USA: Inflationsziel der FED - ist Geduld eine Tugend?


10.11.17 11:40
Helaba

Frankfurt (www.anleihencheck.de) - In der Berichtswoche ist der Veröffentlichungskalender in den USA prall gefüllt, so die Analysten der Helaba.

Eine ganze Reihe von Konjunkturindikatoren stehe auf der Agenda, allerdings seien viele von ihnen wohl noch von den Effekten der Hurrikane verzerrt. Dies gelte eingeschränkt auch für die Inflationsdaten zum Oktober. Dennoch seien sie ein guter Anlass, mal einen Blick auf das Preisklima zu werfen - und darauf, wie die FED mit ihm umgehe.

Die Hurrikane im Spätsommer hätten zu einem spürbaren landesweiten Anstieg der Benzinpreise geführt, der bis heute nur teilweise wieder korrigiert worden sei. Angesichts der inzwischen nachgezogenen Rohölnotierungen falle die Gesamtteuerung wohl Ende 2017 merklich höher aus, als die Prognostiker einschließlich der FED noch im Sommer erwartet hätten (Prognose für Oktober: 2,1%). Dem stehe eine noch immer überraschend niedrige Kernrate gegenüber. Ohne Nahrungsmittel und Energie seien die Preise nur 1,7% höher als vor Jahresfrist. Anfang 2017 habe diese Rate noch bei 2,3% gelegen. Sondereffekte hätten hier eine Rolle gespielt, aber es bleibe eine nicht völlig geklärte "Inflationslücke". Deren Interpretation sei auch für die Geldpolitik von großer Bedeutung.

Der designierte Nachfolger von Janet Yellen als FED-Präsident, Jerome Powell, sitze schon seit 2012 im FOMC. Seine Äußerungen zur Geldpolitik habe er bisher allerdings knapp gehalten und sie seien meist "boilerplate" gewesen, wie man in den USA sage: nichtssagende Plattitüden, die nur die offizielle Position des Gremiums aus dem letzten Kommuniqué widergespiegelt hätten. Seine eigene Meinung sei daher weitgehend ein Rätsel geblieben. Umso spannender sei die Frage, ob er bei der geldpolitischen Strategie der FED Verbesserungsbedarf ausmache. Als Nicht-Ökonom dürfte er sich anfangs mit drastischen Reformschritten zurückhalten. Seine Expertise liege eher auf dem Gebiet der Finanzmarktregulierung/ -stabilität - und da sei das Zinsniveau ein zweischneidiges Schwert: Einerseits würden die niedrigen Zinsen potenzielle Über- und Fehlbewertungen sowie riskantes Anlageverhalten fördern, andererseits könne ein zu schnelles Straffen der Geldpolitik gerade wegen der hohen Bewertungen und Schuldenstände schnell zu einem akuten Stabilitätsrisiko werden.

Um eine zentrale Frage komme der FED-Chef nicht herum: Welche Schlussfolgerungen seien aus der Tatsache zu ziehen, dass die FED ihr Inflationsziel von 2% (gemessen am Preisindex für Konsumausgaben) seit 2009 fast nie erreicht habe? Eine Möglichkeit wäre, das Inflationsziel nach unten anzupassen - vielleicht hätten sich die Strukturen so verschoben, dass die 2%-Marke nicht mehr bzw. nur noch mit inakzeptablen Nebenwirkungen erreichbar sei.

Eine andere Möglichkeit wäre Geduld. So lasse sich argumentieren, dass die Phillips-Kurve nicht tot sei - in der jüngsten Vergangenheit scheine der nach 2008 lange Zeit lose Zusammenhang zwischen Arbeitslosenquote und Lohnauftrieb wieder enger geworden zu sein. Die meisten Schätzungen für die Produktionslücke lägen noch nahe null - echter Preisdruck sei auch in früheren Zyklen erst bei Überauslastung aufgekommen. Davon sei nicht zuletzt die Industrie weit entfernt. Im Verarbeitenden Gewerbe betrage die Kapazitätsauslastung derzeit rund 75%, deutlich weniger als der langfristige Durchschnitt von 78,4%. (10.11.2017/alc/a/a)