Erweiterte Funktionen

USA: Notenbank im Blindflug?


11.06.21 15:05
Helaba

Frankfurt (www.anleihencheck.de) - In der Berichtswoche tagt das FOMC der FED, so die Analysten der Helaba.

Klare Schritte in Richtung einer weniger extremen Geldpolitik werde das Gremium wohl erneut schuldig bleiben. Warum auch?

Die US-Notenbank eiere schon seit einiger Zeit kommunikationstechnisch ziemlich herum. Niemand habe ihre historisch einmaligen Notfallmaßnahmen in der unmittelbaren Krise im letzten Jahr ernsthaft in Frage gestellt. Aber die US-Wirtschaft sei schon seit dem Sommer 2020 wieder auf Expansionskurs, die Arbeitslosenquote sei stärker gefallen als erwartet und die Teuerung sei deutlich höher. Die FED bleibe dennoch stur bei ihrer Zusage, den Leitzins bis zum Sankt-Nimmerleins-Tag bei null festzunageln und, schlimmer noch, weigere sich, das massive Anleihekaufprogramm, das für die aktuell astronomisch hohen Wachstumsraten der Geldmenge verantwortlich sei, anzupassen.

Das im letzten Sommer eingeführte geldpolitische Ziel einer "durchschnittlichen" Teuerung sei dabei Teil des Problems. Die FED bleibt uns nämlich eine Aussage dazu schuldig, über welchen Zeitraum der Mittelwert von 2% eigentlich erreicht werden soll, so die Analysten der Helaba. Würden vergangene Verfehlungen z.B. nur aus dem letzten Jahr, den letzten zwei Jahren oder gar nicht zählen und nur Zukunftswerte (Prognosen) seien relevant? Je nachdem, ob die "Durchschnittsbetrachtung" im August 2020 (Verkündung der neuen Strategie) oder ein bis zwei Jahre vorher einsetze, komme man hinsichtlich der Zielabweichung zu unterschiedlichen Ergebnissen. Nur eines hätten diese Ansätze gemeinsam: Der Index liege schon jetzt über den jeweils implizierten Zielwerten! Dies werde aber von der FED in keiner Weise thematisiert.

Nach dem Sprung der Inflation im Frühjahr und angesichts der in den kommenden Monaten zu erwartenden Engpässe sei davon auszugehen, dass sich die Teuerung auf absehbare Zeit deutlich oberhalb von 2% bewegen werde. Damit stelle sich die Frage, was die FED eigentlich meine, wenn sie sage, sie strebe eine Teuerungsrate an, die "eine Zeit lang oberhalb des Zielwertes" liege? Würden drei Monate bei 3% so viel wie sechs Monate bei 2,5% zählen? Dazu würden sich die sonst sehr gesprächigen Geldpolitiker ausschweigen.

Auch die "forward guidance", laut ihren Befürwortern ja ein voller Erfolg, führe nach Meinung der Analysten bei vielen Marktteilnehmern vor allem zu steigender Verwirrung. Man solle zunächst beim Inhalt des offiziellen "Kommuniqués" bleiben. Hier würden die Kriterien für eine erste Zinserhöhung relativ klar formuliert: Vollbeschäftigung am Arbeitsmarkt und die schon erwähnte Teuerung "oberhalb des Ziels". Dass dies in Wahrheit eine Abkehr von einer nach vorne schauenden Geldpolitik darstelle, bestätige die Formulierung zur Zukunft des Kaufprogramms: Für seine Reduktion seien "substanzielle Fortschritte" in Richtung der beiden genannten Ziele erforderlich. Und hier hätten diverse Notenbanker explizit gesagt, dass für sie im Hinblick auf diese Fortschritte in keiner Weise Erwartungen, sondern nur Ist-Werte zählen würden. Fahren mit dem Blick im Rückspiegel also, so die Analysten der Helaba.

Wenig hilfreich sei in diesem Zusammenhang die hartnäckige Weigerung der meisten FOMC-Mitglieder, Aussagen über den aus ihrer Sicht wahrscheinlichen Zeitpunkt einer Anpassung des Kaufprogramms zu machen. Natürlich könne dies kein in Stein gemeißeltes Datum sein. Aber im Rahmen der Projektionen würden die Notenbanker ja auch regelmäßig mitteilen, wann aus ihrer Sicht im Basis-Szenario eine erste Zinserhöhung sinnvoll sein werde. Warum lasse sich dies nicht auf das Kaufprogramm anwenden? In Wahrheit diene die "forward guidance" eben nicht als ein neutrales Kommunikationsmittel mit Märkten und Öffentlichkeit, sondern als ein weiteres Instrument, um bei Zinsen nahe null ("lower effective bound") möglichst viel zusätzlichen Stimulus zu generieren. Diesem Stimulus würden Logik und Glaubwürdigkeit im Zweifelsfall geopfert. (11.06.2021/alc/a/a)