Erweiterte Funktionen

USA: Politische Unsicherheit als Hemmschuh für raschen Zinsanhebungspfad


20.06.17 10:45
HSH Nordbank AG

Hamburg (www.anleihencheck.de) - Auch 150 Tage nach der Amtseinführung von US-Präsident Donald Trump ist immer noch unklar, wohin die Reise geht, so die Analysten der HSH Nordbank AG.

Weder sei eine Grundsatzentscheidung über die Steuerreform, noch ein Konzept für ein Infrastrukturprogramm, noch eine klare Linie in der Handelspolitik erkennbar. Deutlich werde aber, dass Trump bereit sei, radikale Schritte zu gehen, auch wenn sie den USA nicht zum Nutzen gereichen würden. Dies habe die Aufkündigung des Pariser Klimaschutzabkommens gezeigt. Weitere Themen seien die Schuldengrenze, die dringend angehoben werden müsse, wenn eine Ausgabensperre in den nächsten Monaten vermieden werden solle, sowie die Außenpolitik der USA (Stichwort: Katar). Die Ungewissheit über den politischen Kurs schlage sich an den Bondmärkten in Form fallender Renditen nieder, während an den Aktienmärkten erst in den letzten Tagen eine gewisse Nervosität zu spüren sei.

Auch die US-Notenbank werde sich von dieser politischen Unsicherheit nicht ganz frei machen können. Mehr als ein weiterer Zinsschritt sei nach der Straffung im März und im Juni in diesem Jahr nicht zu erwarten. Dabei scheine die Konjunktur insgesamt rund zu laufen und auch die Inflationsentwicklung bereite - trotz des jüngsten Rücksetzers - keine Sorgen. In diesem Umfeld werden die Renditen noch gedämpfter steigen als dies die Analysten der HSH Nordbank AG ohnehin erwartet haben, während sie die Prognosen über BIP und Inflation unverändert lassen. Die US-Wirtschaft werde in diesem Jahr mit einer Rate von 2,3% wachsen, die Teuerungsrate sollte per Jahresende bei 1,7% liegen (PCE-Kernrate) und die Renditen dürften auf 2,60% steigen. Letzteres hänge unter anderem zusammen mit der Analysten-Erwartung, dass die Europäische Zentralbank (EZB) im September den Beginn des Tapering für Januar 2018 ankündigen werde. Entsprechende Renditebewegungen bei den Bunds würden sich auch in gedämpfter Form bei den US-Treasuries bemerkbar machen.

Nachdem das US-BIP im ersten Quartal lediglich um 1,2% gegenüber dem Vorquartal zugelegt habe (annualisierte Rate), sei für das zweite Quartal eine Beschleunigung auf 3% zu erwarten. Die bisher vorliegenden Daten würden darauf hindeuten, dass der größte Wachstumsimpuls vom privaten Konsum komme, während die Dynamik bei Investitionen und Exporten (die im ersten Quartal außerordentlich hoch gewesen sei) deutlich nachlasse. Die ISM-Einkaufsmanagerindices von 54,9 Punkten im Mai (Verarbeitendes Gewerbe) und Dienstleistungssektor (56,9 Punkte) würden zu dem insgesamt ordentlichen Wachstum passen.

Die Beschäftigung nehme weiterhin zu, wenngleich hier die Zuwächse in den vergangenen drei Monaten unterdurchschnittlich gewesen seien. Die Hoffnung, dass vonseiten des Staates kräftige Impulse in Form einer umfassenden Steuerreform und eines Infrastrukturprogramms kommen, weicht immer mehr der ernüchternden Erkenntnis, dass der Präsident für seine teilweise unausgegorenen Pläne keine ausreichende Rückendeckung in seiner Partei hat und die handwerklichen Fähigkeiten der neuen Administration begrenzt zu sein scheinen, so die Analysten der HSH Nordbank AG.

