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USA: FED schon in Extrembereich?


09.10.20 10:00
Helaba

Frankfurt (www.anleihencheck.de) - Am 3. November wählen die Amerikaner ihren Präsidenten und den neuen Kongress - mitten in der Pandemie, berichten die Analysten der Helaba.

Die Wahl bringe erhebliche logistische Herausforderungen mit sich. Zudem bestehe die (wohl nicht unberechtigte) Sorge, Amtsinhaber Trump könne im Falle einer knappen Niederlage das Ergebnis nicht anerkennen. Daher stelle man sich darauf ein, dass es Tage oder Wochen dauern könnte, bis die Unsicherheit über den Wahlausgang vorüber sei. Ähnliches gelte angesichts der schmalen Mehrheit der Republikaner im Senat auch für die politisch zentrale Frage, wer in Zukunft die obere Kammer kontrollieren werde. Selbst gewaltsame Auseinandersetzungen zwischen Gegnern und Anhängern Trumps scheinen heute plausibler als noch vor ein paar Monaten, so die Analysten der Helaba.

Dabei könne die US-Wirtschaft einen zusätzlichen Irritationsfaktor derzeit absolut nicht brauchen. Zwar zeichne sich für das Sommerquartal trotz der trüben Pandemielage ein stärker als erwartet ausfallender Rückprall ab. Die Analysten der Helaba rechnen nun mit einem annualisierten Plus in der Größenordnung von 25% und haben daher ihre Prognose für das Gesamtjahr von -5% auf -4,3% angehoben. Auch sei die Arbeitslosenquote sehr schnell gefallen: Von einem Hoch bei 14,7% im April sei sie auf 7,9% im September zurückgegangen. Selbst ohne einen neuen nationalen Lockdown drohe die Pandemie über "freiwillige" Verhaltensänderungen der Verbraucher oder regionale Einschränkungen das Potenzial für die weitere Erholung zu deckeln. Aufgrund der positiven Entwicklung der Frühindikatoren wie der ISM-Einkaufsmanagerindices bleiben die Analysten der Helaba aber bei ihrer Prognose, dass die wirtschaftliche Aktivität in den nächsten Quartalen weiter zunehmen wird, wenn auch mit abnehmendem Schwung.

Trotz der historischen Kontraktion der Aktivität in diesem Jahr habe sich das Preisklima zuletzt eingetrübt. Die Kernteuerung ohne Energie und Nahrungsmittel habe bei hohen Infektionsraten nach dem Ende des Lockdown viel schneller und stärker angezogen als erwartet. Die Analysten der Helaba haben daher ihre Prognose für die Gesamtteuerung für 2020 von 1,1% auf 1,3% geändert. Im kommenden Jahr dürfte durchschnittlich sogar mehr als 3% erreicht werden.

Eigentlich habe die FED bereits alles Nötige getan - und mehr. Die kurz- und langfristigen Zinsen seien auf Allzeittiefs, Verspannungen an den Finanzmärkten im Frühjahr hätten sich schnell gelöst, der Aktienmarkt laufe gut, Kredit- und Geldmengenaggregate seien explodiert und bei vielen eingerichteten Liquiditätsprogrammen seien die Maximalvolumen nicht mal annähernd ausgeschöpft würden. Angesichts der andauernden Blockade im Kongress, an der sich wohl vor den Wahlen auch nichts ändern werde, bleibe die Fiskalpolitik aber untätig. Während die von den Demokraten geforderten Billionenbeträge an zusätzlichen Staatsausgaben aus Sicht der Analysten übertrieben seien, bestehe weitgehender Konsens, dass zum Beispiel kurzfristige und zielgerichtete Einkommenshilfen in der aktuellen Lage größere Schäden von der US-Wirtschaft abwenden würden.

Die Tatsache, dass diese Maßnahmen auf sich warten lassen würden, könnte den Aktivismus der Geldpolitiker anstacheln, doch noch mal nachzulegen. Nach Einschätzung der Analysten bewege sich die FED derzeit aber schon in einem Extrembereich, in dem die Risiken und Nebenwirkungen den gewünschten Effekt zunehmend übersteigen würden. (Ausgabe vom 08.10.2020) (09.10.2020/alc/a/a)