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USA: Notenbank in Erklärungsnöten


08.11.21 11:45
Helaba

Frankfurt (www.anleihencheck.de) - Das deutsche Wort "Schadenfreude" ist einer von den Begriffen, die zusammen mit "Rucksack" und "Kindergarten" Eingang in die anglo-amerikanische Umgangssprache gefunden haben, so die Analysten der Helaba.

Es beschreibe recht treffend das aktuelle Gefühl vieler FED-Watcher beiderseits des Atlantiks, die bereits bei der Vorstellung des neuen geldpolitischen Konzepts im Sommer 2020 deutliche Kritik geübt hätten. Die unangenehme Lage, in der sich die FED derzeit befinde, werde durch diesen Strategiewechsel nämlich teilweise noch verschlimmert.

Zum einen würden gerade die zahlreichen Nachteile der "forward guidance" exemplarisch vorgeführt. So habe das FOMC entgegen aller Datenevidenz lange Zeit gezögert, das Kaufprogramm zu reduzieren oder auch nur öffentlich darüber zu reden, weil man Angst vor Überreaktionen an den Finanzmärkten habe, wenn man Zusagen zurücknehme. Dies gelte mehr noch für das Wording zum "lift off", dem Zeitpunkt der ersten Zinserhöhung: Hier finde sich im Kommuniqué unverändert als Bedingung eines höheren Leitzinses, dass die Inflation erst "über 2% gestiegen" sein solle, was angesichts einer aktuellen Vorjahresrate von 4,4% (PCE-Preisindex) bzw. 5,4% (CPI) wie der reine Hohn klinge. Offenbar erscheine es den Notenbankern aber zu riskant, selbst eine, wie man meinen sollte, wenig kontroverse Anpassung an diesem Satz vorzunehmen.

Zum anderen bringe die neue Strategie nicht nur in der Kommunikation, sondern auch bei den eigentlichen Zielen der Geldpolitik Probleme. So habe sich die FED im August 2020 ein scheinbar klares numerisches Ziel für die Inflationsrate gegeben- etwas, was man bei aller angeblichen "Symmetrie" beim zweiten Ziel, der Vollbeschäftigung, peinlich vermeide. Nun werde aber deutlich, dass diese Strategie von Notenbankern formuliert worden sei, die sich im vergangenen Sommer schlicht nicht hätten vorstellen können, binnen so kurzer Zeit weit oberhalb ihrer Zielmarke zu landen.

Dies zwinge die FED nun, von "temporärer" Teuerung zu reden, ohne aber Farbe zu bekennen, ab welcher Dauer sie den Inflationsschub nicht mehr als vorübergehend charakterisieren würde. Würden die CPI-Daten in der Berichtswoche für mehr Klarheit sorgen? Es zeichne sich bereits ab, dass die Energiepreise im Oktober erneut einen kräftigen Sprung gemacht hätten - das sei nichts Neues. Dagegen habe sich der Kernindex seit dem historischen Schub im Frühjahr beruhigt. Hier würden die Analysten mit einem Anstieg um 0,3% gegenüber Vorperiode rechnen. Dies sei deutlich weniger als in einigen der Vormonate, aber noch immer um einiges oberhalb der "Preisniveaustabilität".

Jenseits der volatilen einzelnen Monatswerte dürften die Drei- und Sechs-Monatstrends in den kommenden Monaten annualisiert auf eine Rate von rund 3% konvergieren. Dies sei das Hauptszenario der Analysten, in dem der Preisauftrieb gemessen an der Kernrate im Jahresschnitt 2022 bei rund 3,5% liege, so wie schon 2021. Fakt sei aber, dass wohl noch eine Reihe von Monatswerten erforderlich sein werde, um die Position der FED hinsichtlich der Teuerung entweder zu bestätigen. (Ausgabe vom 05.11.2021) (08.11.2021/alc/a/a)