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Türkei: Zentralbank überrascht mit früher Zinssenkung


11.10.21 12:15
DekaBank

Frankfurt (www.anleihencheck.de) - Die Türkische Zentralbank hat auf ihrer September-Sitzung den Leitzins überraschend um 100 Basispunkte auf 18,0% gesenkt, so die Analysten der DekaBank.

Zuvor habe sie über Monate auf die Preisrisiken hingewiesen, die sich aus steigenden Inflationserwartungen und starker gesamtwirtschaftlicher Nachfrage ergeben würden. Da dieses Umfeld unverändert bestehe, bedeute die Zinssenkung einen weiteren Schlag für die Reputation der Notenbank. Die Entscheidung dürfte maßgeblich auf den Druck von Präsident Erdogan zurückzuführen sein, der sich schon seit längerem für niedrige Leitzinsen ausspreche. Die Lira habe nach der Senkung gegenüber dem US-Dollar rund 2% an Wert verloren und ein neues historisches Tief markiert. Der Druck vom Devisenmarkt dürfte allerdings nicht stark genug sein, um die Zentralbank von weiteren Schritten abzuhalten.

Die Inflationsrate sei im September von 19,3% auf 19,6% gestiegen, womit der reale Leitzins nun bei -1,6% liege. Vom Ziel eines positiven Realzinses sei die Zentralbank schon zuvor abgerückt, als sie die Bedeutung der Kerninflationsrate betont habe, die bei 18,0% liege. Ein starker Basiseffekt dürfte dazu führen, dass die Inflationsrate im November deutlich sinke, was gegen Jahresende die Entscheidung für Zinssenkung erleichtere. Die Zentralbank werde aber vor allem die Entwicklung der Lira im Blick behalten. Eine weitgehend kontrollierte Abschwächung dürfte in Kauf genommen werden, doch Anzeichen einer Währungskrise würden zumindest weitere Senkungen verzögern.

Verschiedene Faktoren würden gegenwärtig die Lira stützen: Das im internationalen Vergleich hohe nominale Zinsniveau, das hohe Wachstumstempo der türkischen Wirtschaft, der Rückgang des Leistungsbilanzdefizits sowie das geringe Exposure ausländischer Investoren am türkischen Kapitalmarkt. Die Corona-Ansteckungszahlen seien in den vergangenen Wochen wieder gestiegen, doch angesichts des steigenden Impffortschritts seien neue harte Lockdowns eher unwahrscheinlich und die Mobilitätsdaten würden darauf hindeuten, dass sich die Lage auch im Dienstleistungssektor weiter normalisiere.

Präsident Erdogan habe in wirtschaftspolitischen Fragen das letzte Wort. Die Zinssenkung im September zeige, dass er auch in der Geldpolitik weiterhin starken Einfluss ausübe. Der Mangel an Vertrauen in die Zentralbank auf Seiten von Investoren und Konsumenten trage zu hohen Inflationserwartungen bei und sorge immer wieder für Druck auf die Lira. Auf der anderen Seite habe die expansive Geldpolitik dazu beigetragen, dass die Türkei auch im Corona-Krisenjahr positives Wirtschaftswachstum habe ausweisen können. Die Konjunkturausschläge dürften auch in den kommenden Jahren hoch sein.

Außenpolitisch dürfte Erdogan immer wieder Konfrontationen suchen, um seine Anhänger zu mobilisieren. Das Verhältnis zu den westlichen Partnern dürfte angespannt bleiben, solange Erdogan im Amt sei. Die nächste Präsidentschaftswahl finde spätestens im Juni 2023 statt. Ob es zu einem Wechsel an der Spitze des Landes komme, sei trotz niedriger Umfragewerte für Erdogan ungewiss. Ein Wechsel würde umfassende Reformperspektiven eröffnen.

Zwei Währungskrisen innerhalb von zwei Jahren hätten das Vertrauen von Ratingagenturen und internationalen Investoren in die türkische Wirtschaftspolitik stark erschüttert. Die Risikoaufschläge türkischer Staatsanleihen würden die Sorge der Investoren zeigen, doch das Spreadniveau signalisiere keine Erwartung einer bevorstehenden Staatsschuldenkrise. Die größten fundamentalen Schwächen seien die hohe Fremdwährungsverschuldung des Unternehmenssektors, die niedrigen Währungsreserven und das hohe Leistungsbilanzdefizit. Angesichts der sehr hohen Auslandsverschuldung sei es essentiell, dass der Zugang zum internationalen Finanzierungsmarkt für türkische Banken und Unternehmen bestehen bleibe. Dies sei während vergangener Krisenphasen der Fall gewesen. (Ausgabe vom 08.10.2021) (11.10.2021/alc/a/a)