Die Inflationsentwicklung bleibe verhalten. Die Kernrate der PCE-Inflation sei im April auf 1,5% gefallen (Vormonat: 1,6%) und bei der CPI-Inflation ergebe sich ein ähnliches Bild. Dies sei auf den ersten Blick erstaunlich, sollte man doch angesichts einer sich besser ausgelasteten Volkswirtschaft (Kapazitätsauslastung sei in den vergangenen Monaten von einem niedrigen Niveau auf 76,7% gestiegen und die Arbeitslosenrate sei auf 4,3% gefallen) eine höheren Preisdruck erwarten.

Die niedrige Arbeitslosenrate spiegele sich immer noch nicht in nachhaltig steigenden Löhnen wider. Man möge dies mit der adjustierten Arbeitslosenrate erklären (diese berücksichtige unfreiwillig Teilzeitbeschäftigte und Menschen, die eigentlich arbeiten möchten, ihre Bereitschaft aber nur eingeschränkt dem Arbeitsamt kundtun würden), die im Mai bei 8,4% gelegen habe. Dieser Wert sei allerdings in den vergangenen Jahren auch kräftig gefallen und liege lediglich 1 Prozentpunkt über dem Wert, der in dem Boomjahr 2006 erreicht worden sei. Die Analysten der HSH Nordbank AG gehen davon aus, dass der Zusammenhang zwischen Inflation und Auslastungsgrad grundsätzlich weiterhin gilt, es jedoch schlicht etwas länger als in früheren Zyklen dauert, bis die Preise tatsächlich auf die Schließung der Outputlücke reagieren.

An der wirtschaftspolitischen Front habe die Regierung Trump gleich mehrere Baustellen. Die bislang nur auf einer Seite von Trump skizzierte Steuerreform sei offensichtlich weit von einer Beschlusslage entfernt. So sei zum Beispiel die Grenzanpassungssteuer noch nicht ganz vom Tisch. In Bezug auf die Veränderungen des Gesundheitssystems Obamacare habe das Abgeordnetenhaus dem Gesetzentwurf zugestimmt, es fehle allerdings noch die Zustimmung des Senats. Das "Congressional Budget Office" habe berechnet, dass mit dem neuen Gesetz etwa 14 Millionen Menschen ihren Krankenversicherungsschutz im nächsten Jahr und insgesamt 23 Millionen Menschen bis zum Jahr 2026 verlieren würden.

Dann sei da noch das ominöse Infrastrukturprogramm. Grundsätzlich möchte man wohl mit 200 Mrd. US-Dollar öffentlicher Mittel private Gelder von weiteren 800 Mrd. US-Dollar innerhalb von zehn Jahren aktivieren. Die Analysten der HSH Nordbank AG rechnen damit, dass die Maßnahmen mit erheblicher Verspätung und nur zu einem Bruchteil durchgeführt werden, da es an politischem Willen und Professionalität fehlt. Schließlich koche allmählich - und täglich grüße das Murmeltier - die Schuldengrenze wieder hoch. Diese sei bereits im März bei 20 Billionen US-Dollar erreicht worden und seit dem greife man zu Sondermaßnahmen, damit der Staat seine Rechnungen bezahlen könne.

Bisher sei das Finanzministerium nicht in der Lage oder willens gewesen, den Termin bekannt zu geben, ab wann der Staat tatsächlich in Zahlungsnöte kommen würde. Oktober scheine ein realistischer Termin zu sein, aber wenn die Steuereinnahmen in den nächsten Monaten schlechter ausfallen würden als erwartet, könne der kritische Termin auch in die Sommerpause (28. Juli bis 5. September) fallen. Kurz: Von wirtschaftspolitischer Seite erwarten die Analysten der HSH Nordbank AG keine positiven Impulse mehr, sondern in erster Linie verunsichernde Signale. Das BIP werde in diesem Jahr nicht wegen, sondern trotz Trump expandieren

Mit dem Schritt, das Klimaschutzabkommen im Namen der USA aufzukündigen, hat Präsident Donald Trump die Weltgemeinschaft vor den Kopf gestoßen und an seine Wähler das Signal gesendet: Schaut, ich mache genau das, was ich euch im Wahlkampf angekündigt habe, so die Analysten der HSH Nordbank AG. Man werte die Tatsache, dass die Regierung den Ausstieg aus einem internationalen Abkommen zelebriere (Trump habe die Pressekonferenz sichtlich genossen), als Warnung in Richtung bestehender Handelsabkommen.

