosenrate erhöhe und dadurch der Lohndruck abnehme. Dass die Arbeitnehmer quasi in vorauseilendem Gehorsam auf adäquate Lohnzuwächse verzichten würden, erscheine weniger nachvollziehbar. Für die FED-Präsidentin Janet Yellen sei es schwierig, mit dieser Entwicklung umzugehen.

Die FED habe seit Ende 2015 den Leitzins viermal angehoben. Die Bandbreite für den Leitzins liege nunmehr zwischen 1% und 1,25%. Angesichts der guten Wirtschaftslage erwarten die Analysten der HSH Nordbank AG eine weitere Normalisierung der Geldpolitik bzw. eine Leitzinsanhebung im Dezember 2017. Mit dem dann erreichten Leitzinsniveau von 1,25% bis 1,50% wäre die Geldpolitik immer noch als expansiv zu bezeichnen. Denn bei einer Inflation von 1,4% bis 1,7% (je nach Index) wäre der Realzins bei 0%.

Natürlich könnte die FED auch anders argumentieren und behaupten, der geldpolitische Stimulus müsse auf einem hohen Niveau gehalten werden, nur so könne die Inflation wieder die Zwei-Prozentmarke erreichen. Ganz offensichtlich wäre damit aber ein erhebliches Stabilitätsrisiko für die Finanzmärkte verbunden. Insbesondere wenn die niedrige Inflation strukturell bedingt sei, würde die Beibehaltung des niedrigen Zinsniveaus das Risiko einer Überhitzung der Wirtschaft mit sich bringen. Bei überhitzten Volkswirtschaften sei die Gefahr groß, dass es nach Überschreiten des Zenit zu einer schweren Krise komme. Gleichzeitig steige das Risiko überbewerteter Vermögensmärkte, deren Einbruch realwirtschaftlich gravierende Folgen hätte.

Vor diesem Hintergrund gehen die Analysten der HSH Nordbank AG davon aus, dass Yellen ihre Zuversicht betonen dürfte, dass die Inflation in absehbarer Zeit das Inflationsziel erreichen wird. Entsprechend dürfte die FED ihre Leitzinserhöhungen fortsetzen (eine in diesem Jahr, drei im kommenden Jahr).

Das allmähliche Abschmelzen der Notenbank-Bilanzsumme habe die FED bereits angekündigt. Damit werde sie vermutlich noch in diesem Jahr beginnen. Die Schockwirkung für die Finanzmärkte dürfte sich in Grenzen halten, da die Bilanzsumme pro Monat um höchstens 10 Mrd. US-Dollar reduziert werde, das seien 0,22% der gesamten Bilanzsumme. Entsprechend sollten auch die US-Renditen zwar steigen, aber keine besondere Überraschung der Investoren dokumentieren.

Einen größeren Einfluss könnte kurzfristig die Ankündigung von EZB-Chef Mario Draghi in Bezug auf den Beginn des Tapering auslösen. Diese Ankündigung erwarten die Analysten der HSH Nordbank AG für die Oktobersitzung. Die zehnjährigen US-Renditen sollten bis zum Jahresende auf 2,50% steigen (14.09.: 2,19%). Voraussetzung dafür sei allerdings auch, dass sich die Furcht vor einer Zuspitzung des Nordkorea-Konfliktes wieder etwas lege und das politische Klima in Washington konstruktiver werde. (Ausgabe vom 14.09.2017) (15.09.2017/alc/a/a)