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Türkei: Mit neuem Personal gegen Währungsverfall


13.11.20 11:00
Helaba

Frankfurt (www.anleihencheck.de) - Ein neuer Finanzminister und der Chef der Zentralbank sollen die tiefe ökonomische Krise der Türkei stoppen, so die Analysten der Helaba.

Zumindest die Finanzmärkte würden Hoffnung schöpfen, dass die allzu lockere Fiskal- und Geldpolitik ein Ende habe. Am Montag habe die Türkische Lira 6% gegenüber dem US-Dollar gewonnen und auch die Börse in Istanbul habe einen deutlichen Sprung nach oben gemacht. Nach diesen Vorschusslorbeeren werde der neue Zentralbankgouverneur schon bald liefern müssen. Nächste Woche Donnerstag trete das Geldpolitische Komitee zusammen, wobei alle Beobachter mit einer Leitzinserhöhung rechnen würden.

Zwei überraschende Personalwechsel innerhalb einer Woche hätten in der Türkei für Aufsehen gesorgt. Am Sonntag habe Finanzminister Albayrak seinen Rücktritt aus gesundheitlichen Gründen bekannt gegeben. Das Land sei mit zahlreichen wirtschaftlichen Herausforderungen konfrontiert: Rezession, hohe Inflation, Währungsverfall, Rückgang der Devisenreserven, erhebliche Arbeitslosigkeit. Nicht alle Probleme würden sich auf die Corona-Pandemie zurückführen lassen, viele seien hausgemacht. Dementsprechend habe der neue Finanzminister Elvan gleich nach seiner Amtseinführung versucht, die Investoren zu beschwichtigen. Er habe gesagt, dass die Wirtschaftspolitik transparenter und vorhersehbarer werden und internationalen Normen entsprechen müsse, womit er genau das angesprochen habe, woran es in den letzten Jahren gemangelt habe.

Unterdessen scheine auch Staatspräsident Erdogan einen Sinneswandel vollzogen und die ökonomischen Sachzwänge anerkannt zu haben. Am Mittwoch habe er eine neue Wachstumsstrategie auf der Grundlage von Preis- und Finanzstabilität verkündet. Auch wolle er das Land stärker als bisher für ausländische Investoren öffnen. Noch vor kurzem habe er die Türkei in einem "historischen Kampf" gegen "die Fesseln der Zinssätze" gesehen. Anleger hätten erfreut reagiert und der Lira-Kurs sei unter die Marke von 8 TRY/US-Dollar gesunken.

Die Zentralbank habe die rückläufige Inflation 2019 dazu genutzt, um durch eine Reihe von Leitzinssenkungen die Konjunktur zu stützen. Auch als die Inflation Ende 2019 wieder angezogen habe, habe sie ihre lockere Geldpolitik fortgesetzt, sodass der Realzins im Jahresverlauf 2020 bisher durchgehend negativ gewesen sei. Während im ersten Halbjahr der Fokus der Geldpolitik klar auf der Stützung der Konjunktur angesichts der Corona-Pandemie gelegen habe, rücke mittlerweile die Inflation wieder stärker in den Blickpunkt der Währungshüter. So sei der Leitzins im September um 200 Basispunkte angehoben worden, der erste Anstieg seit der aggressiven Zinserhöhung Mitte 2018. Dies habe allerdings weder der Kursverfall der Lira gebremst, noch die Inflation signifikant beeinflusst.

Das mittelfristige Ziel von 5% solle gemäß dem "New Economic Program" in Etappen erreicht werden. So solle die Inflation in diesem Jahr auf 10,5%, im kommenden Jahr auf 8% und 2022 auf 6% reduziert werden. Der jüngste Inflationsbericht Ende Oktober sehe die Preissteigerung Ende 2020 aber immer noch bei 12,1% und erwarte bis Ende 2021 nur einen Rückgang auf 9,4%. Außerdem würden die Währungshüter in dem anhaltenden Anstieg der Inflationserwartungen ein Risiko sehen und bereits von einer notwendigen "Stärkung der im August begonnenen geldpolitischen Straffung" sprechen. Dementsprechend würden die Analysten nächste Woche mit einer deutlichen Leitzinserhöhung rechnen. (13.11.2020/alc/a/a)