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USA: Auswirkungen der vorgestellten Steuerreform


06.11.17 11:45
Raiffeisen Bank International AG

Wien (www.anleihencheck.de) - In den nächsten Tagen werden mit Ausnahme des US-Verbrauchervertrauens der Universität von Michigan keine relevanten Konjunkturdaten veröffentlicht, so die Analysten der Raiffeisen Bank International AG (RBI).

Die Marktakteure hätten damit ausgiebig Zeit, die Informationsflut der letzten Tage auf sich wirken zu lassen. Zum ersten wäre da die FED-Zinsentscheidung. Die Stellungnahme zur Zinsentscheidung lege nahe, dass das FOMC den Leitzins auf seiner Sitzung Mitte Dezember zum dritten Mal in diesem Jahr um 0,25% anheben werde. Zum zweiten sei die Nominierung von Jerome Powell als Nachfolger für FED-Präsidentin Janet Yellen ab März 2018 zu nennen. Powell dürfte die Politik Yellens der langsamen aber fortgesetzten Rücknahme des geldpolitischen Stimulus in den nächsten Jahren fortführen. Er gehöre dem FED-Board bereits seit 2012 an und habe bisher alle Entscheidungen von Janet Yellen mitgetragen.

Die Nominierung Powells habe sich zuletzt abgezeichnet und stelle daher keine Überraschung mehr dar. Interessanter sei eher die Frage, was mit den derzeit drei weiterhin unbesetzten Boardpositionen passiere. Zumal sich Frau Yellen nach dem Auslaufen ihrer Präsidentschaft wohl ganz aus dem FED-Board zurückziehen dürfte und ihre theoretisch bis 2024 laufende Amtszeit wohl nicht ausschöpfen werde. Präsident Trump könne damit nach Randal Quarles wohl in Summe vier weitere Boardmitglieder nominieren.

Die meiste Zeit würden die Marktakteure aber wohl darauf verwenden, die möglichen Auswirkungen der am letzten Donnerstag von den Republikanern im Repräsentantenhaus vorgestellten Steuerreform zu analysieren. Es sei sowohl ein Konzept für eine Unternehmenssteuerreform als auch für eine Einkommenssteuerreform vorgelegt worden. Für Unternehmen solle es Entlastungen im Ausmaß von rund USD 1 Billion in den nächsten zehn Jahren geben. Kernstück der Reform sei die dauerhafte Absenkung des Unternehmenssteuersatzes von 35% auf 20%. Daneben solle es Unternehmen erlaubt werden, Investitionen in Ausrüstungen im Jahr der Anschaffung vollständig abzuschreiben, anstatt die Abschreibungen wie bisher über mehrere Jahre geltend zu machen. Allerdings sei diese Möglichkeit auf fünf Jahre begrenzt.

Zur Finanzierung der zu erwartenden massiven Steuerausfälle werde unter anderem eine Einmalsteuer auf von US-Firmen repatriierte Gewinne in Höhe von 12% (im Fall von liquiden Mitteln) vorgeschlagen. Um künftig eine Nicht-Versteuerung von im Ausland erzielten Gewinnen zu vermeiden, solle eine globale Unternehmenssteuer in Höhe von 10% eingeführt werden. Das heiße, bezahle ein US-Unternehmen im Ausland keinerlei Steuer auf die dort erzielten Gewinne, müssten 10% der Gewinne an das US-Finanzamt abgeführt werden. Im Ausland bezahlte Steuern würden auf die 10% angerechnet. Bitter aus Sicht ausländischer Unternehmen, die in den USA tätig seien, sei der Plan, in den USA erzielte und dann ins Ausland abgeführte Gewinne mit einer Steuer von 20% zu belegen.

Die Einkommenssteuerreform solle eine Reduzierung der bisher sieben Steuerklassen auf nur noch vier bringen, wobei die Einkommensgrenzen, ab denen der jeweils nächsthöhere Steuersatz gelte, deutlich steigen würden. Gleichzeitig solle der Steuerfreibetrag für Verheiratete auf USD 24.000 nahezu verdoppelt werden. Außerdem solle der Kinderfreibetrag steigen. Finanziert werden solle das Ganze durch die rigorose Streichung fast aller bisherigen Möglichkeiten, die Steuerlast zu reduzieren. Die meisten erwerbstätigen Amerikaner dürften bei Umsetzung der Vorschläge eine (leichte) Reduktion ihrer Steuerlast erfahren.

Es werde aber auch Verlierer geben. So wie es derzeit aussehe vor allem kinderreiche Familien, die in Bundesstaaten mit einem hohen pro Kopf Einkommen und einer hohen Steuerbelastung auf Ebene des Bundesstaates leben würden (Kalifornien, New York, New Jersey, Pennsylvania, etc.). Die Republikaner und Präsident Trump würden nicht müde zu betonen, dass die Steuerreform in erster Linie der Mittelschicht zugute kommen werde. Ihr Hauptargument sei dabei, dass die Unternehmen die vielen Milliarden US-Dollar an höheren Gewinnen dazu nutzen würden, mehr Arbeitsplätze zu schaffen und die Löhne und Gehälter der Beschäftigten zu erhöhen.

Die Analysten der RBI halten es dagegen für wahrscheinlicher, dass das Geld zum großen Teil für Aktienrückkäufe und Dividendenausschüttungen genutzt werden wird. Und selbst wenn Unternehmen mit dem Geld im großen Stil Arbeitsplätze schaffen wollten, würden sie angesichts der aktuellen Lage am Arbeitsmarkt Schwierigkeiten haben, qualifizierte Bewerber zu finden.

Auch die Einkommenssteuerreform helfe bei genauerem Hinsehen dank Wegfall von Erbschafts- und Grunderwerbsteuer sowie der Abschaffung der Alternative Minimum Tax vor allem wenigen (Super)Reichen und per Saldo nur mäßig der Mittelschicht. Zwar werde der jetzt vorliegende Vorschlag so nicht Gesetz werden und es werde noch zu einigen Änderungen kommen, unter dem Strich werde die Steuerreform allerdings nicht zu dem von den Republikanern versprochenen Konjunkturfeuerwerk führen. Sicher scheine aber zu sein, dass es zu einem massiven Anstieg der Staatsschulden kommen werde, der noch über die von den Republikanern veranschlagten USD 1,5 Billionen auf Sicht der nächsten zehn Jahre hinausgehen werde. (Ausgabe vom 03.11.2017) (06.11.2017/alc/a/a)