USA: Sinkt die Inflationsrate das erste Mal seit vielen Monaten?


09.05.22 11:21
Raiffeisen Bank International AG

Wien (www.anleihencheck.de) - Nach dem dicht gedrängten Datenkalender in den vergangenen Wochen haben die Marktteilnehmer in den nächsten Tagen mehr Zeit neue Informationen zur Wirtschaftsentwicklung zu verarbeiten, so die Analysten der Raiffeisen Bank International AG (RBI).

Im Vordergrund stünden sicher die US-Inflationsdaten. Obwohl die Preise im Monatsvergleich wohl weiter gestiegen seien, sei es wahrscheinlich, dass die Inflationsrate das erste Mal seit vielen Monaten sinke. Zuletzt habe die Gesamtrate bei 8,5% p.a. und die Kernrate bei 6,5% p.a. gelegen. Mit besonderer Aufmerksamkeit werde man die zugrunde liegende Inflationsdynamik der Kernrate beobachten, insbesondere ob sich das leichte Abflauen des Inflationsdrucks im Vormonat bestätige. Dies wäre wohl als positive Überraschung zu bewerten.

In der Eurozone seien die ersten Umfrageindikatoren (Sentix, ZEW) für den Monat Mai und Zahlen zur Industrieproduktion von Interesse. Sowohl die Stimmungsbarometer als auch die realwirtschaftlichen Kenngrößen würden nach Einschätzung der Analysten der RBI die Sorgenfalten nicht weniger werden lassen. Laut bereits vorliegenden Daten aus vielen Ländern sei die konjunkturelle Dynamik zu Jahresbeginn alles andere als berauschend und der März ein schwacher Monat gewesen. Klar sei auch, dass seit Kriegsbeginn in der Ukraine die Chancen auf eine Belebung der Wirtschaftsaktivität im Laufe des Jahres deutlich gesunken seien, was sich nicht zuletzt in den sehr niedrigen Umfragewerten von einigen Vertrauensindikatoren widerspiegele (z.B.: ZEW und Sentix Konjunkturerwartungen). Die Aussichten auf einen fortgesetzten Wirtschaftskrieg mit zunehmenden Sanktionen dürften die Stimmung erneut eingetrübt haben.

In den vergangenen Tagen hätten viele EZB-Vertreter in öffentlichen Auftritten ihre Ansichten zum weiteren geldpolitischen Werdegang geäußert. Unsere Zusammenfassung der unterschiedlichen Stimmen: Im Juni wird der EZB-Rat wohl den Pfad der geldpolitischen Normalisierung intensiv diskutieren, aber die Leitzinsen noch nicht erhöhen, so die Analysten der RBI. Ein unmittelbares Ende der Netto-Käufe im Rahmen des APP dürfte beschlossen werden und es erscheine als wahrscheinlich, dass die erste Zinsanhebung um 25 Basispunkte (BP) im Juli erfolge. Bis Jahresende seien zumindest noch ein bis zwei weitere Schritte im Ausmaß von 25 BP angedacht. In weiterer Folge gelte es das Leitzinsband auf ein neutrales Niveau zu hieven. Beachtlich viele Ratsmitglieder hätten zuletzt Bezug auf dieses theoretische Konzept genommen, welches in der Realität nicht messbar sei.

Unter den EZB-Entscheidungsträgern könnte sich für ein neutrales Niveau eine Bandbreite zwischen 1% und 2% als Konsens eingespielt haben (kurzfristiger risikoloser Zins oder ESTR). Das Tempo der Zinsnormalisierung werde eher datenabhängig sein (also kein vorab beschlossener Pfad), nicht in wenigen großen Schritten erfolgen (graduell) und wohl bis Ende 2023 abgeschlossen sein. Eine restriktive Ausrichtung sei bis zuletzt von keinem Vertreter gefordert worden. Dem Einwand, dass mit dieser Zinsnormalisierung eine ungewünschte Verschärfung der Kreditbedingungen einhergehen könnte (höhere Risikoprämien, eingeschränktes Finanzierungsangebot), könnte mit begleitenden Maßnahmen begegnet werden, die auf die Transmission der Geldpolitik abstellen würden. Hierfür würden sich die inzwischen als Standard bezeichneten Instrumente von Anleihekäufen und Refinanzierungsgeschäften aufdrängen. Die dürften zumindest in einer gewissen Form als Rückversicherung weiter eingesetzt werden.

Der Grundton der von uns analysierten Wortmeldungen war sicher davon geprägt, auf das veränderte Inflationsbild inklusive veränderter Inflationserwartungen geeignet zu reagieren, so die Analysten der RBI. Die wirtschaftliche Abwärtsrisiken hätten bei vielen Kommentaren eine untergeordnete Rolle gespielt. Die Analysten der RBI würden als nächsten Schritt ihre Zinsprognosen vor dem Hintergrund des vermuteten Stimmungsbildes des EZB-Rates zeitnah evaluieren und in einem zweiten Schritt nach der Zinssitzung im Juni nochmals überprüfen.

Die Zinssitzung der Federal Reserve habe einiges an Volatilität in den Markt gebracht, ungeachtet dessen, dass der geldpolitische Beschluss an sich für wenig Überraschung gesorgt habe. Wie erwartet sei das Zielband der Federal Funds Rate um 50 Basispunkte auf 0,75% bis 1,0% erhöht und auch ein beginnender Bilanzabbau beschlossen worden. Letzterer starte Anfang Juni im monatlichen Tempo von knapp unter USD 47,5 Mrd. und werde nach drei Monaten auf knapp unter USD 95 Mrd. erhöht. So weit, so gut. Am Treasury-Markt sei die Zinssitzung zuerst mit sinkenden Renditen, insbesondere am kurzen Ende der Kurve, quotiert worden. Dies habe den Grund gehabt, dass FED-Präsident Powell Zinsschritte im Ausmaß von 75 Basispunkte ausgeschlossen habe. Dementsprechend seien Erwartungen in diese Richtung für die Juni-Zinssitzung ausgepreist worden.

Bereits am darauf folgenden Tag habe der Markt aber wieder in die andere Richtung reagiert und das Marktpricing sei auf den Pfad von vor der FED-Sitzung zurückgekehrt, sogar etwas darüber hinaus. Höher als erwartete Lohnstückkosten (7,2% p.a.) hätten Marktteilnehmer daran erinnert, dass mittelfristige Inflationsrisiken die FED dennoch zu einer rascheren geldpolitischen Straffung veranlassen könnte. Die Analysten der RBI würden an ihrer Prognose von 50 Basispunkten im Juni festhalten, sähen aber Risiken, dass auch auf den darauffolgenden Zinssitzungen noch mit 50 Basispunkten-Schritten agiert werde und nicht wie von den Analysten prognostiziert mit 25 Basispunkten. Den Markt sollte das wenig überraschen, da dieser bereits eine aggressivere FED preise. Die letzten Tage hätten aber wieder einmal vor Augen geführt, dass der Markt nach wie vor sensibel auf Veröffentlichungen mit Inflationsbezug reagiere, und so sollte die Veröffentlichung der Verbraucherpreisinflation diese Woche ein Highlight am Datenkalender darstellen. (Ausgabe vom 06.05.2022) (09.05.2022/alc/a/a)





hier klicken zur Chartansicht

Aktuelle Kursinformationen mehr >
Kurs Vortag Veränderung Datum/Zeit
7,40 % 7,30 % 0,10 % +1,37% 28.04./22:00
 
ISIN WKN Jahreshoch Jahrestief
7,40 % 2,30 %