Türkei: Zentralbank senkt den Leitzins trotz steigender Inflationsrate


17.11.21 10:25
DekaBank

Frankfurt (www.anleihencheck.de) - Die Türkische Zentralbank hat auf ihrer Oktober-Sitzung den Leitzins um 200 Basispunkte auf 16,0% gesenkt und die Märkte mit diesem deutlichen Schritt zum zweiten Mal in Folge überrascht, so die Analysten der DekaBank.

Sie habe dabei ihre Kommunikation innerhalb kurzer Zeit mehrfach revidiert und damit den Eindruck verstärkt, dass sie bei ihrer Geldpolitik lediglich die Vorgaben von Präsident Erdogan ausführe und dann versuche, dessen Entscheidungen ökonomisch zu begründen. So habe sie noch im Sommer betont, den Leitzins über der Inflationsrate halten zu wollen, um dadurch die Inflationsrate mittelfristig zu senken. Dann habe sie die (niedrigere) Kerninflation in den Vordergrund gestellt und im September den Zins unter die Inflationsrate gesenkt.

Im Oktober sei sie auf das Verhältnis von Leitzins zu Inflationsrate dann gar nicht mehr eingegangen, ebenso wenig auf das zuvor betonte Problem des nachfragebedingten Inflationsdrucks. Stattdessen seien nun die Inflationstreiber als rein transitorisch und außerhalb des Einflusses der Geldpolitik beschrieben worden. Damit habe sie sich argumentativ den Spielraum für weitere Zinssenkungen verschafft, selbst wenn sie ausgeführt habe, sie halte diesen Spielraum für beschränkt.

Die Türkische Lira habe seit dem Oktober-Zinsentscheid nochmals mehr als 6% gegenüber dem US-Dollar verloren, womit der Inflationsdruck verstärkt werde. Die Inflationsrate sei im Oktober weiter von 19,6% auf 19,9% gestiegen. Die Zentralbank habe ihre Inflationserwartung von 14,1% auf realistische 18,4% angehoben, sich aber durch ihre Kommunikation der Notwendigkeit enthoben, auf diesen neuen Inflationsausblick geldpolitisch zu reagieren.

Druck auf die Lira sei auch durch die Drohung Erdogans entstanden, die Botschafter von zehn westlichen Ländern ausweisen zu lassen, nachdem diese in Einklang mit einem Urteil des Europäischen Gerichtshofs für Menschenrechte die Freilassung eines Regierungskritikers verlangt hätten. Erdogan habe seine Drohung dann nicht wahrgemacht, doch die Episode zeige, dass er gut eineinhalb Jahre vor der Präsidentschaftswahl bereit sei, den Einsatz zu erhöhen.

Präsident Erdogan habe in wirtschaftspolitischen Fragen das letzte Wort. Die jüngsten Zinssenkungen würden zeigen, dass er auch in der Geldpolitik weiterhin starken Einfluss ausübe. Der Mangel an Vertrauen in die Zentralbank auf Seiten von Investoren und Konsumenten trage zu hohen Inflationserwartungen bei und sorge immer wieder für Druck auf die Lira. Auf der anderen Seite habe die expansive Geldpolitik dazu beigetragen, dass die Türkei auch im Corona-Krisenjahr positives Wirtschaftswachstum habe ausweisen können.

Die Konjunkturausschläge dürften auch in den kommenden Jahren hoch sein. Außenpolitisch dürfte Erdogan immer wieder Konfrontationen suchen, um seine Anhänger zu mobilisieren. Das Verhältnis zu den westlichen Partnern dürfte angespannt bleiben, solange Erdogan im Amt sei. Die nächste Präsidentschaftswahl finde spätestens im Juni 2023 statt. Ob es zu einem Wechsel an der Spitze des Landes komme, sei trotz niedriger Umfragewerte für Erdogan ungewiss. Ein Wechsel würde umfassende Reformperspektiven eröffnen.

Zwei Währungskrisen innerhalb von zwei Jahren hätten das Vertrauen von Ratingagenturen und internationalen Investoren in die türkische Wirtschaftspolitik stark erschüttert. Die Risikoaufschläge türkischer Staatsanleihen würden die Sorge der Investoren zeigen, doch das Spreadniveau signalisiere keine Erwartung einer bevorstehenden Staatsschuldenkrise. Die größten fundamentalen Schwächen seien die hohe Fremdwährungsverschuldung des Unternehmenssektors, die niedrigen Währungsreserven und das hohe Leistungsbilanzdefizit. Angesichts der sehr hohen Auslandsverschuldung sei es essentiell, dass der Zugang zum internationalen Finanzierungsmarkt für türkische Banken und Unternehmen bestehen bleibe. Dies sei während vergangener Krisenphasen der Fall gewesen. (Ausgabe vom 12.11.2021) (17.11.2021/alc/a/a)