Gefährdet sei damit nicht nur das Nafta-Freihandelsabkommen mit Mexiko und Kanada, sondern auch der Grundkonsens, nach den Regeln der WTO zu "spielen". Einige politische Beobachter würden mutmaßen, dass der Präsident die Sektion 232 des "Trade Expansion Acts" von 1962 aktivieren könnte. Auf der Grundlage der Sektion 232 könnten Importbeschränkungen beschlossen werden, wenn eine Untersuchung ergebe, dass die nationale Sicherheit gefährdet sei. Offensichtlich bestehe die Gefahr, dass die Regierung unter dem Vorwand der nationalen Sicherheit beispielsweise Aluminium- und Stahlimporte einschränke - diese seien gerade besonders in der Diskussion - aber eine Ausweitung auf andere Produkte (deutsche Autos?) würde dann nicht mehr verwundern. Insgesamt sei mit dem Ausstieg aus dem Paris-Abkommen die Wahrscheinlichkeit für eine umfassend protektionistische Handelspolitik größer geworden - und damit seien auch die Wachstumsrisiken für die USA und die Welt gestiegen.

Die US-Notenbank habe Mitte Juni den Leitzins ein zweites Mal in diesem Jahr angehoben, und zwar auf die Bandbreite von 1,00% bis 1,25%. Ginge es nur nach den Inflations- und Wachstumsdaten, dürfte man mit zwei weiteren Zinsschritten rechnen. Angesichts der politischen Unsicherheit und insbesondere der Unklarheit, ob und in welchem Ausmaß es zu fiskalischen Impulsen für die Wirtschaft kommen werde, werde die FED-Präsidentin zum Anlass nehmen, vorsichtig zu bleiben. Die Analysten der HSH Nordbank AG gehen daher von nur noch einem Zinsschritt aus, der im Dezember durchgeführt werden dürfte. Der Leitzins läge dann bei 1,25% bis 1,50%.

Darüber hinaus habe die FED deutlich gemacht, dass sie noch in diesem Jahr mit der Normalisierung der Bilanzsumme starten möchte. Gemäß dem vorgelegten Plan werde sie die Fälligkeiten von Staatsanleihen nicht mehr vollständig reinvestieren, sondern dies nur noch teilweise tun. Für Staatsanleihen habe sie sich ein Limit von 6 Mrd. US-Dollar pro Monat gesetzt (würden die Fälligkeiten eines Monats darüber hinausgehen, werde dieser Betrag wieder angelegt), für hypothekenkreditbesicherte Wertpapiere ein Limit von 4 Mrd. US-Dollar. Die Analysten der HSH Nordbank AG gehen davon aus, dass man das Tempo mittelfristig beschleunigen wird. Einige Marktteilnehmer hätten mit einer rascheren Gangart gerechnet.

Abgesehen davon habe die politische Unsicherheit bei den langfristigen Renditen klare Spuren hinterlassen. Die zehnjährigen T-Notes würden nur noch bei 2,22% rentieren, vor drei Monaten hätten sie noch bei 2,63% gelegen. Dabei sei allerdings zu berücksichtigen, dass der US-Bondmarkt auch durch die EZB gestützt werde, in dem diese in jedem Monat 60 Mrd. Euro an Wertpapieren ankaufe. Die Analysten der HSH Nordbank AG gehen von leicht steigenden Renditen in den kommenden Monaten aus, unter anderem weil die EZB voraussichtlich im September ankündigen wird, ihr Ankaufprogramm ab Januar 2018 allmählich zu reduzieren. Zehnjährige Renditen sollten per Jahresende 2,40% erreichen. (Ausgabe vom 19.06.2017) (20.06.2017/alc/a/a)