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Türkei: Starker Inflationsanstieg lässt keinen Raum für baldige Zinssenkungen


14.07.21 10:00
DekaBank

Frankfurt (www.anleihencheck.de) - Die Inflationsrate in der Türkei ist im Juni überraschend deutlich von 16,6% auf 17,5% gestiegen, so die Analysten der DekaBank.

Neben der schwachen Türkischen Lira und dem Anstieg der Ölpreise hätten sich hier auch Angebotsengpässe aufgrund des Lockdowns niedergeschlagen. Zwar seien die Beschränkungsmaßnahmen wieder weitgehend gelockert worden, doch eine deutliche Entspannung bei der Preisentwicklung sei in den kommenden Monaten nicht zu erwarten. Denn die Inflationserwartungen seien noch weiter gestiegen und Unternehmen dürften daher zögern, Preiserhöhungen zurückzunehmen. Die Analysten der DekaBank würden erst im November einen merklichen Rückgang der Inflationsrate erwarten, weil dann ein Basiseffekt wirke. Damit könnte dann der Weg für eine erste Leitzinssenkung frei werden. Eine Senkung bereits im dritten Quartal sei nicht auszuschließen, weil Präsident Erdogan dies wiederholt gefordert habe und die Zentralbank nicht unabhängig sei. Allerdings geriete in diesem Fall die Lira erneut unter starken Abwertungsdruck, was die Popularität Erdogans weiter beschädigen würde.

Immerhin sei es gelungen, die jüngste Corona-Welle zu brechen, ohne die Wirtschaft massiv zu treffen. Die täglichen Neuansteckungszahlen lägen aktuell bei rund 5.000, nachdem sie Mitte April noch bei 60.000 gelegen hätten. Der Einkaufsmanagerindex für das Verarbeitende Gewerbe sei im Juni von 49,3 auf 51,3 Punkte gestiegen und liege damit wieder deutlich im Expansionsbereich. Der Dienstleistungssektor leide dagegen weiterhin unter geringen Touristenzahlen. Dennoch hätten die Analysten der DekaBank ihre BIP-Prognose für 2021 von 5,0% auf 6,0% angehoben, weil die Lockdown-Maßnahmen die Wirtschaft weniger stark getroffen hätten, als sie das noch im Mai unterstellt hätten.

Die Türkische Lira bewege sich zwar gegenüber dem US-Dollar nahe ihrer historischen Tiefstände, doch zuletzt habe die Abwärtsdynamik nachgelassen. Ein Grund hierfür sei sicherlich die Tatsache, dass sich viele Ausländer bereits seit Monaten aus dem Markt verabschiedet hätten. Zudem sei es der Zentralbank in den vergangenen Wochen gelungen, die Währungsreserven um rund 10 Mrd. USD auf über 57 Mrd. US-Dollar (ohne Goldbestände) aufzustocken. Hilfreich gewesen sei hierbei die Erhöhung eines Währungsswaps mit der chinesischen Notenbank um 3,6 Mrd. US-Dollar, doch die Zahlen würden darauf hindeuten, dass die türkische Notenbank US-Dollar am Devisenmarkt angekauft habe, was dafürspreche, dass der Abwertungsdruck abgenommen habe.

Präsident Erdogan habe in wirtschaftspolitischen Fragen das letzte Wort. Mit der Entlassung von Zentralbankgouverneur Agbal im März habe er einer stabilitätsorientierten Wirtschaftspolitik eine Absage erteilt. Lediglich der Druck der Märkte dürfte ihn hindern, auf Realzinsen nahe null oder sogar im negativen Bereich zu dringen. Nach einem verheerenden Jahr für die türkische Tourismusbranche dürfte auch 2021 noch sehr schwierig bleiben, da die über Impfungen erreichte Immunität in Europa noch immer nicht sehr hoch sei. Außenpolitisch dürfte Erdogan immer wieder Konfrontationen suchen, um seine Anhänger zu mobilisieren.

Zwei Währungskrisen innerhalb von zwei Jahren hätten das Vertrauen von Ratingagenturen und internationalen Investoren in die türkische Wirtschaftspolitik stark erschüttert. Die Risikoaufschläge türkischer Staatsanleihen würden die Sorge der Investoren zeigen, doch das Spreadniveau signalisiere keine Erwartung einer unmittelbar bevorstehenden Staatsschuldenkrise. Die größten fundamentalen Schwächen seien die hohe Fremdwährungsverschuldung des Unternehmenssektors, die niedrigen Währungsreserven und das hohe Leistungsbilanzdefizit. Angesichts der sehr hohen Auslandsverschuldung sei es essenziell, dass der Zugang zum internationalen Finanzierungsmarkt für türkische Banken und Unternehmen bestehen bleibe. Dies sei während vergangener Krisenphasen der Fall gewesen. (Ausgabe vom 09.07.2021) (14.07.2021/alc/a/a)