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USA: Bei Bedarf ist mit weiteren expansiven geldpolitischen Maßnahmen zu rechnen


06.11.20 11:15
DONNER & REUSCHEL AG

Hamburg (www.anleihencheck.de) - Auch drei Tage nach der US-Präsidentschaftswahl ist diese noch nicht entschieden, so Carsten Mumm, Chefvolkswirt bei der Privatbank DONNER & REUSCHEL AG.

Zwar würden die Chancen des Herausforderers Joe Biden wieder steigen, doch sei eine zweite Amtszeit Donald Trumps weiter möglich. Das worst-case-Szenario für die Kapitalmärkte wäre die notwendige Entscheidung vor dem Obersten Gerichtshof, verbunden mit einem gesteigerten Maß an Unsicherheit.

Die Frage, wer der nächste US-Präsident sein werde, spiele für die grundsätzliche Richtung an den internationalen Aktienbörsen mittel- und langfristig nur eine untergeordnete Rolle - zumal weder Biden noch Trump über eine geschlossene Mehrheit im Kongress verfügen würden, und ihre geplanten Vorhaben nur mit Abstrichen umsetzen könnten. Nur in einzelnen Branchen, wie dem Energiesektor, würden sich deutliche Weichenstellungen bemerkbar machen. Sollte Biden gewinnen, würde eine Energiewende deutlich mehr Unterstützung erfahren.

Die wesentlichen Einflussfaktoren für Zinsen, Aktien & Co. würden aber der Fortgang der Corona-Pandemie, die wirtschaftliche Erholung von der globalen Rezession sowie die vielfach ultra-expansive Ausrichtung der Notenbanken bleiben.

Die Anzahl der neuen positiv getesteten Corona-Fälle habe in den letzten Tagen sowohl in der Eurozone als auch in den USA erneut stark zugenommen. Als Reaktion seien in vielen europäischen Staaten wieder Shutdown-Maßnahmen implementiert worden. Anders als im Frühjahr würden sich die Einschränkungen zwar vor allem auf Dienstleistungssektoren konzentrieren, trotzdem werde die wirtschaftliche Erholung zurückgeworfen. In Deutschland sei im 4. Quartal ein Nullwachstum wahrscheinlich, die Eurozone dürfte hingegen erneut in eine Rezession rutschen.

Die Auftragseingänge für die deutsche Industrie im September würden dieses Bild schon widerspiegeln, mit einem Einbruch der Aufträge aus der Eurozone um sechs Prozent im Vergleich zum Vormonat. Auch die Markit-Einkaufsmanagerindices für die Dienstleistungen seien zuletzt für die Eurozone wieder unter die Expansionsmarke von 50 gefallen. Die Anzahl der Unternehmensinsolvenzen sei im September in Deutschland erneut gefallen. In den kommenden Monaten sei zwar mit zunehmenden Insolvenzen zu rechnen, weil die Aufschiebung der Insolvenzantragspflicht nur noch für überschuldete, aber nicht mehr für zahlungsunfähige Unternehmen gelte. Trotzdem würden die verlängerten fiskalischen Schutzmaßnahmen der Bundesregierung eine große Insolvenzwelle auch in den kommenden Monaten verhindern.

Sowohl in China als auch in den USA verlaufe die wirtschaftliche Erholung hingegen ungestört und deutlich dynamischer. Sowohl in der Industrie als auch im Dienstleistungssektor habe sich gemäß Einkaufsmanagerindices entsprechend auch für die kommenden Monate eine Produktionsausweitung abgezeichnet. In China seien bisher keine größeren neuen Infektionswellen zu verzeichnen gewesen. In den USA hingegen werde die dritte Infektionswelle bisher nicht mit Shutdown-Maßnahmen beantwortet, wodurch allerdings das Risiko künftiger wirtschaftlicher Rückschläge steige. Die Dynamik der wirtschaftlichen Erholung habe in den USA gemäß Umfrage des ISM-Einkaufsmanagerindex zuletzt für einen wieder verstärkten Preisdruck auf vorgelagerten Ebenen der Produktion gesorgt, beispielsweise beim Bezug von Vorleistungen, Rohstoffen oder dem Einkauf von Transportkapazitäten. Das Erreichen der Vorkrisen-Inflationsniveaus von 2 bis 3 Prozent sei damit in den kommenden Monaten wahrscheinlich.

Die US-Notenbank FED habe am Rande des gestrigen Zinsentscheids trotzdem unterstrichen, dass sich an ihrem expansiven Kurs zeitnah nichts ändern werde. Vielmehr hätten die Notenbanker auf die aus der Corona-Pandemie nach wie vor bestehenden erheblichen wirtschaftlichen Risiken und die zuletzt langsamere Erholung des Arbeitsmarktes verwiesen. Bei Bedarf sei somit mit weiteren expansiven geldpolitischen Maßnahmen zu rechnen. Die Perspektiven für die Kapitalmärkte würden unverändert bleiben: Historisch niedrige Zinsen bei leicht steigendem Inflationsdruck würden die Nachfrage nach realen Kapitalanlagen, wie Aktien, Immobilien und Edelmetallen sowie zuletzt auch nach Bitcoin verstärken. (06.11.2020/alc/a/a)