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Türkei: Der starke Preisdruck hält an


09.05.22 10:15
DekaBank

Frankfurt (www.anleihencheck.de) - Die türkische Inflationsrate ist im April von 61,1% auf 70,0% gestiegen, so die Analysten der DekaBank.

Treiber seien steigende Energie- und Nahrungsmittelpreise. Vor allem würden aber die hohen Inflationserwartungen eine wichtige Rolle spielen. Die Notenbank habe schon im vergangenen Jahr deutlich gemacht, die Zinsen in jedem Falle niedrig zu halten. Mit 14% liege der Leitzins deutlich unter der Inflationsrate. Stattdessen würden die Währungshüter auf ein Auslaufen des Rohstoffpreisanstiegs und eine Stabilisierung des Wechselkurses setzen. Die Lira solle durch Interventionen am Devisenmarkt sowie Anreize für Finanzanlagen in der heimischen Währung gestützt werden. Eine Stabilisierung des Wechselkurses erweise sich aber als schwierig, da die hohen Energiepreise die Leistungsbilanz wieder deutlich ins Defizit gedrückt hätten und sich Hoffnungen auf einen Überschuss zerschlagen hätten.

Die starke Teuerung laste zunehmend auf der Konjunktur. Der Einkaufsmanagerindex für das Verarbeitende Gewerbe sei im April leicht von 49,4 auf 49,2 Punkte gefallen und habe damit zum zweiten Mal in Folge knapp unter der Expansionsmarke gelegen. Angesichts der hohen Inflation, der schwachen Währung und der angeschlagenen Konjunktur gehe Präsident Erdogan mit einer schwachen wirtschaftspolitischen Bilanz in die letzten zwölf Monate vor den Präsidentschafts- und Parlamentswahlen, die spätestens im Juni 2023 stattfinden würden.

Mit welcher Strategie Erdogan diese Wahlen gewinnen möchte, sei unklar. Seine Bemühungen, sich als Vermittler im Krieg zwischen Russland und der Ukraine zu profilieren, seien angesichts der geringen Aussicht auf eine Einigung kaum geeignet, ihm einen großen außenpolitischen Erfolg zu bescheren. Die Annäherung an Saudi-Arabien verspreche eher mittelfristig Vorteile in Form höherer Auslandsinvestitionen. Die Verkündung einer lebenslangen Haftstrafe für den Menschenrechtsaktivisten Kavala sorge bei der türkischen Opposition und im westlichen Ausland für Empörung und dürfte Erdogan Anhänger kaum mobilisieren.

Präsident Erdogan habe in wirtschaftspolitischen Fragen das letzte Wort. Der Verzicht auf Zinsanhebungen in einem Hochinflationsumfeld zeige, dass er auch in der Geldpolitik weiterhin starken Einfluss ausübe. Der Mangel an Vertrauen in die Zentralbank auf Seiten von Investoren und Konsumenten befeuere hohe Inflationserwartungen. Auf der anderen Seite habe die expansive Geldpolitik dazu beigetragen, dass die Türkei seit Beginn der Corona-Krise hohes Wirtschaftswachstum habe ausweisen können. Die Konjunkturausschläge dürften auch in den kommenden Jahren hoch sein.

Außenpolitisch habe die Türkei durch ihre Vermittlerrolle im Krieg zwischen Russland und der Ukraine einen Erfolg vorzuweisen. Mit Blick auf die Präsidentschaftswahl 2023 bleibe jedoch das Risiko bestehen, dass Erdogan eine neue Konfrontation mit dem Westen suche, um seine Anhänger zu mobilisieren. Ob es 2023 zu einem Wechsel an der Spitze des Landes komme, sei trotz eher schwacher Umfragewerte für Erdogan ungewiss. Ein Wechsel würde umfassende Reformperspektiven eröffnen.

Drei Währungskrisen innerhalb von drei Jahren hätten das Vertrauen von Ratingagenturen und internationalen Investoren in die türkische Wirtschaftspolitik stark erschüttert. Zuletzt habe Fitch im Dezember 2021 den Ratingausblick auf negativ gesenkt. Die Risikoaufschläge türkischer Staatsanleihen würden die Sorge der Investoren zeigen, doch das Spreadniveau signalisiere keine Erwartung einer bevorstehenden Staatsschuldenkrise. Die größten fundamentalen Schwächen seien die hohe Fremdwährungsverschuldung des Unternehmenssektors und die niedrigen Währungsreserven. Angesichts der sehr hohen Auslandsverschuldung sei es essentiell, dass der Zugang zum internationalen Finanzierungsmarkt für türkische Banken und Unternehmen bestehen bleibe. (Ausgabe vom 06.05.2022) (09.05.2022/alc/a/a)